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Die Ketten der Zeit

edited Januar 16 in Beruf & Studium
Hallo liebe Intros!

Nach einer Weile melde ich mich mal wieder zu Wort, jedoch mit ein bisschen Dampf ablassen.
Ende letzten Jahres wurde das Unternehmen in dem ich arbeite, verkauft. Der Käufer sorgte in der Umgebung für ordentliche Schlagzeilen.
Gesamtbetriebsratauflösungen, Filialschließungen/Abriss etc.. Nun geht es seit Monaten drunter und drüber.
Meine Anstellung ist bis Ende des Jahres sicher, jedoch sind nun Bewerbungen schreiben ein muss. Da führt kein Weg vorbei.
Nachdem ich gestern meine erste Bewerbung erstellt habe, lässt mir die ganze Sache keine Ruhe.
Es ist erschreckend wie heuchlerisch man geworden ist. Ganz besonders im Anschreiben fällt mir meine Unehrlichkeit auf. Man ist der tollste, beste und motivierteste Arbeitnehmer den sich jeder Arbeitgeber nur wünschen könnte. Würde ich ehrliche Sätze in so einem Anschreiben tippen, wie zum Beispiel, "Ich arbeite um mein Leben finanzieren zu können", "ich arbeite um zu Leben", "Mir macht der Job keinen Spaß aber das ist nunmal meine Qualifikation und das kann ich ganz akzeptabel, anderswo gibt es aber sicher noch bessere", dann könnten wohl 90% der Menschen Sozialhilfe beantragen, mich eingeschlossen.

Mich kotzt diese Heuchelei jedoch ziemlich an, aber im Beruf jedoch unerlässlich. Es zwingt Selbstzweifel in mir hervor und ich stelle aktuell irgendwie alles in Frage. Will ich das? -Nein, aber ich muss. Ohne Kohle läuft nichts. Sohnemann möchte ja auch noch was essen und etwas zu spielen haben. So ist das Leben.
Ich hab diese Fremdbestimmung völlig satt, möchte mich aber auch nicht selbstständig machen, das grenzt dann schon an Selbstgeißelung, vom eventuellen finanziellen Ruin mal ganz zu schweigen.
Jetzt könnte man sagen, "du hast nur den falschen Job". Naja, jain! Mein Beruf ist sehr umfangreich, manches macht mir wirklich Spaß, anderes überhaupt nicht. Ich könnte nicht mal einen Beruf nennen, der mir Spaß machen würde. Ich möchte nicht 8 Stunden, 40 Wochenstunden fremdbestimmt werden. Die imaginären Ketten hängen schwer an meinen Handgelenken und ziehen mich immer tiefer in diesen beschissenen Sumpf vollgestopft mit skrupellosen Arbeitgebern die manche Menschen für 9 Euro die Stunde bezahlen wollen und sie selbst leben ihr Leben auf Bora Bora und lassen sich bedienen. Flexibel müssen sie sein, jederzeit erreichbar und bitte auch hochmotiviert. Ich habe das Glück, nicht für den Mindestlohn arbeiten zu müssen. Alle die es machen, haben meinen größten Respekt.
Mich kotzt dieser Kapitalismus an, mich kotzt die Gier nach immer mehr Geld an, mich kotzt die ganze gesamte Wirtschaft und dieser Lobbyismus an, mich kotzt die Politik an, die Fremdbestimmung… Ich möchte mich einfach nur zurückziehen und allein sein. Das tun was ich möchte, wann ich es möchte, losgelöst von schweren Ketten die mich immer tiefer in den Abgrund ziehen und mich zwingen so zu sein wie ich eigentlich nicht bin.

Jeden Morgen quäle ich mich aus dem Bett, viel lieber würde ich einfach liegen bleiben und das tun was mir gefällt. Nach einem Urlaub brauch ich nach zwei Tagen Büro einen doppelt so langen Urlaub. Der ganze Mist zieht mir die Energie aus dem Leib und ich habe das Gefühl mich immer weiter zurückziehen zu müssen um diese wieder aufladen zu können. Der Energieverlust ist langsam aber größer als die Zufuhr.

Dazu kommt diese ständige Ungewissheit wie es in Zukunft weiter geht. Werde ich zum Wochenend-Papa? In welche Stadt wird mich ein neuer Job hinzwingen? Wie werden die Arbeitskollegen? Bitte, hoffentlich kein Großraumbüro. Ach, und ein kleines bisschen mehr Geld wäre auch mal wieder schön, wird ohnehin ja alles teurer nur die Personalkosten nicht, bzw. nicht proportional, bei mir in den letzten Jahren jedenfalls nicht.

