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Dating für Intros: Die 7 Beziehungs-Herausforderungen für introvertierte Männer

Lesenswert: Wie ich als introvertierter Mann eine Partnerin fand


Dies ist ein Gastbeitrag von Leonard Baumgardt.

Als Intro hat man’s von Natur aus schwerer mit dem anderen Geschlecht, stimmt’s?

Nicht unbedingt!

Richtig ist, dass es uns manchmal so vorkommt. Wenn du dich als Introvertierter mit den ganzen „Extros“ da draußen vergleichst, fühlst du dich womöglich erstmal minderwertig. „Extros“ gehen in Nachtclubs. „Extros“ können tanzen. „Extros“ haben einen großen Freundeskreis, und Smalltalk mit Fremden geht ihnen leicht von den Lippen.

Gerade der introvertiere Mann fühlt sich leicht benachteiligt im „Spiel der Liebe“. Wenn nämlich die hübsche Studentin am Tisch da drüben dir einen Blick zuwirft, dann bist du derjenige, der rüber gehen muss. Sie wird’s nicht tun. Egal, wie viel die Zeitschriften über Gleichberechtigung schreiben: Der erste Schritt wird immer noch vom Mann erwartet.

Und trotzdem glaube ich, dass wir „Intros“ durchaus sehr gut ausgestattet sind für Liebe, Nähe und Intimität mit einem anderen Menschen.

Meine Freundin sagt mir z. B., dass ich sehr einfühlsam bin, dass ich gut zuhören kann, und dass ich erstaunlich „in mir ruhe“ und ihr Halt gebe, wenn sie mal einen Drama-Anfall hat (… ja, Frauen haben mehrere Seiten an sich).

Mein einziges Problem früher ist gewesen, dass ich diese Qualität nicht nach außen habe kommunizieren können. Anders gesagt, ich habe mich früher nur auf eine Weise verhalten, dass Frauen nie die Chance hatten, zu sehen wer ich eigentlich bin. Sie haben die Oberfläche gesehen – den netten, schüchternen Kerl. Aber die Tiefe dahinter (das wo eigentlich das Gold liegt bei uns Intros), die lag für Frauen verborgen.

Die Frage ist also:

Wie kommst du aus dir selbst heraus, ohne dass du dich selbst verleugnen musst? Wie kommst du in Kontakt und baust Nähe auf zu einer Frau, die dir gefällt, ohne dass du dich selbst dabei verlierst?

Hier sind sieben Herausforderungen, die speziell wir Intros lernen müssen, wenn es um das Thema Dating & Beziehungen geht:

1. GRENZEN SETZEN UND ZU SICH SELBER STEHEN

Du bist wer du bist. Es gibt Dinge, die dir Spaß machen – und es gibt Dinge, die dir keinen Spaß machen. Das Leben ist kurz. Du kannst es dir nicht leisten, jemand sein zu wollen der du nicht bist.

Gerade für uns Intros ist das eine Herausforderung. Weil das was wir wollen oft im Konflikt steht zu dem, was Andere wollen. Andere (sprich: Extros) genießen Parties, Gruppen, und viel Action. Wir dagegen schätzen Ruhe, Fokus, und tiefgehende Zweiergespräche.

Mein Vater fragte mich vor einigen Monaten, ob ich zu seinem 70. Geburtstag komme. Ich habe gewusst, was ich will. Und ich habe gewusst, was er gern hören würde. Ich habe ihm gesagt, dass ich nicht komme. Und natürlich war er enttäuscht. Mein Vater ist extrovertiert, und das Zusammensein in der Gruppe gibt ihm Freude und Energie. Als ich gesagt habe, dass ich nicht kommen werde, hat er sich natürlich erstmal gefühlt, als ob ich ihm eine Freude nehmen will, oder als ob ich ihn nicht schätze. Richtig ist, dass ich mich „prostituiert“ gefühlt hätte, wenn ich mich in eine Situation begeben hätte, die mir nichts gibt, nur weil ich meinen Vater nicht enttäuschen will. Ich hätte ihm damit etwas vorgespielt, das ich nicht bin.

