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Introversion - wunderbar bis unannehmbar - wo stehe ich?

Liebe Mit-Blogger,
das Thema interessiert mich aufgrund von vielen Beiträgen und aufgrund eigener Wandlung bezüglich Wertschätzung meiner introvertierten Art.
Sehr lange war mir nicht bewußt, dass ich nicht ändern kann, was mir für's Leben mitgegeben wurde: Sensibilität und den Blick eher nach innen gerichtet als nach außen. So bin ich heute noch, doch inzwischen hat sich meine Sichtweise auf diese Art zu sein verändert, und diese Veränderung geschieht weiterhin unaufhörlich, sehr subtil und ist oft kaum wahrnehmbar.
Es gibt immer noch Momente, in denen ich Alleinsein/Anderssein als eine Art Schmerz erlebe. Aber mal ehrlich, wäre jemand bereit, ohne diese herausfordernde (manchmal ätzende) Kraft einen mutigen Schritt zu wagen?
Wer möchte schon ein Leben als Schnecke mit Haus?
Wie ist eurer Erleben und Einstellung dazu?
Grüße...

Kommentare

  • edited Oktober 2017
    Hallo @Fanny,

    eine interessante Frage!

    Ich hab gestern in einen Willkommensthread geschrieben, dass es mir schwerfällt Introversion als Gabe zu sehen.

    Ich denke, das liegt daran, dass ich (wie viele andere hier glaube ich auch) deshalb auf das Thema gekommen bin, weil ich mit meinem Sozialleben gehadert habe - also von Anfang an eine Defizitäre Sicht auf das Thema hatte: Introversion war am Anfang das Label, das ich auf ein von mir selbst wahrgenommenes Problem geklebt habe.

    Nun ist das bei mir schon ein paar Jahre her, und ich habe in der Zwischenzeit durchaus gelernt, diese Eigenschaften nicht als schlecht, sondern als anders wahrzunehmen - ein Fortschritt, wie ich finde! :) Trotzdem ist es von "anders" zu "Gabe" noch ein weiter Weg...

    Mir fehlt denke ich auch ein bischen der Vergleichspunkt - á la wie würde eine extrovertierte Version von mir leben? Wahrscheinlich hätte sie manche Probleme und die eine oder andere Sinnkrise nicht gehabt, weil sie von ihrer Umwelt nicht als so abweichend vom extrovertierten Ideal wahrgenommen wird. Aber sonst? Wäre er glücklicher? Vielleicht. Hätte er ein größeres Soziales Umfeld, mehr Kontakte? Sicherlich. Hätte er nicht auch eigene Herausforderungen? Schwer zu sagen...

    Was ich inzwischen sehr zu schätzen weiß, ist mein reiches Innenleben. ICh merke gerade im Vergleich zu extrovertierten Freund*innen, dass mir fast nie langweilig wird - ich kann auch ne Stunde lang im Bett liegen und beobachten, was für Assoziationen, Gedanken und Bilder so in meinem Kopf entstehen.

    Stark damit verbunden mit der Gabe ist für mich der Wunsch, meinen Platz und meine Aufgabe in der Welt zu finden - ich möchte etwas verändern, Gutes in die Welt tragen. Manchmal denke ich, dass meine introvertierte Persönlichkeit daran hindert, weil ich dadurch mehr zögere, weniger auf andere Menschen zugehe undsoweiter. Aber ich kann mir auch vorstellen, dass ich in 20 Jahren zurückblicke und merke, dass mir gerade die Fokussierung auf mein Innenleben erst ermöglicht hat, meine Vision in die Welt zu tragen. Wer weiß...

    Um auf deine Anfangsfrage zurückzukommen: Ich bin zwischen den beiden Polen, gehe (hoffentlich) langsam in Richtung wunderbar und bin schon ein ganzes Stück von unannehmbar weggekommen. Vielen Dank für die Frage, sie hat es mir ermöglicht einiges für mich klarzubekommen :)

  • edited Oktober 2017
    Hallo @Alex_ , danke für deinen erfreulichen Kommentar. Ich angel mir gern erst einmal die 'Goldfische'

    "...und ich habe in der Zwischenzeit durchaus gelernt, diese Eigenschaften nicht als schlecht, sondern als anders wahrzunehmen - ein Fortschritt, wie ich finde!"
    "Was ich inzwischen sehr zu schätzen weiß, ist mein reiches Innenleben. ICh merke gerade im Vergleich zu extrovertierten Freund*innen, dass mir fast nie langweilig wird - ich kann auch ne Stunde lang im Bett liegen und beobachten, was für Assoziationen, Gedanken und Bilder so in meinem Kopf entstehen."
    "Ich bin zwischen den beiden Polen, gehe (hoffentlich) langsam in Richtung wunderbar und bin schon ein ganzes Stück von unannehmbar weggekommen."

