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Ich bin ein sehr langsamer Denker

Der Originaltext „I’m a very slow thinker“ stammt von Derek Sivers. Mit seiner Erlaubnis habe ich ihn ins Deutsche übersetzt, da er so wunderbar beschreibt, wie ich als Introvertierter ticke.

Wenn mir ein Freund etwas Interessantes erzählt, reagiere ich darauf für gewöhnlich erst deutlich später.

Wenn mir jemand eine tiefgreifende Frage stellt, sage ich: „Hmm. Weiß ich nicht.“ Am nächsten Morgen habe ich eine Antwort.

Es macht keinen Spaß, mit mir zu debattieren oder mich mit Worten anzugreifen. Ich habe in dem Moment nichts zu sagen, außer vielleicht: „Guter Hinweis.“ Ein paar Tage später, nachdem ich viel darüber nachgedacht habe, habe ich eine Antwort.

Das lässt mich im ersten Moment wahrscheinlich dumm aussehen, aber das ist mir egal. Ich versuche nicht, irgendwelche Debatten zu gewinnen.

Um genau zu sein, das ist die Wahrheit: Für die meisten Interviews, die ich gebe, lasse ich mir eine Woche zuvor alle Fragen zuschicken. Ich verbringe Stunden damit, mögliche Antworten aus verschiedenen Blickwinkeln aufzuschreiben, bevor ich die interessanteste auswähle. Wenn wir dann im Live-Gespräch sind, versuche ich die Antwort spontan klingen zu lassen.

Es wird oft angenommen, dass unsere erste Reaktion die ehrlichste ist, aber das glaube ich nicht. Unsere erste Reaktion ist für gewöhnlich nicht mehr aktuell. Entweder sie ist eine Antwort, die wir uns schon vor langer Zeit zurecht gelegt hatten und jetzt einfach anwenden ohne nachzudenken oder sie ist eine emotionale Reaktion auf etwas, das vor langer Zeit passiert ist.

Wenn du dir die Zeit nimmst über deine Antwort nachzudenken, wirst du feststellen, dass deine erste Reaktion weder aktuell noch wahr gewesen ist. Oder wenn sie das doch war, dann kannst du sie immerhin mit mehr Überzeugung vortragen.

Was ich meine: Wenn du weniger impulsiv und bedächtiger handelst, kann das für andere Menschen ein wenig unangenehm sein, aber das ist in Ordnung.

Wenn dir jemand eine Frage stellt, musst du nicht sofort antworten. Du kannst sagen: „Ich weiß es nicht“ und dir anschließend Zeit nehmen, um über deine Antwort nachzudenken.

Solche Dinge passieren halt. Jemand erwartet, dass du antwortest. Aber du kannst sagen: „Wir werden sehen.“

Und vielleicht, wenn du mit gutem Beispiel voran gehst, kannst du demjenigen zeigen, dass er das gleiche tun kann.

(Kannst du dir vorstellen, wie die Welt funktionieren würde, wenn das die Norm wäre?)

Über den Autor

Mein Name ist Patrick und ich bin introvertiert. Oft habe ich mir gewünscht, extrovertiert zu sein, bis ich meine Veranlagung besser verstanden habe. Mehr über mich, mein Buch Kopfsache, mein Projekt Healthy Habits.

Comments

  1. Hallo Patrick,
    vielen Dank für diesen Text! Du schreibst mir aus der Seele! 🙂 Es tut so gut zu sehen, dass ich nicht der einzige Mensch mit dieser Eigenart bin. Bisher dachte ich das nämlich. Ich habe oft super Antworten auf Fragen oder Sprüche anderer – Stunden oder Tage später. Bisher habe ich mich immer darüber geärgert und mich einfach für nicht schlagfertig genug gehalten. Ich habe für mich auch inzwischen erkannt, dass ich über die Jahre zu sehr versucht habe, mich an die Gesellschaft und ihre Erwartungen anzupassen. Vor allem im Berufsleben, wo man gewisse Umgangsformen erwartet. Ich trage also ein Harmonie-Kostümchen, durch welches meine (zu) schnellen Reaktionen immer erst möglichst nett und höflich ausfallen. „Angriffe“ von aussen werden immer als Spaß abgetan. Erst mit der Zeit, wenn das Gesprochene tiefer durchsickert, wird mir klar, dass ich hätte anders reagieren sollen. Dass der Spruch doch mehr verletzend als lustig war usw. Aber dann ist die Situation verstrichen. Meine Emotionen müssen trotzdem raus. Dadurch wirke ich auf andere wohl sehr nachtragend. Ich gebe mir Mühe, mein Ja-Sager-Kostümchen abzustreifen, weil es entgegen meiner Natur ist. Mir für Antworten mehr Zeit zu nehmen um in mich hineinzuhorchen, wie ich die Dinge WIRKLICH finde. Aber über Jahre Antrainiertes lässt sich nicht so leicht ablegen. Ich kann mich schriftlich auch wesentlich besser ausdrücken, weil ich da eben die Zeit habe, meine Worte bedacht zu wählen.
    Ich werde mir ein Beispiel an Dir nehmen und versuchen, mich nicht mehr über mich selbst zu ärgern, wenn ich mal wieder „zeitverzögert“ reagiere, sondern mich so zu nehmen, wie ich bin. 🙂