Es ist nicht schön, Andere zu enttäuschen. Es ist nicht schön, anders zu „ticken“ als 74% der Weltbevölkerung, und immer wieder gegen den Strom schwimmen zu müssen. Und doch ist genau das deine einzige Chance.

(Meinen Vater hab‘ ich übrigens zwei Monate später zu einem gemeinsamen Urlaub eingeladen. Wir haben zu zweit gekocht, haben geredet, haben Lagerfeuer gemacht… das hat für mich funktioniert, und er hat sich genauso gefreut.)

2. DAS KLEINE AUFSCHIEBEN

Bitte benutz nicht das Etikett „Intro“ als Ausrede dafür, dass du keine Frau ansprichst, die dir gefällt.

Wenn dir eine Frau gefällt, und du sagst ihr nichts davon, dann ist die Ursache dafür Angst – nicht Introversion. Die Definition von Introversion ist nicht, „Einer, der nicht mit Leuten sprechen kann“, sondern bloß, „Einer dessen Batterien sich eher aufladen, wenn er allein ist, und sich eher entladen, wenn er unter Leuten ist“. Dass du „ein Intro“ bist ist also keine Ausrede für Passivität.

Passivität und das Unterdrücken von Impulsen ist eine Angewohnheit. Und die fängt im Kleinen an. Stell dir vor, du hast Hunger, du läufst an einem Bäckerladen vorbei, und dann denkst du aber „Ach, da müsste ich mich erst anstellen, zu viel Aufwand!“ – und läufst weiter. Du hast gerade einen Impuls in dir unterdrückt. Du hast gerade ein Stück Lebendigkeit in dir abgewürgt. Und diese Tendenz, spontane Impulse „runter zu drücken“ und mit rationalen Ausreden zu übergehen, die machst du mit jeder Wiederholung stärker und stärker. Bis sie am Ende so stark ist, dass du nicht mehr dagegen ankommst… selbst wenn du es in dem Moment eigentlich gerne würdest.

Es ist wichtig, dass du auch in den kleinen Dingen des Lebens die Gewohnheit trainierst, auf deine innere Stimme zu hören. Gewöhn dir an, dass du im Zweifel lieber ein paar Umstände tolerierst und dafür dein Bedürfnis im Hier und Jetzt erfüllst. Trainiere Spontaneität statt Passivität. Denn das, was du im Kleinen trainierst, das wird sich nachher auch im Großen äußern.

(Zum Beispiel dann, wenn auf der Post vor dir in der Schlange eine schöne junge Frau steht und dir freundlich und einladend zulächelt…)

3. SICH MITTEILEN

Du lebst in deiner Welt – die anderen Menschen aber nicht.

Hört sich wie eine Selbstverständlichkeit an. Aber wir Intros gehen oft unbewusst davon aus, dass Andere es uns doch ansehen müssen, was gerade in uns vorgeht.

Du unterhältst dich zum Beispiel nett mit einer Arbeitskollegin, und du denkst dir, „Sie muss doch merken, dass ich auf sie stehe“. Aber sie merkt gar nix – und nachher bist du enttäuscht, wenn bei ihr erst Wochen später der Groschen fällt und sie dir gesteht, dass sie glücklich in einer Beziehung ist, und dass sie dir gar keine falsche Hoffnung hätte machen wollen.

Oder du hast eine Frau bei dir zu Hause, und ihr sitzt nebeneinander, und du würdest sie gerne küssen… aber sie tut nichts, redet nur weiter, und du schlussfolgerst, dass sie nicht interessiert ist. Dabei hat sie vielleicht das Gleiche gewollt wie du.

Wenn du nicht aussprichst, was in dir vorgeht – was du willst, und was du nicht willst – dann wird die andere Person dich mit hoher Wahrscheinlichkeit missverstehen.

Übrigens: Zu „Sich Mitteilen“ gehört auch, dass man nicht unbewusst Signale aussendet, die man gar nicht aussenden will. Wie oft habe ich früher Frauen abgewiesen, ohne dass ich mir darüber bewusst war! Frau unterhält sich mit mir. Ich will cool tun. Gucke immer wieder an ihr vorbei und durch den Raum. Sie denkt sich, „Der Typ ist offensichtlich nicht interessiert an mir, und ich nerve ihn bloß“. Frau verschwindet. Ich denke, „Wusst ich’s doch. Ich bin ihr nicht cool genug. Sie hat wohl gemerkt, dass ich ein Intro bin, und deshalb findet sie mich langweilig und sucht sich jetzt jemand anderen“. Dass ich selber ein Signal gesendet habe, das sie als Ablehnung interpretiert hat – darauf bin ich gar nicht gekommen!