    Diese Sätze hören sich für mich richtig gut an, so... die Richtung stimmt einfach!
    Die Bereitschaft, bei sich als Zentrum zu bleiben und sich nicht an Zentren im Außen zu orientieren ist tatsächlich der Türöffner (zum eigenen Königreich).

    "Mir fehlt denke ich auch ein bischen der Vergleichspunkt - á la wie würde eine extrovertierte Version von mir leben?"
    Ich würde sagen, es gibt bereits viele extrovertierte Versionen von dir. Alle Extros im außen die du siehst, die du magst oder auch nicht magst, bewunderst...etc sind Versionen von dir. Wenn du einmal ganz JA zu deinem 'Intro-Sein' sagen kannst, dann hört das Vergleichen auf und du kannst dich an deinen 'Extro-Versionen' ebenso erfreuen wie an das, was dir als nach 'Innen Schauenden' mitgegeben wurde. Das nenne ich Reichtum.

    Ich hoffe sehr, im verständlichen Bereich geblieben zu sein mit meinem Kommentar :-)
    Das Schöne inzwischen ist, dass ich nicht mehr hadere mit dem was ich geschrieben habe, sondern ich bemerke, dass es auch für mich selbst aktuelle Gültigkeit hat.
    Das ist meine Freude an dieser Kommunikation.

    Gut jetzt - Grüße an dich und diesen neuen Tag!
    Fanny
  • Guten Morgen allerseits, heute bin ich Frühaufsteher und habe in meinem Fundus ein wenig gestöbert und sortiert und aufgeräumt. Bevor ich diesen Artikel aber aussortiere möchte ich ihn hier zum Lesen anbieten. Ich finde ihn immer noch gut.

    ZEIT – Magazin, 29. August 2014
    Hochsensibilität : Wie eine Schnecke ohne Haus
    Hochsensibilität wird viel diskutiert, wissenschaftlich aber nicht anerkannt. Ein Leser schreibt über seine Erfahrungen als außergewöhnlich empfindsamer Mensch.

    "Die meiste Zeit meines mittlerweile schon langen Lebens gehörte ich zu den Menschen, die ein gütiger Geist als schüchtern und menschenscheu bezeichnen würde, ein weniger freundlicher Geist hingegen als verschlossen und verbohrt, oder gar als ätzend überheblich und arrogant. Ich gehörte also zu jenen Sonderlingen, die in geselliger Runde lange Zeit kein einziges Wort von sich geben, es dann aber plötzlich doch tun, woraufhin so mancher über die Klarheit und Präzision des Geäußerten staunt. Ich im Übrigen nicht weniger. Aber ich staunte nicht über meine vermeintliche Brillanz, ich staunte über das Staunen der anderen.
    Selten fühlte ich mich zugehörig, dafür oft ausgeschlossen oder nur geduldet, immer misstrauisch beäugt, von nur wenigen gemocht. Und irgendwann in schon frühen Jahren sah ich ein: Ja, sie haben recht. Das ist richtig so. Das stimmt. Denn in einer Disziplin war ich ein wahrer Meister: Im Verbarrikadieren. Als Schutz vor anderen, aber vor allem als Schutz vor mir selbst.
    Heute, viele Jahre nach einem fast zufälligen, kaum fühlbaren Anstoß, doch alles einmal von einer anderen Seite zu sehen, kann ich auf manches mit einem Lächeln zurückblicken, auf vieles mit Trauer, auf den anstrengenden, wenn auch kurzen Kampf in der Kindheit nur mit Schmerz. Ich gab mich früh geschlagen.
    So seltsam es klingen mag, das Erstaunlichste, für mich fast Unglaubliche war, zu erfahren, dass es tatsächlich noch andere Menschen auf dieser weiten Welt gibt, denen es nicht nur ähnlich, sondern ganz genauso geht wie mir. Menschen, die den größten Teil ihres Lebens felsenfest davon überzeugt sind, wenn auch keine Psychopathen, so doch psychisch schwer gestört zu sein.

