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Warum wird Introversion als schlecht angesehen?

Guten Abend!

Mich beschäftigt seit längerer Zeit die Frage, warum Introversion eigentlich als schlecht angesehen wird. Ich weiß nicht, ob es auf jeden zutreffen kann, aber ich möchte kurz meine Erfahrungen schildern: Ich war schon immer eine ruhigere Person und das auch als Kind. Dieses Ruhige und Zurückhaltente wurde bei mir jedoch immer als schlecht assoziiert. Ich erinnere mich an Gespräche mit den Lehrern, meinen Eltern und ich (das hatten alle Schüler jedes Semester mal), wo die über mich jedes Jahr folgende Aussage gemacht wurde: "Sie passt gut auf und verhält sich auch brav, jedoch ist sie sehr still und zurückhaltend". So als wäre es schlecht, etwas in sich gekehrt zu sein. Jedes Jahr das Gleiche, bis heute eigentlich hat sich nichts geändert.
Zu Introvertierten, oder zumindest zu mir, wird dann gesagt, sie sollen aus sich heraus gehen und aktiver bei z.B. Gruppengespräche mitmachen, bei Extrovertierten ist mir noch nie aufgefallen, dass ihnen gesagt wurden, mal etwas ruhiger zu sein.

An eine Situation erinnere ich mich auch noch ganz genau, die möchte ich auch noch kurz erzählen. Zum Abschied von der Klasse am Ende der Hauptschule konnten wir uns alle unsere Wünsche für die Zukunft mithilfe einer Notiz auf einem Zettel weitergeben. An eine Nachricht kann ich mich bis heute, 4 Jahre später noch erinnern. Es wurde mir von einer Mitschülerin "Komm aus dir raus!" geschrieben. Ich weiß nicht wieso, aber dieser Satz hat mich sehr verärgert und macht mich irgendwie heute noch wütend. Es ist einfach diese Aufforderung, als ob es nur diese eine Richtung gäbe, als ob meine ruhige Art was schlechtes wäre. Ich denke, sie hat`s nicht mal böse oder so gemeint, aber der Satz hat mich bis heute nicht mehr losgelassen.


Was denkt ihr, wird Introversion als schlecht und negativ angesehen? Und warum, habt ihr auch Erfahrungen in eine ähnliche Richtung gemacht?

Kommentare

  • Ich warte immer noch auf den Tag, an dem Unterschiede egal sind und keine negative Bewertung mehr stattfindet.

    Und ja, genau diese Erfahrung habe ich - vor allem zu Schulzeiten - auch durchgemacht. Sie ist ordentlich und aufmerksam, aber beteiligt sich nicht genug am Unterricht.

    Zu schade, daß den Lehrern oftmals nicht klar ist, was sie mit so einer Beurteilung anrichten können und welchen Druck sie damit auf Kinder ausüben können.

    Es gibt weit bessere Methoden, jemanden aus der Reserve zu locken, wenn man dies denn möchte, als Druck auszuüben, indem man die vermeintlichen Schwächen in den Vordergrund rückt.

    Wenn ich mir nur vorstelle, was das für eine Welt wäre, wenn jeder gleich viel quasseln würde.. nicht auszudenken :)

    Gegenseitige Akzeptanz und Verständnis für die jeweilige Andersartigkeit wäre wünschenswert.

    In der Schule kommt ein weiteres Problem dazu und das scheint mir der Erziehungsauftrag zu sein.
    Ein Lehrer wird immer bestrebt sein, zu optimieren. Es liegt den allermeisten im Blut.

    Was mich vermutlich verletzt hätte, wäre der Wunsch deiner Klassenkameradin an dich @User26

    wobei ich einmal etwas ähnliches gesagt bekommen habe von meiner damaligen Freundin aus Schulzeiten. Sie war der Meinung, ich müßte ihr nacheifern. Im Nachhinein gut, daß ich es nicht tat.

    Um auf deine Eingangsfrage noch einzugehen: könnte es sein, daß Introversion als schlecht angesehen wird, weil die Verhaltensweisen, die sie mitbringt, eine Ausnahme von der scheinbaren Normalität darstellt?