4. ZUHÖREN

Als Intro lässt man sich leicht beeindrucken von den Hyper-Extros. Den Typen, die immer coole Geschichten zu erzählen haben. Die von wilden Parties reden, von ihrem letzten Bungee-Jump, und von Geld, Politik und Sport. Wir denken, dass wir da mithalten müssen, und dann „überkompensieren“ wir.

Große Überraschung: Nichts törnt eine Frau mehr ab beim ersten Date, als ein Kerl der ständig redet (vor allem über sich selbst).

Die Fähigkeit, sich zu fokussieren und die Innenwelt deines Gegenüber nachzuvollziehen – das ist deine große Stärke als Intro. Du bist gut darin, die Klappe zu halten und einer Sache zu folgen (nämlich der Erzählung deines Gegenüber). Also versuch nicht, einen auf Extro zu machen und zu imitieren was du denkst was Männer in deiner Situation tun sollten… sondern nutze diese Stärke, die du hast.

Du bist umso interessanter, je interessierter du bist.

(Ich habe ein Video auf YouTube zu dem Thema. Es heißt „Sei der Hafen“.)

5. SEXUALITÄT AUS DEM SCHATTEN HOLEN

Dieser Punkt betrifft Intros genauso wie Extros, und Männer genauso wie Frauen.

Sexualität ist ein Punkt von Verwundbarkeit. Du bist verwundbar, wenn du jemandem gestehst, dass du ihn sexuell attraktiv findest. Du bist verwundbar, wenn du gestehst, dass du sexuelle Fantasien hast. Und du bist verwundbar, wenn du überhaupt auch nur zeigst, dass du eine sexuelle Seite hast, und eben nicht nur „der nette Kerl“ bist, oder „der freundliche Arbeitskollege“, oder der „interessante Gesprächspartner aus dem Chat“.

Ich weiß nicht, wie es dir geht – aber ich habe meine Sexualität lange wie einen geheimen Rückzugsort gesehen. Wie eine Insel meiner Persönlichkeit, von der niemand anders etwas erfahren darf. In meinem Falle kam das auch daher, dass ich mit 25 noch keine Bettgeschichten erlebt hatte. Es waren also auch Scham und Minderwertigkeitsgefühle mit dem Thema verbunden, und deshalb habe ich das Thema mit Frauen entweder übergangen, oder ich habe nachgeplappert, was ich dachte was von mir erwartet wird, anstatt mich wirklich zu öffnen.

Ehrlich gesagt ist es eine ziemliche Erleuchtung für mich gewesen, als ich gemerkt habe, dass ich als Mann mit einer Frau sehr früh über das Thema sprechen kann. Dass ich sogar vollkommen ehrlich sein kann darüber, wie spät ich „dran gewesen“ bin.

Über Sexualität reden zu können mit einer Frau – ohne dich zu verstellen, ohne dass du damit etwas willst von ihr (ihre Bestätigung, Mitleid, dass sie dich als etwas Besonderes sieht) – das ist ein großer Schritt zu Intimität. Freilich: Sexualität an sich ist noch keine Intimität. Aber deine Sexualität ist ein Teil von dir. Deine sexuellen Erfahrungen, Wünsche und Ängste gehören genauso zu dir wie deine Augenfarbe, dein Lieblingsessen oder deine Oma. Wenn du das Thema mit einer Frau umgehst oder aufschiebst, obwohl es dich innerlich bewegt, dann gibst du ihr ein unehrliches Bild von dir… und machst damit echte Nähe zwischen euch unmöglich.

6. KÖRPERKONTAKT

Was den Intro vom Extro unterscheidet, sagte mal Carl Gustav Jung, ist dass der Extro auf das Objekt in der Welt zugeht, während der Intro erstmal vor dem Objekt zurückschreckt.

Und oft trifft das auch genau so zu bei uns, wenn es um Körperkontakt geht.

