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Das Problem mit der Erwartungshaltung

Ihr kennt sie sicher

Aussprüche aus dem Alltag wie

"Ja, aber ich hätte gedacht, dass ..."


oder

Es gehört sich, etwas so und so zu tun.

Bestimmte Glaubenssätze spielen meiner Erfahrung nach in eine gewisse Erwartung an sich und die eigene Umwelt hinein.

Aber wäre es nicht eigentlich viel besser, den Alltag so zu nehmen und mitzugestalten, wie er gerade auf einen zukommt?

Kommentare

  • Ja, viel besser:)
    ich habe mir auch über einen längeren Zeitraum meine vielen Glaubenssätze und alle Konventionen, die ich so übernommen hatte, vorgenommen und hinterfragt. Ich bin dann zu dem Schluss gekommen, dass sie mir nicht dienen, sondern eher hinderlich sind, und habe sie von mir abfallen lassen. Mittlerweile finde ich Sätze wie " Das gehört sich so" oder " Das muss man ja machen" tatsächlich abwegig, weil sie nicht wahr sind. Seitdem fühle ich mich viel freier und kann auch authentischer leben. Da, wo ich ohne zu hinterfragen, Erwartungen bediene, handle ich meiner Meinung nach unbewusst und nicht spontan, sondern folge irgendwelchen Regeln, die eine Starrheit in sich tragen und nicht dem natürlichen Fluss des Lebens entsprechen.
    Auch meine Erwartungen an das Verhalten anderer konnte ich zu einem großen Teil loslassen, überhaupt das Bewerten an sich. Solange nicht wirklich Menschen oder Tiere zu Schaden kommen, kann ja tatsächlich jeder machen und reagieren wie er es gerade möchte. Das macht das Leben interessanter und bunter und auch friedlicher.
    Das ist Freiheit.

  • Schöner kann man es glaube nicht ausdrücken @Nanno

    Ich danke dir für diese mutmachende Rückmeldung!
  • @enjoythesilence & @nanno

    Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Erwartungen nicht gleich Erwartungen sind und ich (leider) auch nicht gleichermaßen mit verschiedenen Erwartungshaltungen umgehen kann.

    So gibt es die von Nanno angesprochenen, allgemein gesellschaftlichen Erwartungshaltungen. Nur ein Beispiel aus meinem Leben: alle (und damit meine ich wirklich alle) Menschen bzw. Paare in meinem Umfeld (Nachbarschaft, Arbeitsleben etc.) haben Kinder. Es gehört eben nach allgemeingültiger Meinung dazu irgendwann eine Familie zu Gründen, sofern man eine feste Partnerschaft hat. Wenn man diese Erwartung nicht erfüllt kommen sie. Die Fragen. "Wann ist es bei euch soweit? Was ist denn los bei euch? Warum wollt ihr keine Kinder? Könnt oder wollt ihr keine haben? Aber irgendwann muss das schon mal noch sein!" .... Muss es wirklich? Warum? Nur weil sich alle einbilden, dass es so ist? Muss für mich genau das richtig sein, was für alle anderen richtig ist? Mal angenommen meine Ehe geht nicht in die Brüche ... muss ich deshalb unbedingt Kinder haben? Erwartungen der Gesellschaft allgemein erfülle ich schon eine Weile nicht mehr. Weil ich nicht verstehe wieso ich das tun sollte. Ich erkenne den Sinn dahinter nicht. Es gleicht einer Selbstaufgabe. Selbstbetrug. Zudem ist es unsagbar anstrengend, kräftezehrend und deprimierend.

    Die andere Seite zeigt mir die familiären und emotionalen Erwartungen. Von Menschen, die einem nahestehen, wichtig sind und viel bedeuten. Diese kann ich nicht einfach so ignorieren. Oft würde ich das gerne. Besonders meine Mutter hat unendlich große Erwartungen an mich. Das war schon immer so und wird immer so sein, egal wie alt ich bin. Sie hat einen sehr dominaten Charakter, das muss ich dazu sagen, während ich genau das Gegenteil bin. Um es aber nochmal auf den Punkt zu bringen: den Erwartungen meiner Familie beispielsweise komme ich fast ausnahmslos nach, auch wenn es mir dadurch schlecht geht und mich das kaputt macht. Einfach, weil ich nicht verletzen und enttäuschen will und mir die Familie, die ich noch habe, sehr wichtig ist. Dann lieber stecke ich zurück aus Angst vor Streit, der mich noch mehr belasten würde, als die Anstrengungen es tun, wenn ich die Erwartungen der Familie erfülle.