  • Hallo @User26,

    ich habe in der Schule sehr ähnliche Erfahrungen gemacht. Ich habe immer gut zugehört, aber meine ruhige Art wurde stets als Mangel bewertet.
    Einmal wurden deswegen sogar meine Eltern extra in die Schule beordert, da sich eine Lehrerin Sorgen gemacht hatte, weil ich nicht so "aufgeweckt" wirkte. Und später bei einer anderen Lehrerin, die ich in drei Unterrichtsfächern hatte, wurde ich laufend um ein Notengrad schlechter beurteilt, nur weil ich in mündlicher Mitarbeit nicht gut war, d.h. kaum aufgezeigt habe und mich nicht wirklich an Diskussionen beteiligt habe. Es wurde damit im Grunde auch am Blatt Papier negativ bewertet, wenn man eher in sich gekehrt war und sich nicht ständig an Gesprächen beteiligt hatte. Dadurch entsteht ein unglaublicher Druck und vor allem eine gewisse Abneigung gegen diese Unterrichtsfächer - jedoch weniger wegen der Inhalte selbst, sondern viel mehr aufgrund des Benotungssystems, das scheinbar Charakterzüge mehr oder weniger mitbenotet.

    In dieser lauten Welt ist es offenbar die Norm, dass man extrovertiert sein soll. Und es wurde ja bereits erwähnt, dass Introversion eine Ausnahme der scheinbaren Normalität darstellt. Und ich glaube ja, dass es so ist, dass die Menschen generell vor dem zurückschrecken, was nicht normal ist.

    Die damalige Nachricht deiner Mitschülerin hätte mich auch intensiv beschäftigt und verärgert (obwohl sie es bestimmt nur gut gemeint hat), da das für mich in dieselbe Sparte fällt wie Fragen ala "Warum redest du nix?" und "Bist du immer so ruhig?" - das bewirkt bei mir bloß das Gegenteil ... nämlich, dass ich noch weniger Lust habe aus mir herauszukommen.
  • SanSan
    edited Oktober 18
    Ging mir haargenau so wie euch in der Schule. Bei mri kam noch dazu, dass die Lehrer beobachteten, dass ich in den Pausen, wenn ich mit Freunden Zeit verbrachte, eben nicht so still war wie im Unterricht. Das ging denen nicht in den Kopf, dass es kein Böswill oder keine Faulheit meinerseits war.
    Meine Mutter versuchte übrigens irgendwann in der Oberstufe, mich dahingehend mit Geld zu locken (zu bestechen), das ich kriegen würde, wenn ich auch nur ein Zeugnis erarbeiten könnte, auf dem nicht drauf stünde, ich würde mich zu wenig beteiligen.
    Danke für den Rückhalt, aber mit 15 hab ich das auch schon nicht mehr erwartet.

    Eine Bekannte von mir ist Lehrerin und auch introvertiert. Ich hab mir mal mit ihr unterhalten. Obwohl sie ähnliche Erfahrungen gemacht hat wie wir früher, sind ihr selber, obwohl sie um den Umstand der Introversion weiß und dass das bewirkt, dass man eben nicht ständig plappert, die Hände gebunden, was das Noten geben angeht. Das ganze Schulsystem ist vollkommen veraltet und basiert auf der Bewertung mannigfaltiger kleiner unterschiedlicher Persönlichkeiten an einem einzigen Maßstab - einem extrovertierten.

    Die Welt ist es nicht mal, die verrückt ist. Es ist der Westen. In Asien gilt oft die Introversion als vorherrschendes "Wunschbenehmen".
    Ich schätze, es sind die Werte, die ein Land prägen, aus denen dessen "Normalstatus" abgeleitet wird.
    Wäre Asien nicht, sondern es beträfe die ganze Welt, hätte ich geschätzt es liegt daran, dass Extros tendenziell lauter und viel mehr reden und wer auffälliger ist, wird eben eher gehört. Und wer gehört wird, gibt eben eher eine Richtung vor und ruft Nachahmer ins Leben und schwupps schauen sich alle bei dem lauten Extro ab, wie "es zu gehen hat" und noch mal schwupps, haben wir ein Schul- und Gesellschaftssystem, das nach dem Bildnis einer Gemeinschaft geformt wurde, die sich an dem lauten Extro orientierte...