Körperkontakt ist womöglich das wichtigste Element überhaupt, das den Unterschied dazwischen macht, ob du mit einer Frau „nur befreundet“ bist, oder ob zwischen euch „etwas läuft“.

Und wenn du dir anguckst, was Kerle klassischerweise tun, um an Frauen „ranzukommen“, dann wirst du feststellen, dass viele dieser Dinge nichts weiter sind als ein Vorwand dafür, Körperkontakt herzustellen: Der Kerl, der mit einer Frau tanzt. Der Kerl, der eine Frau auf dem Motorrad mitnimmt (wo sie sich eng an ihm festklammern muss). Oder auch der Typ, der irgendwelche Handlesetricks lernt oder NLP-Ankertechniken an Frauen probiert. Ich denke, du kannst dir die Umwege sparen. Du kannst gerne tanzen lernen, oder Motorradfahren, oder Handlesen, wenn dich das interessiert. Aber wenn’s darum geht, „Knistern“ zu erzeugen mit einer Frau die dir gefällt, dann ist der eigentliche „Wirkstoff“ hinter all diesen Maschen immer derselbe: Berührung.

Berührung ist eine Form von Kommunikation. Du kannst eine Frau mit deiner Berührung entspannen und erregen – und du kannst einer Frau mit deiner Berührung Angst machen. Ich, als Kopfmensch, habe das selber von meinem Freund Aaron lernen müssen (der übrigens einen Videokurs zu dem Thema hat namens „GoodHandz“).

Du musst aufhören damit, Berührungen als etwas zu sehen, mit dem du dir etwas nimmst von der Frau. Ich bin selber ungeschickt gewesen mit dem Thema. Wenn ich ein Date hatte, habe ich mich die ganze Zeit so verhalten, als gäbe es eine „unsichtbare Mauer“ zwischen mir und der Frau. Sie anzufassen hätte ich mir gar nicht getraut, denn ich habe „Anfassen“ mit „Angriff“ gleichgesetzt. Die Folge war dann, dass ich an dem Punkt, wo’s dann ans Verabschieden ging, Panik bekommen habe. Panik, dass ich doch noch irgendein Zeichen der Zuneigung von ihr brauche. Und dann habe ich versucht, wenigstens noch einen Kuss auf die Wange zu bekommen… oder zumindest ihr einen aufzudrücken. Heute weiß ich, dass das komisch kommt. Erstens, weil es so inkonsequentes Verhalten ist, wenn du erst total Abstand hältst von ihrem Körper und sie behandelst als bestehe sie nur aus Wort und Geist, und dann am Ende plötzlich so anhänglich wirst. Und zweitens, weil dieses „Sich-noch-schnell-ein-Bussi-stehlen“ aus der falschen Motivation heraus kommt — nämlich aus Verlustangst heraus, und aus Bedürftigkeit.

Als Intros, glaube ich, müssen wir Körperkontakt bewusst lernen und üben. Wir müssen das tun, damit wir die Angst davor verlieren. Wir müssen lernen, uns selbst zu spüren und unser Gegenüber. Wenn wir das tun, holen wir Berührungen raus aus der „Schmuddelecke“, wo du die Frau nur dann anfasst wenn du etwas von ihr haben willst. Wir fangen an, durch Berührungen zu geben. Und das nimmt dir dann gleichzeitig viel von deiner Schüchternheit. Weil du dich eben nicht mehr fühlen musst wie jemand, der sich etwas „nehmen“ will von der Frau – sondern weil du merkst, dass sie sich wohl fühlt in deinen Händen.

7. INITIATIVE

Mein Freund Nicco hat bei unserem letzten Männerseminar gesagt: „Den ersten Schritt machst im Zweifel immer du selbst“.

Wir haben alle ständig Schiss. Wir haben ständig Angst, abgelehnt zu werden. Und das heißt, wenn du einer Frau gegenüberstehst, dann stehen sich praktisch „zwei Schisser“ gegenüber. Du hast Angst vor ihr, und sie hat Angst vor dir.