    • Hallo Sylwia,

      das gelingt mir auch nicht immer, aber wie du schon sagst, jahrelang erlerntes und vielleicht auch natürliches Verhalten streift man nicht einfach so ab.

      Viele Grüße
      Patrick

  2. Hi Patrick,

    ich erkenne mich da auch in gewisserweise wieder. Vorallem in Gesprächssituationen mit Fremden stehe ich spontan oft auf dem Schlauch und eine Schlagfertige, geistreiche Antwort echoht mir dan Stunden oder Tage später durch den Kopf. Auch wenn man mich zu einer Meinug zu einem Aktuellen Thema fragt muss ich erstmal in ruhe darüber nachdenken. Und mittlerweile sage ich das auch stets offen, das ich Zeit zum denken brauche.

    Andererseits kann ich wenn zum Beispiel mit meine Familie oder Freunden rede Schlagfertig auf den Punkt sein. Das wiederrum bringt mich zum grübeln. Entsteht das verlangsammte denken durch die angespannte Situation mit jemand Fremden zu reden… da angespanntheit ja auch immer etwas mit Stress zu tun hat und Stress sich auf die neuronalen Funktionen auswirkt.

    Ich denke ich werde mich mal eine Zeit beobachten um herauszufinden wie mein denken funktioniert und was das beienflusst. Ich habe gerade das Bild einer Gedankenautobahn im Kopf…die frage ist nur ob man tranieren kann die Spuren zu wechseln 🙂

    Liebe Grüße,
    Lisa

    • Hallo Lisa,

      ja, ich würde sagen das spielt eine Rolle. Je angespannter wir sind, desto vorsichtiger und desto mehr werten wir vielleicht (bewusst und unbewusst) weitere Signale aus, während wir uns in einem sicheren Umfeld ganz auf das Gespräch konzentrieren können.

      Schlagfertigkeit ist da aber nicht alles. Gerade bei tieferen Gesprächen muss ich auch mit vertrauten Menschen länger nachdenken. Vor allem, wenn ich noch keine fertige Meinung habe.

      Viele Grüße
      Patrick

  3. Fräulein.Introvertiert says:

    Hallo,
    schöner Artikel, ich finde mich wirklich in dem wieder. Ich muss Sachen erstmal gründlich Bedenken bis ich eine Antwort geben kann, der ich auch wirklich zustimme.
    Im ersten Moment sieht es echt doof aus, wenn ich keine Antwort parat habe. Aber ich denke mir lieber spät und dafür eine qualitativ gute Antwort!

  4. Frau langsam says:

    Hallo,
    ich habe mal eine Frage und zwar, ob das langsamere Denken auch damit zusammenhängen kann, das mann im Alltag dadurch motorisch, bzw. allgemein körperlich langsamer ist?
    Weil ich mich schon darin wiederfinde, bei mir aber noch zusätzlich auf der Arbeit zum Beispiel mir immer wieder nahe gelegt wird, das ich zu langsam bin, egal in welcher Richtung.

    • Patrick says:

      Hallo Frau langsam,

      ich fühle mich leider nicht dazu befähigt, deine Frage zu beantworten. Es kann alle möglichen Gründe haben, weshalb du als langsam wahrgenommen wirst. Es wird möglicherweise mit deiner Persönlichkeit zusammenhängen und könnte damit etwas sein, das ein Teil von dir ist und immer bleiben wird. Damit bist du aber vielleicht auch gründlicher als andere?

      Viele Grüße
      Patrick

    • Hallo Frau Langsam,

      Marti Olsen Laney (der Autorin von „Die Macht der Introvertierten“) zufolge sind Introvertierte tatsächlich auch körperlich langsamer als Extravertierte – ich merke das z.B., wenn ich mit meiner extrovertierten Freundin Fahrrad fahre. Aber wie Patrick schreibt, muss das kein Nachteil sein bzw. Schnelligkeit beim Arbeiten bringt auch nichts, wenn sie Hektik mit sich bringt!

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