Das war mal ein Rund-um-Schlag, tat ganz gut mal zu schreiben. Danke fürs lesen :)

PS: Schreib- und Gramatikfehler dürft ich behalten, begraben oder was auch immer. Hab meinen Gedanken einfach mal freien Lauf gelassen und da müssen die Finger auch erstmal hinterherkommen.

Kommentare

  • Hey Jano,

    rant away! Mir geht's momentan (bis auf die Papa-Sorgen) genau so wie dir. Ich hass es, eingebunden zu sein, 40 Stunden die Woche sinnlosen Müll für Andere zu erledigen, für Eigenständigkeit fehlt mir der Mut und die Todesverachtung und irgendwie weiß ich nicht weiter, bzw. wohin, weil es doch alles fürn Arsch ist.
    Mich kotzt das alles auch einfach nur noch an. Es scheint nicht mehr "leben und leben lassen" sondern "ausbeuten oder ausgebeutet werden" zu sein. Bzw war es das wohl immer schon und ich kann nur nicht mehr die Augen davor verschließen.

    Vllt tröstet dich, dass es auch anderen so geht. Einen Ausweg weiß ich selber leider auch nicht.
  • Da möchte ich doch direkt eine Runde "mitkotzen".

    Wie gut ich euch verstehen kann!

    Allein eine vernünftige Lösung fehlt auch mir.
  • @Jano

    Im großen und ganzen geht es mir wie dir, sehe keinen Sinn darin, bis über 60 nach der Pfeife anderer zu tanzen. Daher strebe ich für mich die finanzielle Unabhängigkeit an, um sich den Kapitalismus als Vorteil zu nutzen. Das geht natürlich nicht "Mal eben", aber es gefällt mir der Gedanke nicht mehr arbeiten zu brauchen für andere, um mein Leben zu finanzieren.

    In den USA ist dieses Thema natürlich weiter verbreitet. Aber es gibt auch deutsche Blogger wie zum Beispiel den Frugalisten, die über das Thema schreiben. Klar muss man nicht allem dort zustimmen, aber solche Seiten wecken doch irgendwie auf, dass das was die Masse so macht mit demnächst bis Ü70 zu arbeiten, und vorher irgendwelchen Plunder Anhäuft nicht so sinnvoll ist (für mich zumindest). Es geht auch mit weniger materiellem
  • Ich sehe eigentlich nur einen Weg: Die materiellen Ansprüche und diesbezügliche Selbstverwirklichung runterschrauben, und weniger arbeiten. Mit weniger Geld natürlich.
    Tut auch der Umwelt gut, die ja dank unserer Lebensweise gerade vor die Hunde geht.
    Ist alles nicht so einfach, aber ich denke wir werden eines Tages gezwungen sein, so zu handeln.

    Gruß axle
  • @axle

    Das ist auch ein starker Hebel. Je weniger man braucht, desto besser. Mit sinkendem Bedarf an Einkommen steigt zum Glück auch noch der Wirkungsgrad (mehr netto in Prozent vom brutto).
  • @axle

    Ich sehe es ähnlich. Ich lebe nun seit zwei bis drei Jahren so, dass ich so gut wie nichts mehr kaufe, ich gebe dann eher mal Geld für Urlaub aus. Ich repariere Dinge, baue mir Möbel aus Sperrmüll und man bekommt auch viele Dinge umsonst, wenn man nur danach sucht (sogar gute Nahrungsmittel, man darf bloß nicht wählerisch sein :D). Wenn ich wirklich etwas haben will, schreibe ich es auf einen Wunschzettel und merke dann bis zum Geburtstag/Weihnachten, dass ich das eigentlich doch nicht brauche :D.
    Für mich funktioniert das super und ich finde es eher befreiend, als einschränkend! Aber ich weiß eben nicht, ob das für jeden was wäre. Kommt vielleicht auch sehr auf das Umfeld an. Ich bin auch ein sehr kreativer Mensch und bastle mir gerne Sachen selbst, das ist daher auch kein teures Hobby.

    Ich habe mich dann auch nach dem Studium entschieden, nicht Vollzeit zu arbeiten (und ich will vielleicht irgendwann selbständig arbeiten, habe ich auch zwischendurch mal kurzzeitig gemacht, aber bis ich mich ganz dazu mal überwinde... ^^) aber da kamen viele Gründe zusammen.
    Mir fällt es in meiner Situation leicht, aber ich glaube es wäre eine andere Sache, wenn ich Kinder hätte oder das Gefühl, dass ich meine Familie noch finanziell mit unterstützen müsste.
    Aber das man den ganzen, immer wieder neuen, materiellen Kram nicht braucht, kann ich nur bestätigen. Wir leben in einem gradezu lächerlichen Überfluss ^^.