(Selbst wenn du denkst, „Sie ist so schön und wird von so vielen Männern begehrt“ – glaub mir, sie hat trotzdem Angst. Angst, einem Player auf den Leim zu gehen. Angst, dass du sie täuschen könntest. Angst, dass du dich als Stalker entpuppst. Angst, dass ihre Freundinnen sie für eine Schlampe halten, wenn sie zu schnell freundlich zu dir ist. Angst, dass du sie für eine Schlampe hältst, wenn sie zu schnell freundlich zu dir ist… und so weiter.)

Und wenn zwei Schisser sich gegenüberstehen… dann muss einer von beiden die Eier haben, dass er zuerst die Hosen runterlässt. Sonst wird am Ende gar nichts passieren.

Mein Freund: Wenn du erleben willst, dass eine Frau JA zu dir sagt, dann musst du riskieren, dass sie NEIN sagt.

Viele Kerle versuchen, sich einer Frau auf eine Weise zu nähern, dass sie nicht NEIN sagen kann. Sie hängen z. B. in ihrer Nähe herum, oder fangen ein unverfängliches Gespräch mit ihr an. Und natürlich – damit können sie nicht abgewiesen werden. Ich bekomme solche Geschichten manchmal aus der Frauenperspektive über meine Freundin mit.

Zum Beispiel hat sie mir erzählt, wie ein Kerl im Biomarkt um sie herumgeschlichen ist. Schon am Anfang hatte sie das Gefühl, von ihm aus der Ferne beäugt zu werden. Richtig direkten Blickkontakt hergestellt hat er aber nie. Sie hat sich dann in die Schlange gestellt, um sich an der Theke einen Salat zu holen. Daraufhin hat sich der Typ hinter sie gestellt, und meinte dann irgendwann „Ist der Salat gut hier, kannst du den empfehlen?“. Und natürlich: Durch das ganze mysteriöse „Herumgestalke“ vorher war meine Freundin an dem Punkt längst misstrauisch. Es ist einfach sehr unangenehm, wenn man merkt, dass Einer schon die ganze Zeit irgendwelche Absichten hat, aber eben nie direkt damit herausrückt. So jemandem traut man dann nicht. Das hat dann nichts damit zu tun, dass du nicht gut genug aussiehst, oder dass die Frau deinen Charakter nicht mag – sondern diese Abwehrreaktion ist nichts weiter als eine direkte Funktion deines indirekten Verhaltens. Meine Freundin sagte jedenfalls freundlich, „Ja, der Salat ist gut“, lächelte, und drehte sich wieder weg. Sie hat sich ihr Essen geholt und hat sich an einen der Tische gesetzt. Kurze Zeit später kam der Mann zu ihr. „Ist hier noch frei?“. Tja, und was soll meine Freundin da antworten? Frei ist natürlich noch gewesen. Und sie kann ja schlecht sagen, „Hey, ich habe den Eindruck, du möchtest mich kennenlernen. Ich finde das ganz lieb, aber ich bin glücklich vergeben und suche keine neuen Männerbekanntschaften. Trotzdem vielen Dank für das Interesse“. Das wäre anmaßend, denn der Kerl hat ja nie ausgesprochen, was wirklich Sache ist. Ihr blieb also gar nichts anderes übrig, als freundlich zu sagen, „Ja, es ist noch frei“… und dann die peinliche Situation zu ertragen, wie er ihr gegenübersitzt während sie ihren Salat in sich reinschaufelt und nichts weiter im Kopf hat als den Gedanken, „Nur schnell weg von hier!“.

Versteh mich bitte nicht falsch: Dieser Kerl kann ein absolut liebenswürdiger, charmanter, intelligenter Mann gewesen sein. Es ist einzig sein Verhalten, durch das er die Frau dazu gebracht hat, in eine Abwehrhaltung zu gehen. Es ist nicht der Mann, den die Frau „creepy“ findet – es ist einzig und allein sein Verhalten, und die Situation, in die er sie damit gebracht hat. Eine Situation, in der sie nur verlieren kann.