    "bei Extrovertierten ist mir noch nie aufgefallen, dass ihnen gesagt wurden, mal etwas ruhiger zu sein. "

    Dazu möcht ich noch sagen: Wir sollten das probieren! Ich mein das ernst. Hatte neulich mit enjoythesilence das Thema, immerzu gesagt bekommen zu haben "sei doch nicht so empfindlich". Der Spruch haut inetwa in dieselbe Kerbe rein wie "komm aus dir heraus!" (ich krieg auch Wut wenn ich das lese. Nicht mal n netter Rat oder n Wunsch, nein, eine Aufforderung! Was zur Hölle!!)...
    Einfach darauf mal sagen "sei doch nicht so unempfindlich"
    Oder "horch du doch mal in dich hinein"
    Oder "sei du doch mal ein wenig leiser"
    Einfach zurückgeben. Ich wär auf die Reaktion sehr gespannt! (Ich krieg solche Sprüche "leider" nicht mehr zu hören, jetzt wo ich diesbezüglich innerlich auf Krawall gebürstet bin...)
  • "Wirkt im Unterricht manchmal teilnahmslos" hatte ich mal im Zeugnis stehen.
    Ja, und die ruhige, stille Art wird nicht wertgeschätzt in den westlichen Leistungsgesellschaften, da sich dort alles um "den Markt" herum zu gruppieren hat.
    Mit Leuten, die ständig laut, umtriebig, auf Achse und kontaktfreudig sind, ist halt mehr Geld zu verdienen, als mit jemandem der bescheiden und zurückgezogen lebt. Der Konsum und der damit verbundene Lebensstil ist das Elixier unserer Wirtschaftsform.
    (Siehe dieses Video "der Erlebnistyp" aus dem anderen Strang, von dem manche depressiv werden) Dem Intro wird halt suggeriert, er trüge nicht genug bei zum Funktionieren der Gesamtheit.
    Es gibt auch Gesellschaften in denen der Weise und Stille ein höheres Ansehen hat, da er sich nicht ständig von den verschiedenen Strömungen mitreißen und von allem schnell begeistern lässt. Und auch bei uns war es mal anders, der Denker und Grübler, der sich zurückzog und nachdachte vor dem Reden, war anerkannter.
    Ich denke, es ist ein Auswuchs der Neuzeit, vor allem in den USA (Außer bei den Ureinwohnern)
    Gruß axle
  • ups, @San war mal wieder schneller ;-)
  • Hallo @User26,

    ich musste mir in der Schule, in der Ausbildung und im Studium auch sehr oft anhören, dass ich mehr reden sollte und mich mehr am Unterricht beteiligen soll. Ich hatte auch immer das Gefühl, dass meine ruhige Art als etwas Schlechtes angesehen wird und das hält auch heute im Berufsleben noch an. Recht haben immer diejenigen, die am lautesten brüllen. Es kommt mir so vor, als würde introvertiert sein gleichgesetzt mit weniger können oder weniger wissen.

    Wie @Persephonia schon schrieb, denke ich auch, dass extrovertiert sein in unserer Gesellschaft die Norm darstellt. Und leider wird alles was von dieser Norm abweicht als schlecht bewertet.

    Heute versuche ich diese tollen Ratschläge meiner Mitmenschen weitestgehend zu ignorieren und bleibe so wie ich bin. Früher habe ich noch versucht, mich anzupassen, aber dabei habe ich mich absolut nicht wohlgefühlt.
  • edited Oktober 18
    „wo die über mich jedes Jahr folgende Aussage gemacht wurde: "Sie passt gut auf und verhält sich auch brav, jedoch ist sie sehr still und zurückhaltend"“

    Kommt mir bekannt vor :D In deinem Fall ist es aber dann eher die Schüchternheit, als die Introversion selber. Es gab genügend Introvertierte in meiner Klasse, die sich super beteiligt haben und auch super in Gruppen gearbeitet haben. Es ist die Schüchternheit, die mit der Introversion einhergeht. Ist bei mir aber genauso.

    Aber nichtsdestotrotz hast du recht, introversion ist in der westlichen Welt nicht angesehen. Warum? Weil wir die Minderheit sind und Minderheiten IMMER nicht wirklich akzeptiert werden. Alle, die nicht so wie die Mehrheit ist, ist anders. Färb dir die Haare blau, dann schauen dich die Leute komisch an. Haben alle blaue Haare, schauen die dich an wenn du blonde Haare hast.