    Ich wollte mich schon mal vorher zu dem Thema melden. Aber ich muss ehrlich sagen, dass es mir immer noch manchmal unangenehm ist zuzugeben, dass ich nicht voll arbeite und dass es mir dennoch gut geht. Man wird ja auch nicht als ressourcenschonend angesehen, sondern eher als geizig, wenn man quasi kein Geld ausgibt ^^.
  • edited Januar 16
    „Grausam laut und unablässig
    Eine Maschine dröhnt,
    die Seelen zermahlend
    Leben verhöhnt.

    Ratternd die Maschine
    Ihre Räder dreht
    So seelenlos, so seelenlos!

    Doch ein einzel Sandkorn bloss
    Dazwischen springt
    Und die Maschin‘ ins Stocken bringt
    Auf dass niemals mehr
    Maschinenlärm die Still‘ durchdringt.

    [Die Still‘ durchdringt Maschinenlärm,
    die Still‘ durchdringt Maschinenlärm]

    So das Monstrum knirschend,
    kreischend mit dem Tode ringt –
    bis der Lärm erstirbt und die Räder steh’n
    in aller Ruh nachdenkend...“

    Diesen Text schrieb ich vor 20 Jahren, als ich Auszubildender zum Bürokaufmann in der Verwaltung eines Altenheims war. Ich fühlte mich wie ein dummes Rädchen im Getriebe, und die endlose Monotonie zehrte mich auf, höhlte mich aus.

    Doch dann irgendwann erkannte ich:

    Es ist unsere Angst, die uns in Ketten hält.

    Es ist unsere Angst, die der Treibstoff jener Maschine ist.

    Aber wisst ihr was? Wir haben im Grunde nichts zu fürchten. Nur den Tod, und es gibt einigen Anlass anzunehmen, dass selbst der nicht das Ende ist. (https://www.nderf.org/German/NDERF_NDEs.htm)

    (Möglicherweise wirke ich nun vollkommen übergeschnappt.

    Vielleicht bin ich das auch.

    Aber im Gegensatz zu früher kümmert mich heute nicht mehr, was die Meisten über mich denken.)

    Mit euren Gedanken formt ihr eure Welt. Entscheidungen, die ihren Ursprung in euren Gedanken haben, haben euch genau dorthin gebracht, wo ihr genau jetzt, in diesem Moment seid.

    Und sie können euch überall hin bringen, wohin ihr auch wollt, wenn ihr nur den Mut habt euch eurer Vorstellungskraft zu bedienen.

    Stellt euch vor, was ihr Erleben wollt, und dann werdet ihr erleben, dass die Welt um euch herum sich gemäß euren Wünschen formt.

    Ja, ich weiß wie übergeschnappt das klingt.

    Aber unzählige Synchronizitäten haben mich erstarren lassen in Ehrfurcht vor der Macht, die den Gedanken innewohnt.




    (Dass ich nicht der Einzige bin, der der Auffassung ist, dass unsere Gedanken zu mehr imstande sind, als wir je zu Träumen wagen (Pun intended), beweist jener nette Herr in nachfolgendem denkwürdigen (another pun) Video:




    P.S.: Damit niemand den Eindruck gewinnt, ich wolle mich über euch lustig machen oder dass ich glaubte, das Leben sei ein Kinderspiel:

    Ich hatte zeitlebens meine Augen weit aufgerissen und weiß wie die Welt beschaffen ist; davon sollte nicht zuletzt mein eingangs notierter Text künden.

    Aber wenn man nur lange genug innehält... dann durchdringt die Stille den Lärm.

    Und man bekommt eine Ahnung, wer, was man eigentlich ist.

    ALL=EIN
  • Hallo Jano,

    dein Text könnte auch von mir sein. Mir geht es ganz genauso. Die Firma, in der ich arbeite, wurde vor ein paar Monaten verkauft, und es geht drunter und drüber. Ein massiver Stellenabbau wurde bereits angekündigt. Ob meine Stelle erhalten bleibt, oder ob ich sie verliere, steht in den Sternen. Deshalb muss ich mich zwangsläufig auch nach etwas anderem umsehen, es hilft ja leider nix.

    Ich finde es auch einfach nur schrecklich, was Personaler im Anschreiben lesen wollen. Glauben die das wirklich, dass jeder hochmotiviert ist und jeder der Beste für die Stelle ist?