Richtig wäre es gewesen, sofort auf die Frau zuzugehen und rauszurücken mit der Sprache: „Entschuldigung? Sorry für die Störung. Ich musste dir nur kurz sagen, wie gut du mir gefällst. Ich wollte eigentlich nur gerade ’ne Milch holen, aber ich habe gemerkt wie meine Augen ständig in deine Richtung gedriftet sind. Ich fand es ist unanständig, nur zu gucken, und dachte ich geh mal rüber und sage Hallo.“ Du brauchst nicht diese Worte benutzen. Die Worte sind nicht das Wichtige. Das Wichtige ist, dass du aussprichst was Sache ist, und dass du schnell zum Punkt kommst. Du solltest auch gar nicht versuchen, lange Small Talk zu halten. Sondern sag dann gleich, was du möchtest. Das setzt natürlich voraus, dass du dir überlegt hast, was du möchtest. Du könntest zum Beispiel sagen, „Naja, ich will dich gar nicht länger aufhalten. Ich würde gern mal etwas trinken gehen mit dir. Ein Glas Rotwein vielleicht. Wir könnten in die Bar XYZ gehen, zum Beispiel morgen oder übermorgen nach der Arbeit. Was meinst du?“. Der Punkt ist, dass du aussprechen musst, was du wirklich ehrlich willst — und dass du es auf eine Weise formulierst, dass die Frau ganz klar beide Möglichkeiten hat, zu antworten: Sie kann sagen „Ok“, und sie kann sagen „Danke, das ist lieb, aber ich bin nicht interessiert“.

Das ist was Frauen meinen wenn sie sagen, sie wollen einen Mann der „weiß was er will“. Denn indem du rausrückst damit, was du willst, hat auch sie die Möglichkeit, gehört zu werden mit dem was sie will. Und, mein Freund, du wirst überrascht sein. Es gibt mehr Frauen, die dasselbe wollen wie du, als du es dir vorstellen kannst. Du weißt nie, was passieren wird, wenn du fragst. Meine Erfahrung ist (und die Erfahrung der paar wenigen Coachingklienten, die ich persönlich betreut habe): Wenn du eine Frau aufrichtig und ehrlich fragst, reagiert sie fast immer anders, als du es in der Sekunde kurz davor erwartet hättest.

Gut mit Frauen zu sein heißt nicht, dass du Frauen „rumkriegen“ müsstest, die nicht interessiert sind. Gut mit Frauen zu sein heißt, dass du ehrlich und direkt bist, und auf diese Weise gleich am Anfang filterst. Den Frauen, die „a priori“ nicht interessiert sind, denen gibst du die Gelegenheit, Nein zu sagen, so dass keiner von euch unnötig seine Zeit und Energie verschwenden muss. Und die Frauen, die auf dein Angebot hin Ja sagen, bei denen weißt du, dass sie wirklich interessiert sind. Das sind dann übrigens auch die Frauen, die zum vereinbarten Date pünktlich erscheinen. (Ganz anders ist es bei Frauen, denen du ein „Ja“ abgerungen hast. Die kommen dir an dem Punkt nämlich mit allen möglichen Ausreden, warum sie das Treffen „leider“ absagen müssen. Du siehst: „A girl conviced against her will is of the same opinion still.“)

Ein „Nein“ von einer Frau zu bekommen ist nicht, was weh tut. Was weh tut ist nur, wenn du gegen deine eigene Natur handelst. Was weh tut ist, wenn du eine Gelegenheit verpasst. Wenn du unterdrückst, was wahr für dich ist. Und das heißt, dass du immer hingehen kannst und fragen. Denn egal, ob die Antwort ein Ja ist oder ein Nein: Hinterher wirst du immer froh drüber sein, dass du gefragt hast. Es fühlt sich immer gut an, Klarheit geschaffen zu haben. Es ist immer eine Erlösung, die Tür, die einen neugierig gemacht hat, geöffnet zu haben und jetzt einfach zu wissen, ob etwas dahinter war oder nicht. Klarheit gibt dir Frieden, inneren Frieden. Dieser innere Frieden, das ist der eigentliche Grund, warum du hingehen musst und fragen. Sonst spukt dir nämlich die verpasste Gelegenheit noch für die nächsten Stunden im Kopf herum und hält dich davon ab, dein Leben weiter zu leben. Den Spuk zu beenden, das ist dein Ziel. Und du dabei, gewissermaßen „nebenher“ noch ein Date in deinen Terminkalender eintragen kannst, dann ist das nur der Bonus obendrauf.