    Die Medaille hat eben immer zwei Seiten. Es gibt sicher auch hier keine Patentlösung. Oder wie seht ihr das?

  • @1iedlerkrebs
    Ja, genau, die Erwartungshaltung der Gesellschaft nicht zu erfüllen ist eine Sache, die relativ einfach ist, wenn man sich mal die entscheidenden Fragen gestellt hat, wie du ja oben beschrieben hast.
    Für mich gilt das gleichermaßen für die eigene Familie, wo es unendlich viel schwerer ist.
    Als Mutter habe ich mir Folgendes sehr zu Herzen genommen:

    Eure Kinder

    Eure Kinder sind nicht eure Kinder.

    Sie sind die Söhne und die Töchter der Sehnsucht

    des Lebens nach sich selber.

    Sie kommen durch euch, aber nicht von euch,

    Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.



    Ihr dürft ihnen eure Liebe geben,

    aber nicht eure Gedanken,

    Denn sie haben ihre eigenen Gedanken.

    Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben,

    aber nicht ihren Seelen,

    Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen,

    das ihr nicht besuchen könnt,

    nicht einmal in euren Träumen.



    Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein,

    aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.

    Denn das Leben läuft nicht rückwärts

    noch verweilt es im Gestern.



    Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder

    als lebende Pfeile ausgeschickt werden.

    Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit,

    und er spannt euch mit seiner Macht,

    damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.

    Laßt eure Bogen von der Hand des Schützen auf Freude gerichtet sein;

    Denn so wie er den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt er auch den Bogen, der fest ist.


    Khalil Gibran
    (* 06.01.1883, † 10.04.1931)





    Was würde deine Familie dir antworten, wenn du diesen Satz genau so mitteilst, wie du ihn geschrieben hast:

    "....den Erwartungen meiner Familie beispielsweise komme ich fast ausnahmslos nach, auch wenn es mir dadurch schlecht geht und mich das kaputt macht. Einfach, weil ich nicht verletzen und enttäuschen will und mir die Familie, die ich noch habe, sehr wichtig ist."

    Kannst du dir vorstellen, ihnen das mal zu sagen?




  • edited Februar 4
    @nanno

    Das sind sehr nachhaltige Zeilen. Danke dafür. Sie sind mir noch lange durch den Kopf gegangen ...

    Was meine Familie antworten würde: insbesondere meine Mutter würde mir sehr wahrscheinlich Vorwürfe machen. Sie wäre fassungslos über meine Aussage, dass es mir bei so manchem schlecht geht, in Verbindung mit meiner Familie. Vermutlich würde sie mir damit drohen mich ab sofort in nichts mehr einzuweihen, damit es mir nicht mehr schlecht geht. Das würde sie allerdings nicht aus dem Grund heraus sagen, um mich zu entlasten, sondern mit einer ordentlichen Portion Zynismus im Gepäck, die in Enttäuschung gehüllt ist. Sie wäre gekränkt, würde mich künftig auch entsprechend behandeln. Kühl, abgeklärt, kurz angebunden, verbittert. Sie würde mich de facto bestrafen und es mich spüren lassen.

    Da ich für die Bewältigung einer solchen Reaktion nicht den Hauch von Kraft und Nerven mitbringe, gehe ich dem um jeden Preis aus dem Weg und habe meinen Frieden auf eine andere Art. Auch, wenn ich damit nur die Symptome beseitige und nicht die Ursache und auch, wenn das heißt, dass ich damit feige den Weg des geringsten Widerstandes gehe. Ich möchte infach nicht vom Regen in die Traufe.