    So ist die Gesellschaft, so ist jeder von uns. Ich kann die folgendes auf den Weg geben: Introversion ist kein Nachteil im Leben, jeder kann normal damit leben, wenn er nur will. Wie gesagt, Schüchternheit hat erstmal nichts mit Introversion zu tun. Mach dit weniger Gedanken, was die anderen denken. Meckern die wieder rum, das du still bist, dann denk immer an den Satz: reden ist silber, schweigen ist gold ;)

  • So war es bei mir von der Grund- bis zur Berufsschule auch. Früher, also in der Grundschulzeit, gab es bei uns in der Klasse immer nach dem Wochenende einen Gesprächskreis, wo jeder erzählen konnte, was er gemacht hat. Ich habe es gehasst. Eigentlich habe ich nie was gesagt, weil es einfach nichts zu erzählen gab! Zum Schluss stand das dann auch im Zeugnis. Letztendlich hat es dazu geführt, dass ich Schule nicht mehr mochte und sogar Angst davor hatte. Außerdem fand ich es während dem Unterricht immer ganz schlimm, wenn man einfach aufgerufen wurde, ohne dass man sich überhaupt gemeldet hat.
    Ich finde, die negativen Erfahrungen prägen einen bis heute, zumindest ist das bei mir der Fall.
    Ich würde mir wünschen, dass man einfach mal als "normal" angesehen wird. Schon irgendwie ziemlich traurig und oftmals macht es mich ziemlich wütend.

    Wir sollten uns also alle Verbünden und eine Partei gründen ;)
  • Ich seh es schon vor mir XD

    „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben - Wählt die Introvertierten !“

    Das wärs :D

  • * Ergänzung an Irgendjemand's Wahlkampagne:

    “Für ein Deutschland und ein Österreich, in dem wir gut und gerne leben - Wählt die Introvertierten!“

    Sonst fühlen sich die Österreicher, die wir hier haben, benachteiligt :D
  • @Irgendjemand @User26 Also ich finde das klingt gut ;)
  • Guten Abend @User26,

    Wir leben ja in Zeiten, in denen die Menschen immer mehr ihre Wurzeln verlieren. Allgemein gesprochen waren früher die meisten noch Teil einer festen Gemeinschaft, sei es im Dorf, in der Familie, in der Kirche oder in einem Milieu (z.B. der Arbeiter, der Akademiker). Man hatte also immer Menschen um sich, mit denen man das ganze Leben verbrachte und die einen ähnlichen Hintergrund an Wissen, Werten und Einstellungen hatten. Es wurde also im großen und ganzen jeder gesehen und gehört.

    Heute ziehen Menschen nicht nur aus ihrem Heimatdorf aus, sondern oft gleich in ein anderes Bundesland oder sogar in einen anderen Staat. Sie erfinden sich ständig neu, haben im Schnitt mehr Beziehungen, schnuppern in unterschiedliche Stile und Subkulturen hinein, gehen an Massenuniversitäten studieren und wechseln oft mehrmals den Beruf, statt sich in einem "sicheren Posten" bis zur Rente einzurichten.

    Wer heute gehört werden will, muss also viel mehr in der Lage sein, sich auf neue Menschen und Umgebungen einzulassen, alte Brücken hinter sich zu lassen und selbst offensiv neue Kontakte zu suchen. Wer das nicht schafft, bleibt zunehmend auf der Strecke und wird "unsichtbar".

    Ich will damit überhaupt nicht sagen, dass alles früher besser war, denn wie viele schöne Möglichkeiten bringt diese neue Welt nicht mit sich? Aber dass Introversion als etwas schlechtes gilt oder überhaupt erst als solche benannt werden muss, ist glaube ich eine neuere Entwicklung.

    Vielleicht sind die meisten Menschen von Natur aus weder intro- noch extrovertiert, sondern irgendwo in der Mitte. Die moderne Gesellschaft erfordert aber extrovertiertes Auftreten. Wer das nicht lieferen kann oder will, wird übersehen oder fällt als Sonderling auf. Die Gleichsetzung fremd = schlecht wohnt den Menschen wohl einfach inne, und es braucht große Anstrengungen, sie zu überwinden.

    Die, ich nenne sie mal Assessment Center-Ideologie, tut ihr Übriges. Wenn sich heute jeder gut verkaufen muss, haben wir eben eine Gesellschaft von lauter Marktschreiern, die sich gegenseitig zu übertönen versuchen, um ihre eigene Haut (und Seele?) gewinnbringend zu Markte zu tragen. Die Stillen halten da nicht mit und werden dementsprechend als unfähig wahrgenommen.
  • @Hopek

    Deine Gedanken zu dem Thema finde ich sehr interessant, allerdings nicht zuende gedacht. Du manifestierst etwas als Tatsache, fragst aber nicht nach dem Grund, etwa, warum Menschen ihre Wurzeln verlieren.