Probier es aus, und du wirst mir bestätigen:

Du wirst dich hinterher gut fühlen dafür, dass du auf deine innere Stimme gehört hast – und dass du gehandelt hast, anstatt dich davor zu drücken.

Fazit

Das hier ist nur eine Übersicht über die wichtigsten 7 Herausforderungen, die wir als Intros im Dating meistern müssen.

Wenn du mehr hören willst zu den Themen oben: Ich habe keinen Blog, und ich stelle meine Artikel nicht ins Internet – aber ich verschicke sie per E-Mail an die Leute in meinem kostenfreien, „old school/text only“ Newsletter. Wenn du dich auf die Empfängerliste setzen willst, klick bitte hier und wähle das Thema aus, das dich am meisten interessiert: http://www.leobaumgardt.de/introdating/

Natürlich gibt es noch andere Fallstricke, die Männer mit Frauen blockieren können. Das sind Themen, die ich für diesen Gastartikel zu speziell fand. Der eine oder andere Leser erkennt sich vielleicht trotzdem wieder:

  • Das Muttersöhnchensyndrom (Männer mit kontrollierender Mutter sabotieren sich selbst mit Frauen und bleiben „ewige Jünglinge“)
  • Die Sucht nach Fantasie, durch die sich der Mann in einem ständigen Schwebezustand hält mit einer Frau, die er gut findet (wie eine Motte, die das Licht umkreist: Sie kann nicht davon lassen, aber sie traut sich auch nicht, richtig ran zu gehen)
  • Eine unterentwickelte Fühlfunktion, die einen Mann verkopft sein lässt (er kann alles über Frauen & Dating lesen, und fühlt sich trotz allen intellektuellen Verständnisses nur immer weiter isoliert von Frauen… und nimmt sie bestenfalls wahr wie einen schwer zu knackenden Gegner in einem Schachspiel)
  • Minderwertigkeitskomplexe, die das Thema Frauen & Sexualität zu einem Ventil machen, um den eigenen Selbstwert unter Beweis zu stellen (man wünscht sich eine möglichst unselbstständige Frau, die man dominieren kann; man sammelt „Trophäen“ und vergleicht sich mit anderen Männern)
  • Das Gefühl, „zu wenig Energie“ zu haben (das fast immer eine Folge davon ist, dass Teile der eigenen Persönlichkeit im Moment unterdrückt sind – ähnlich wie ein versteckter Hintergrundprozess, der deinen Computer ausbremst und ihm wertvolle Prozessorleistung wegfrisst)
  • Überstimulation, zum Beispiel durch Pornografie oder Computerspiele, die dazu führt, dass das echte Leben grau und uninteressant wirkt, und du dich fühlst als würdest du „unter einer Glashaube“ leben, die dich von deiner Umwelt abschneidet
  • Projektion, die dafür sorgt, dass du die Frau nicht mehr siehst wie sie eigentlich ist, sondern ihr ein Fantasiebild aus deinem Kopf überstülpst. (Eine Frau spürt es, wenn du das tust… und in dem Moment wird sie auf Abstand gehen und dich in sicherer Distanz von sich halten. Passiert oft, wenn introvertierte Männer sich „verknallen“.)

Wir behandeln diese speziellen Themen im LBL Newsletter.

Wenn du dich über diesen Link einträgst, klick bitte an welches Thema dich am meisten betrifft. Was von den meisten Lesern gewünscht wird, können wir dann in den kommenden Ausgaben ausführlicher besprechen.

Leonard Baumgardt

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Über den Autor

Mein Name ist Patrick und ich bin introvertiert. Oft habe ich mir gewünscht, extrovertiert zu sein, bis ich meine Veranlagung besser verstanden habe. Mehr über mich, mein Buch Kopfsache, mein Projekt Healthy Habits.

Comments

  1. Treit ev Ortni says:

    Den Artikel selbst finde ich gut geschrieben und interessant zu lesen, alles bestens.
    Leonard Baumgardts verschiedene Produkte (siehe leobaumgardt.de im gleichnamigen Reiter) machen auf mich allerdings einen höchst unseriösen Eindruck. Dort findet man diverse e-books und Videoseminare zu Preisen von teilweise mehreren 100€, und zwar mit meinem Empfinden nach sehr unrealistischen Versprechungen. Das Ganze wirkt auf mich wie ein Versuch, sich die Unsicherheiten schüchterner Männer auf der Suche nach Liebesbeziehungen zu nutze zu machen, um sie ordentlich abzuzocken.
    Und das passt für mein Gefühl überhaupt nicht zu http://www.introvertiert.org, wo ich mich vom ersten Augenblick an sehr wohl gefühlt habe.