    Nicht, dass du durch meine einseitige Angabe einen gänzlich falschen Eindruck von ihr erhälst. Sie hat wahrlich zwei Seiten. Sie kann der liebevollste, hingebungsvollste und aufopferndste Mensch sein, den ich kenne. Sie ist aber auch einer der wenigen Menschen, die mich gnadenlos zerstören könnten, wenn sie ihre eigenen Interessen in Gefahr sieht und sich ungerecht behandelt fühlt. Völlig egal ob berechtigt oder nicht.
  • Lieber @1iedlerkrebs
    Das, was du über deine Mutter schreibst, hatte ich schon geahnt und meine Mutter war sehr ähnlich gestrickt, nur dass sie ihre liebevolle Seite überhaupt nicht leben konnte. Diese Mütter sind manipulativ, sie lassen ihr Kind nicht frei sein, sondern benutzen es, um selbst irgendwie zufrieden sein zu können. Wäre deine Mutter mit sich selbst glücklich und zufrieden, müsste sie dir nicht das Gefühl geben, dich auf eine bestimmte Art verhalten zu müssen. Kein Kind ist für die Gefühle und Zustände der Mutter verantwortlich. Jeder Mensch, der auf diese Welt kommt, ist für sich selbst verantwortlich. Deine Mutter übernimmt nicht die Verantwortung für ihre inneren Zustände und will etwas von dir. Du kannst ihr aber gar nicht helfen, mach dir das bitte bewusst.
    Deine Mutter handelt unbewusst, sie hat ihre eigenen Prägungen, Verletzungen, was auch immer ihr zugestoßen ist, nicht verarbeitet, sie ist also in einem traumatisierten Zustand und erkennt es nicht. In diesem Zustand kann sie nicht anders als übergriffig und manipulativ zu sein. Sie möchte unbewusst, dass du sie glücklich machst. Das kann sie aber nur selbst, indem sie sich ihre inneren Glaubenssätze über sich selbst und das Leben bewusst macht und korrigiert.
    Du schreibst, dass sie dich gnadenlos zerstören kann. Hinterfrage diese Aussage einmal.
    Richtig ist, dass sie das konnte, als du ein Kind warst. Da warst du gnadenlos abhängig von ihrer Liebe und Fürsorge, damit du überhaupt überleben kannst. Heute bist du erwachsen und nicht mehr abhängig von ihr, sie kann dich nicht zerstören. Du kannst weggehen. Das konntest du als Kind nicht.
    Du hast "nur" das Gefühl, dass sie das kann. Kannst du mir da zustimmen?

  • @Nanno

    Wie gerne ich dir zustimmen würde. Glaube mir. Leider kann ich es nicht gänzlich. Ich kenne die Problematik schon mein ganzes Leben lang. Alles was du schreibst trifft uneingeschränkt zu. Auch die Lösung kenne ich. Ich möchte dir verraten, warum ich diesen Weg nicht gehe(n kann). So sehr sie mich auch oft verletzt und ich um ihre teils zerstörerische Art und Weise weiß, aber sie ist und bleibt meine Mutter. Wie könnte ich ihr den Rücken zuwenden? Ja, ich habe schon mehr als einmal darüber nachgedacht. Aber ich schaffe es nicht. Mein Gewissen würde mich erdrücken. Auch meinem Vater gegenüber. Er ist so ein gutmütiger und sanfter Mensch. Er würde zerbrechen an der Situation. Jetzt wirst du sagen: "Dann kann es so schlimm für dich selbst ja nicht sein." Doch. Das ist es dennoch. Aber irgendwie liegt es auch in meiner Natur immer wieder zu verzeihen. Da zu sein. Zu akzeptieren. Wie gerne würde ich ihr so vieles sagen. Allem voran, dass ich eine
    knapp 36 jährige Frau bin und kein Kleinkind ... ich weiß auch, dass sie mich braucht. Wann auch immer sie ein Problem oder Sorgen hat, sie ruft mich immer an und ich beschäftige mich zu einem Großteil mit der Lösung ihrer Probleme, mit dem Trösten. Und dennoch oft die Kehrseite. Leider bin ich mir nicht sicher, ob wir bereits vom Thema abdriften ... ich würde hier deshalb vorsichtig einen Cut machen.