    Ich bin in Duisburg Marxloh geboren und aufgewachsen als ein Kind der 60er Jahre. Mein Vater hat sein ganzes Berufsleben bei Thyssen gearbeitet.

    In den 70er Jahren war Marxloh auch noch so etwas wie eine Gemeinschaft, ein Dorf quasi, ein Millieu. Doch es war im Grunde 1970 schon verloren, weshalb es heute so negative Schlagzeilen macht.

    Globalisierung, Profitsucht und der Drang nach immer mehr taten ihr übriges. Ich war in meinem Leben schon oft gezwungen, den Beruf zu wechseln, habe drei Berufe gelernt, lernen müssen, um überhaupt überleben zu können. Auch als Diplomingenieur hatte ich ganz tiefe Täler zu durchlaufen, was in der Generation meiner Eltern noch undenkbar gewesen wäre.

    Menschen ziehen nicht freiwillig aus ihrer Heimat fort. Sie tun es wegen des Überlebens willen. So lebte ich in vielen Städten in ganz Deutschland und Österreich, immer dort, wo ich gut leben konnte. Und heute, als Rentner habe ich mich ins Paradies, nämlich nach Indien verzogen.
    Wäre Marxloh heute noch das Marxloh meiner frühen Kindheit, ich würde nirgends lieber leben.

    Und was Du über Assessment Center und Marktschreier-Mentalität schreibst, dem kann ich aus Erfahrung nicht zustimmen.
    1996 habe ich mich mal auf eine Stellenausschreibung um eine Führungsposition beworben. 400 Mitbewerber gab es. 40 davon wurden zu einem dreitägigen Assessment Center eingeladen.
    Ich bekam den Job, nicht als Marktschreier sondern als introvertierter Denker.

    Daß ich den Job tags drauf abgelehnt habe und den Unmut der Geschäftsleitung auf mich zog, steht auf einem anderen Blatt.

    Und noch was: die schöne neue Welt birgt ungeahnte Möglichkeiten. Es hapert leider daran, diese zu ergreifen und zum Vorteil zu nutzen. Menschlich war früher vieles wirklich besser als heute.

    Wenn wir nicht umkehren von dem Irrweg, die irreale Cyberwelt durch erkaufte pseudo Menschlichkeit zu kompensieren, wenn wir nicht nicht wieder zu einer homogenen Einheit werden, so, wie Du sie in Deinen ersten Sätzen beschrieben hast, dann werden wir alle und unsere Heimat sowie die Heimaten aller anderen vor die Hunde gehen.
    Ein paar wenige Milliardäre profitieren davon.

    Aber das schießt nun übers Thema hinaus.

  • @Dirk: Die Gründe habe ich nicht erwähnt, weil sie nicht direkt zum Thema gehörten. Aber dass gesellschaftliche Umwälzungen nicht aus dem Nichts entstehen und keine rein individuellen Entscheidungen sind, liegt ja eigentlich auf der Hand.

    Ich weiß nicht genau, wie du meinen Assessment Center-Beitrag verstanden hast, aber ich kann mich da missverständlich ausgedrückt haben. Ich spreche da vor allem von meiner Generation (den sogenannten Millennials). In den Trainings, wie ich sie miterlebt habe, ging es darum, sich zu verkaufen. Wir wurden darauf vorbereitet, auf persönliche Fragen im Vorstellungsgespräch vorgefertigte Antworten zu liefern, dabei aber authentisch zu wirken. Es wurde sehr betont, dass eine bestimmte Ausstrahlung erforderlich ist und man bis zu einem bestimmten Grad schauspielern muss, egal um welchen Beruf es sich letztendlich handelt.

    Die Schule funktionierte aus meiner Erfahrung auch ein Stückweit so. Die Präsentation war oft wichtiger als der Inhalt.

    Dass es weiterhin Berufe gibt, in denen introvertierte Denker gefordert sind und auch Firmen, die entsprechend einstellen, bezweifle nicht. Allerdings wurden wir darauf vorbereitet, dass es vor allem um den Schein geht und wenn man sich im Bekanntenkreis umhört, steht dieser Schein wohl häufig tatsächlich über den Kompetenzen.