  2. Danke, gerne mehr

  3. Das Ansprechen einer Frau ist die eine Seite, wie es weiter geht die andere. Viele Frauen wollen bespasst werden und etwas „unternehmen“, aber dazu habe ich weder Lust noch Kraft. „Unternehmungen“ dieser Art sind für Extrovertierte angenehm aber nicht für mich. Ich kann mich nicht lange verstellen bis ich als „Langweiler“ identifiziert werde? Dabei sind diese Frauen selbst langweilig, denn sie beschäftigen sich vor allem mit Äußerlichkeiten. Irgendwann geht einem das ständige Gequatsche auf den Senkel, egal wie gut sie aussieht. Steht man zu seiner Introvertiert, sind diese Frauen bald verschwunden, denn sie melden sich nicht mehr, weil sie einen Extrovertierten hinterher laufen oder es kommt bald der Satz, spätestens wenn das Thema Sexualität angeschnitten wird): „Du bist ja ganz nett, aber lass uns gute Freunde bleiben.“. Wie oft habe ich das schon gehört … 🙁 Für eine „Freundschaft“ bieten diese Frauen aber fast nichts. Die anderen wenigen tiefgründigeren Frauen machen sich kaum hübsch, also mehr auf „natürlich“. Der Eros geht gegen Null und mein Blick daher laufend zur anderen Fraktion. Die sehen einfach geiler aus! Mit beiden Varianten kann man der „gute Kumpel“ sein. Gibt es einen Ausweg aus dem Dilemma?

    • Hallo Simon,

      ich vermute, dass deine Einstellung schon hinderlich ist. Du wirfst alle Frauen in zwei Töpfe: 1. Hübsch, aber langweilig und 2. Tiefgründig, aber unattraktiv. Wenn es wirklich so wäre, dann gäbe es sicherlich nicht viel Hoffnung. Meiner Erfahrung entspricht das allerdings nicht. Was mich aber vor allem an dem ersten Typ Frau wundert: Was willst du mit einer Partnerin, wenn sie nicht mal als „Freund“ taugt? Das ergibt für mich keinen Sinn.

      Vielleicht gelingt es dir, an dieser recht engen Denkweise zu arbeiten und dich mehr zu öffnen, um die vielen Facetten aller Frauen zu erkennen, um die richtige Partnerin zu finden.

      • Hallo Patrik,
        welche Facetten von Frauen meinst du ganu? – damit wir wissen worüber wir diskutieren.
        LG Simon

        • Hi Simon,

          du suggerierst im ersten Kommentar, dass es nur diese zwei Arten von Frauen gibt. Das stimmt ja nicht, jedenfalls nicht meiner Erfahrung nach. Jede ist anders, mit einem jeweils ganz eigenen Set an Eigenschaften.

    • *lach* Echt, Simon, wenn du nur auf die Optik achtest, darfst du dich nicht wundern, dass du nur eine tolle Optik bekommst… 😉

      Mal ganz im Ernst: Die „normale Frau“, die man zu Dutzenden jeden Tag sieht, ist weder ein Mauerblümchen noch eine Audrey Hepburn. Sie hat ihre (körperlichen) Reize und ihre (körperlichen) Schwachstellen. Und ich lege meine Hand dafür ins Feuer: Das ist bei DIR keinen Deut anders.

      Deshalb zwei Hinweise an dich:
      a) Sieh dich nicht als „armes unschuldiges Opfer“, sondern als Mann, der offenbar keine Ahnung hat, was er eigentlich will. Sonst würdest du deine Zeit nämlich nicht an Frauen verschwenden, die dich langweilen.
      b) Solange du eine makellose Schönheit mit Promotion in Astrophysik, aufrichtigem Interesse an deinen Hobbies und einem dicken Bankkonto suchst, wirst du auf ewig Single bleiben.

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