    Ich danke dir aber für deine wirklich sehr tröstenden Worte. Sie haben mich zum Weinen gebracht. Weil es gut tut. Zu wissen, dass nicht alle Schuld bei mir liegt. Dass ich so falsch nicht denke. Also noch einmal Danke an dich @Nanno.
  • @1iedlerkrebs, okay, ich wünsche dir , dass du einen guten Weg für dich findest. Nur eins möchte ich noch korrigieren:

    Jetzt wirst du sagen: "Dann kann es so schlimm für dich selbst ja nicht sein."

    Nein, lieber @1iedlerkrebs, das sage ich nicht. Ich kenne das selbst und weiß, wie ich mich gefühlt habe. Ich kann alles, was du schreibst, sehr gut nachvollziehen und fühle mit dir und deiner Mutter.


  • Ach da fällt mir der alte Spruch ein "Don't set yourself on fire to keep others warm."
    Also stecke dich selber nicht in Brand, damit Andere es warm haben.

    Aber ich weiß, das ist sehr oft einfach leichter gesagt als getan. Ich wünsche dir (und allen Menschen) mit manipulativen Eltern viel, viel Kraft!
  • @ Enjoythesilence
    Ich kenne und hasse solche Erwartungshaltungen auch. "Das macht man so", "Das gehört sich eben so" oder gut ist auch "Das macht man so, wenn man Anstand hat". Wer ist denn bitteschön man? Wenn meine Kinder z. B. sagen "Mama, das machen aber alle so!" dann erwidere ich immer leicht schmunzelnd "Und wenn die alle von der Brücke springen, springst Du dann auch hinterher?". Mir ist das völlig egal, wie andere irgendetwas machen oder nicht. Ich habe doch meinen eigenen Kopf (so lange es andere nicht absichtlich oder deren Grenzen verletzt). Meinst Du eher Erwartungshaltungen anderer oder sind es bloß die Glaubenssätze in Deinem eigenen Kopf (also eher Stimmen aus der Vergangenheit vielleicht)? Dein letzter Satz, also den Alltag so zu nehmen, wie er gerade kommt, ist das nicht eigentlich ein ganz anderes Paar Schuhe? Könntest Du mal ein Beispiel in diesem Zusammenhang nennen?
  • @Kassandra "Wer ist denn 'man'?" Fragte unser Ausbilder einmal sehr, sehr hartnäckig in einem einwöchigen Selbstdarstellungs-Workshop. Ich bin die Frage niemals wieder losgworden und höre seitdem wie eine Feueralarmglocke das ständige "man, man, man" da draußen.
    Letztendlich ist "man" sehr oft "ich", aber wir sind von unserem eigenen Ich so detached, dass wir - besonders wenn es um Gefühle geht oder Dinge, die uns nahe gehen - nicht von uns selber reden können, stattdessen setzen wir gerne "man" ein. (Ist mir mal im Fernsehen aufgefallen in so Sendungen im Vorabendprogramm, damals, als ich das noch anschaute. Da war eine Person, die interviewt wurde und ständig sagte "Da fühlte man sich so hilflos" und dergleichen. Nein. DU fühltest dich hilflos.)
    Ich merke auch, wenn ich jemandem etwas Unangenehmes sagen muss/will, weil ich glaube, dass eine hübsche Lüge der Person nicht weiterhilft, will ich automatisch in den 'man'-Modus rutschen, um mich von der Aussage, die der Person eventuell wehtun könnte, zu distanzieren.

    Genau so ist es doch mit dem "das macht man so". Die Leute sind so detached von dieser Aussage, dass sie nicht mal sagen können "das mache ich so", weil es auch gar nicht stimmt. Sie wollen gerade von jemand anderes, dass diese Person das so macht wie 'man' das macht, aber machen sie es eigentlich selber so?

  • @ San
    Das hast Du sehr schön auseinanderklamüsert :) Aber das trifft es eigentlich ganz genau, was ich meinte.
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