    Ich befürchte, dass viele in meiner Generation dieses Sich-Verkaufen-müssen internalisiert haben. Darum ging es mir.

    Dass die schöne neue Welt große Möglichkeiten bietet, nun, da sind wir uns einig, denn das erwähne ich genau so in meinem Beitrag. :)
  • edited Oktober 18
    @Hopek

    Das war nie anders, naja, jedenfalls nicht, solange ich mich erinnern kann. Der schöne Schein war immer schon wichtiger als der Inhalt.

    Besonders in der Schule war es auch vor 50 Jahren schon wichtiger, die Hausaufgabe mit viel Fleiß optisch schön zu gestalten als mit Inhalten zu glänzen.

    Aber wenn es um die Wurst geht, etwa in einem Assessment Center, werden die Verantwortlichen schon Wert darauf legen, daß der Gesuchte nicht nur eine tolle Präsentation ablegt, sondern auch inhaltlich was bieten kann.

    Das erfordert nicht mal eine Gratwanderung. Ein schönes Bild malen können viele. Extros sind darin ganz besonders prädestiniert. Es mit Gehalt zu füllen, ist eher die Disziplin des Intros. Ein bißchen malen können wir Intros aber auch, wenn wir uns anstrengen.

    Deshalb bekam ich damals den Job, den ich dann doch nicht wollte.

    Ich sehe, wir sind gar nicht so weit auseinander ;-)

    P.S. Hier in Indien sehe ich das noch viel deutlicher. In der Nachbarschaft haben wir ein paar recht intelligente Jugendliche, die die 11. und 12. Klasse des College (etwa Gymnasium in Deutschland) besuchen. Die verbringen oft Stunden damit, als Hausaufgabe toll gestaltete Bilder und ähnliches zu verarbeiten. Die sind alle paar Tage mit Bastelarbeiten beschäftigt, die wir in Deutschland in der dritten Klasse machen mußten um unsere motorischen Fähigkeiten zu üben.
    Ich jedenfalls mußte in der elften Klasse keine Texte mehr mit Blümchen umrahmen und selbige in Schönschrift anfertigen. Ich mußte Aufgaben lösen.
    Wenn ich das Bildungssystem in Indien betrachte, wird mir oft schwindelig und ich frage mich, ob das in Deutschland inzwischen genauso niveaulos ist.

    Meine Kinder sind längst erwachsen. Aber auch die mußten solchen Schwachsinn in Deutschland in höheren Klassen nicht leisten.
  • Was die Kinder in Indien erledigen, erinnert mich schon an meine gymnasiale Oberstufenzeit. Wir sollten zum Beispiel in Gruppen Poster malen. Auf diesen standen am Ende höchstens ein paar Daten ohne Kontext oder einfach nur Bilder, die lose mit dem Thema zu tun hatten. Wessen Poster hübscher gemalt war oder wessen Gruppensprecher am sympathischsten wirkte, bekam eine gute mündliche Note.

    Natürlich schrieben wir auch Klausuren, für die man lernen musste, aber ohne die Fähigkeit, sich zu präsentieren, war eine gute Note praktisch ausgeschlossen. Und viele Fächer hatten nur diesen mündlichen Anteil. Zehnmal pro Stunde melden, ohne viel beizutragen, zählte definitiv mehr als einmal pro Stunde eine gut durchdachte Antwort zu liefern.
  • Ich denke unsere ganze Gesellschaft ist auf Extroversion ausgerichtet. Introversion wird als Schwäche gedeutet und auch viele Menschen, die "ambivertiert" sind versuchen auf Biegen und Brechen extrovertiert zu wirken. Die geschilderten Erfahrungen aus der Schule kann ich nur zu gut nachvollziehen. Mir ging es auch immer so (Schule, Ausbildung, Studium). Insebsondere im Studium wird es mir ganz offen als Schwäche angekreidet und mir wurde dieser Stempel aufgedrückt. Ich glaube viele Menschen denken wenn sie wenig sagen dann wirken sie schwach. Es wird sehr viel wert auf das Individuum gelegt und in Gruppen steht dann auch jeder für sich selbst und muss möglichst viel von sich zeigen. Ich habe auch das Gefühl, dass es als wichtig gilt das was man denkt auch so oft wie möglich auszusprechen und viele Menschen denken sie hätten ein Recht darauf zu erfahren, was der andere gerade denkt und, dass alles Gedachte es wert ist auch ausgesprochen zu werden. Ich finde dieses Prinzip der mündlichen Noten allgemein viel zu stark gewichtet. Menschen haben unterschiedliche Persönlichkeiten und wenn es gegen meine Natur ist vor vielen Menschen etwas zu sagen warum sollte ich es dann tun. Menschen die viel reden werden ja auch nicht schlechter bewertet und weil sie (neben dem wertvollen) eine ganze Menge sinnlosen Quatsch reden ;-) Ich ärgere mich jedes mal aufs neue drüber
  • ich sehe mich genötigt dem Titel zu widersprechen. Introversion wird im Allgemeinen nicht als schlecht angesehen (gebildete Menschen wissen von den Vorteilen der Introversion)- eine Vielzahl an Menschen hingegen wissen nicht einmal was Introversion ist oder das es sie überhaupt gibt...und ich glaube da liegt auch schon der Knackpunkt. Unwissenheit und eine Gesellschaft (hier Deutschland/Österreich) die eher zu laut, als zu leise ist.