    Ich mag den Sommer, aber ich liebe den Herbst, der Ruhe und Melancholie wegen. Ich bin nicht chronisch traurig, auch nicht chronisch depressiv. Ich liebe Einsamkeit und Leere, weil meine Sinne dann nicht abgelenkt werden, sei es durch tatsächlichen Lärm oder einfach nur durch leise Gespräche im Nebenraum.
    Ich erinnere mich sehr gut daran, wie ich das erste Mal in meinem Leben in der Namib, der großen namibischen Wüste war. Am Anfang waren es die unglaublichen Farben, die mich beeindruckten. Farben, die ein Foto niemals vermitteln kann. Dann aber war es die unbeschreibliche Leere und Stille. Nie wieder habe ich mich so unbelastet gefühlt wie dort, in dem Bewusstsein, dass der nächste fremde Mensch mindestens hundert Kilometer weit entfernt ist. Ich will das nicht immer haben, aber von Zeit zu Zeit schon. Die Stille in der Nacht, so still, dass man schon beim leisesten Knistern eines Astes erschrickt. Die Totenstille im Winter bei dichtem Nebel.
    Viele Jahre brodelte es in mir
    Es ist eine ungewöhnliche Empfindsamkeit, die wohl jeden überfordert, der nicht gelernt hat, damit umzugehen, die jeden überfordert, der nicht langsam und gründlich lernen durfte, das zwischen dem Gehörten Herausgehörte zu deuten, ohne sich verwirren zu lassen.
    Als kleines Kind war ich sehr anstrengend, das ist unbestritten, quasi dokumentiert, schwer erziehbar nennt man das. Aber ich war erstaunlich schnell einsichtig. Ich spürte, was man von mir erwartete und wandelte mich schnell von einem kaum zähmbaren zu einem artigen Kind. Worte waren dazu gar nicht nötig, trotzdem war die Kommunikation sehr intensiv. Wie das funktionierte? Ich habe keine Ahnung.
    Ich war für kurze Zeit ein unerträglicher Makel für meine Familie – in der Noch-Nachkriegszeit lag die Schuld für die Sturheit und Schwererziehbarkeit eines Kindes doch immer bei den Eltern. Das war damals allgemeiner Konsens, und mir scheint, es ist auch heute noch so. Noch viele Jahre brodelte und kochte es weiter in mir, bis dann irgendwann alles begann, langsam zu verkümmern. Wann genau, das kann ich nicht mehr sagen. Ich erinnere mich aber, dass mir in jugendlichen Jahren Alice Millers Aufsatz Das Drama des begabten Kindes noch einmal für kurze Zeit Mut gab, mich dann aber in ein tiefes Loch stürzte, das immer tiefer und tiefer zu werden schien.
    Ich erinnere mich auch, dass ich Erich Fromms Haben oder Sein heimlich und ganz für mich allein verschlang, es dann an einen, wie ich dachte, Gleichgesinnten verschenkte, der aber nur lachend den Kopf schüttelte. So blieb bald nichts mehr übrig als vertrockneter Acker und rissiger Boden. Nichts blieb von der Liebe zur Musik, zur Kunst, zur Natur, zum langen Nachdenken über vermeintlich Unwichtiges. Mein aktiver Wortschatz verkümmerte, der passive schließlich auch.

    Ich bin nicht besonders begabt, ich bin kein außergewöhnlich guter Mensch, ich fühle nicht die berühmte Erbse unter zwanzig Matratzen und ich liebe tatsächlich laute Musik. Ich bin auch nicht sonderlich gebildet. Ich bin nur empfindsam und muss immer noch lernen, das Empfundene richtig zu deuten. Ich bin auf einem guten Weg, da bin ich mir ganz sicher. Vieles kann ich mittlerweile richtig deuten.
    Was ist diese hohe Empfindsamkeit nun, ein Segen oder ein Fluch? Heute kann ich sagen, dass ich niemals im Leben wieder darauf verzichten will. Und ich bin froh und stolz, diesen "Fluch" an meine Kinder vererbt zu haben. Sie haben alle Zeit der Welt, um zu lernen, damit umzugehen."

    Der Autor schreibt unter Pseudonym. Sein richtiger Name ist der Redaktion bekannt.
  • *seufz*
    Der Artikel ist schön, und doch irgendwie düster. Er zeigt so einen ewigen Kampf mit sich selber, aber auch dass man den Kampf gewinnen kann.

    Ich schwanke oft, wie ich zu meiner eigenen Persönlichkeit stehe. Ich finde es oft toll, dass ich die Natur so vollumfänglich wahrnehmen kann, und auch dass ich Menschen verstehe und sie so annehmen kann, wie sie sind. Das beschert mir ein traumhaftes Privatleben.
    Andererseits muss ich immer wieder raus in eine "lebensfeindliche" Extro-Welt und fühle mich wie ein kleines Dorfkind in der Großstadt. Na ja, so schlimm ist es meistens nicht, aber ich würde lügen, wenn ich sagen würde dass ich mich "draußen" (=bei mir bedeutet das vor allem auf der Arbeit) oft wohlfühlen würde.

    Liebe Grüße
    Die_Hannah
  • Es ist sowohl fluch & segen zugleich ich finde es toll das mir hinundwieder sachen auffallen die andere nicht sehen meinen wenigen freunden einen anderen blickwinckel aufzeigen kann und ihnen dadurch helfe

    Auf der arbeit ist es ein fluch ich habe 3 extro kollegen diese enpfinde ich teils als anstrengend und kann ihre späße nur selten mit machen( manchmal treffen sie auch einfach nicht meinen geschmack) und fühle mich dadurch manchmal etwas im abseits zumindest in der Gruppe einzeln komme ich mit allen bestens aus
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