    Auch deine Ängste kann ich sehr gut verstehen. Die habe ich auch. Ein Großraumbüro fände ich auch ganz schlimm. Und auch der Gedanke, mich noch ein paar Jahrzehnte lang jeden Tag aus dem Bett quälen zu müssen um dann min. 8 Stunden für den Arbeitgeber zu funktionieren, macht mich fertig. In den Unternehmen zählt heute nur noch Geld und Gewinnmaximierung. Die kleinen Mitarbeiter, die auf Ihren Job angewiesen sind, interessieren keinen mehr.

    Viele Grüße,
    Igel_82
  • Vielleicht hilft es euch ja. Ich hab versucht, "Jobs mit Sinn" zu googlen. Es gibt inzwischen einige Jobbörsen, die extra Jobs mit Sinn anbieten, also in Firmen, die für den Umweltschutz oder Nachhaltigkeit sind.
    Vielleicht kann der ein oder andere von euch sich dort eher sehen. Mit einem Job, mit dem man in der Welt vielleicht noch etwas retten kann, anstatt bis zur Rente für den 3. Maserati des Vorstands zu schuften.
  • San,
    Es gibt auch Firmen, die am Gemeinwohl interessiert sind. Ich selbst arbeite in einem Handwerksbetrieb und habe trotz Büro viel Anbindung an die Praxis. Das kann einen schon ausfüllen. Und mit Maserati ist hier auch nix, alles schön bescheiden...

    Da darf man natürlich nicht heiß auf Karriere sein. Betriebe mit mehr als 50 Leuten gleich aussortieren. Da laufen zu viele Psychos rum, alles schon erlebt.
    Je größer so ein Laden, desto schlimmer.
    Gruß axle
  • @axle Es gibt auch kleine Läden, bei denen die Chefs gewissenhafte, geldgierige Arschlöcher sind, die ihren Mitarbeitern misstrauen und ihnen immerzu sagen, was für schlechte Arbeit sie leisten, sich während der Arbeitszeit in ihren weiteren Projekten herumtreiben, anstatt vor Ort zu sein und zwar keinen Maserati fahren, aber von allen Umsätzen, die die Mitarbeiter erwirtschaften, natürlich den Löwenanteil eingehalten.
    Und sowas macht Kuscheltiere und Quietscheenten. In China. Ich habe die Fotos der Lagerhallen und "Arbeitsplätze" gesehen. Spielzeug hat seitdem seine Unschuld für mich etwas eingebüßt.
    Ich finde, man kann es einfach vorher nicht wissen. Die Leute gehen selten mit einem "Freut mich, Sie kennenzulernen. Ach, bevor Sie sich das fragen, ich bin übrigens ein geldgieriges, skupelloses Arschloch. Schönen Pulli haben Sie da an!" hausieren.
  • edited Februar 1
    Ja, sowas von. Ich habe dieselben Gedanken.
    Ich habe jetzt fast 2 Jahre einen 30-Stunden Job gemacht, weil ich nebenbei eine Ausbildung zum Coach gemacht habe, und ich wusste, dass mir das mit VZ zu viel wird. Es ist toll!
    TZ halte ich grundsätzlich für sehr sinnvoll, für alle.
    Mehr Besinnung und Entschleunigung kann unter Umständen dazu führen, mal darüber nachzudenken, wie man so lebt.

    Selbständigkeit. Konnte ich mir aus bereits genannten Gründen früher auch gar nicht vorstellen und heute eher. Vor allem zum Start nebenberuflich.

    Seit geraumer Zeit lese ich immer mal wieder Zarathustra von Nietzsche und bin sehr verliebt.
    Ein Zitat, das zum Thema Materialismus, Kapitalismus und Minimalismus passt:
    "Wahrlich, wer wenig besitzt, wird um so weniger besessen: gelobt sei die kleine Armut!"
  • edited Februar 1
    @Peloquin: mir gefällt dein Gedicht!
    Und wow. Furchtlosigkeit. Du bist schon da. Ich bin über Buddhismus damit in Kontakt gekommen. Es wäre toll, dahin zukommen.

    Und All=Ein. Noch Mal wow.
    One is all and all is one.

    Ich glaube an die Macht und an die Philosophie und Weltsicht dahinter. Ich bin ein Jedi. Ist auch für manche verrückt. Dabei geht es auch um die Verbundenheit allen Seins.

    Kurzdefinition:
    "It's an energy field
    created by all living things
    it surrounds us
    it penetrates us
    it binds the galaxy together"
  • @skadi: schön zu lesen, wie du lebst. Das begeistert mich, dass du das kannst. Ich konsumiere zumindest viel weniger als früher. Streamingportale ausgeschlossen.
    Mich befreit das auch sehr. Genügsamkeit.
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