    Das Schulsystem in Deutschland wird tagtäglich kritisiert, von experten, wie auch vom Durchschnittsbürger (und auch von Genies wie Albert Einstein). Es hat sich seit über 100 Jahren am Grundprinzip der Schule kaum etwas verändert.
    Ein Gesellschaftliches, durchdachtes, umfassendes, wissenschaftlich fundiertes und pädagogisch wertvolles Erziehungssystem ist praktisch nicht vorhanden. Jeder darf Kinder kriegen und nach seinen eigenen Vorstellungen erziehen. (ersteres finde ich in einer demokratisch, freiheitlichen Welt notwendig...letzteres eher bedenklich)

    ---
    "Ruhig sein" hingegen wird häufig als schlecht angesehen. In der Schule, wie in der Gesellschaft. Wenn man sich die Frage nach dem warum stellt, kann man verschiedene Antworten finden die womöglich hilfreich sein können:

    - ruhige Menschen sind weniger interessant für andere.
    - ruhige Menschen sind schwerer Einzuschätzen.
    - ruhe wird oft als mangelnde Wertschätzung oder gar Ablehnung interpretiert. (der redet nicht mit mir, der mag mich nicht)


    Die entscheidende Frage ist, wie geht man damit um.
    - Manch einer beginnt damit sich abzuschotten, kann man machen. Man läuft aber Gefahr immer mehr zu vereinsamen, es zu verschlimmern oder gar psychisch Krank zu werden (Depressionen können zwar jeden treffen, aber Intros sind besonders gefährdet)
    - Man legt sich für bestimme Situationen die richtigen Sätze zurecht.
    Man antwortet einsilbig um unerwünschte Gesprächspartner schnell loszuwerden.
    Man erklärt Menschen die einem wichtig sind warum man seine ruhe braucht oder grad nicht so viel redet.
    - Oder, manch einer hört das jetzt nicht gern: man arbeitet daran gesprächiger zu werden. Das erfordert natürlich das man seine Komfortzone verlässt und erfordert entsprechend harte Arbeit. Aber das geht...jeder kann das. Man kann auch daran arbeiten weniger empfindlich zu sein...aber auch das erfordert Kraft, Mut, Einsatz und Wille. Mehr aus sich raus zu gehen, bedeutet aber auch verletzlicher zu sein. Wer dazu nicht bereit ist, wird es schwer haben sich in diese Richtung zu entwickeln.

    Meine persönliche Überlebensstrategie als Intro fußt in folgende Erkenntnis: Häufig muss man garnicht viel reden...es reicht sich gewählt ausdrücken zu können oder mit anderen Worten...zur richtigen Zeit, das richtige zu sagen. Und es hilft ungemein sich mit den richtigen Menschen zu umgeben. 70% der Probleme in diesem Forum beruhen darauf das man sich mit den falschen Leuten umgibt...ich weiß, man kann sich die nicht immer aussuchen...aber das ist ein anderes Thema und würden den Thread hier sprengen.

    Sry...ich kann mich aber auch nicht kurz fassen

  • @Stefan87 Musst dich auch gar nicht kurz fassen. Ich finde, das hatte alles Hand und Fuß. Und Hut und Gamasche!
  • @San und @Stefan87
    da möchte ich euch beipflichten :)


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