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Wie stehen Introvertierte zu Freundschaft?

Hallo liebes Forum! Hab mich jetzt mal hier angemeldet um meine Erfahrungen mit einem introvierterten Menschen zu teilen und zu versuchen, ihn und unsere Bekanntschaft/Freundschaft zu verstehen. Ich tue mir nämlich sehr schwer damit alles richtig einzuschätzen.

Ich selbst bin ein extrovertierter und emotionaler Mensch. Wenn mir jemand sympathisch ist, schließe ich ihn schnell ins Herz und ich bin schnell bereit, von Anfang an viel in eine Freundschaft zu investieren.

Seit einem Jahr haben wir eine neue Arbeitskollegin. Sie selbst bezeichnet sich als schwierigen Charakter und extrem introvertiert. Sagt, Interaktionen mit anderen werden ihr auch schnell mal zuviel, sie braucht immer wieder Erholungsphasen. Sie tritt anderen gegenüber meistens distanziert und kühl auf außer bei jenen, denen sie nahe steht. Die anderen Kollegen sagen sie ist eigensinnig, nicht teamfähig, hat einen unmöglichen Ton und Art - kürzlich fiel sogar das Wort assozial im Verhalten den anderen gegenüber, was mich echt schockiert hat. Vorgesetzte sagen, sollte sie gehen, wäre das kein großer Verlust.

Komischerweise hatten wir von Anfang an irgendwie einen Draht zueinander und haben uns vom oberflächlichen Niveau schnell wegbewegt. Ich fand den Austausch oft sehr bereichernd und unsere Gespräche tiefsinnig. Oft habe ich was den Job angeht versucht mit meinen Sichtweisen zu helfen einfach weil sie mir wichtig ist. Wir haben im Job viel Zeit miteinander verbracht und womit ich nie gerechnet hätte, war dass mir echte Dankbarkeit entgegengebracht wurde. Ich bekam einen Brief mit persönlichen Zeilen wo mir für alles gedankt wurde was ich für sie tue, das das alles weiterhilft und sie sich immer fragt, womit sie das verdient hat. Und so ist es für mich dann auch noch völlig unerwartet passiert, dass mir immer mehr persönlicher Kummer und Probleme anvertraut wurden und hemmungslos vor mir geweint wurde. Ich habe zugehört, versucht hilfreiche Ratschläge zu geben und aufzumuntern. Ihre Reaktionen waren erneute persönlichen Zeilen der aufrichtigen Dankbarkeit, unerwartet wurde ich damit konfrontiert, das es ein paar Personen gibt, für die sie durchs Feuer gehen würde und ich zähle da auch dazu.

Vieles hat natürlich dazu geführt das ich mich immer mehr auf diesen Menschen eingelassen habe und für mich sehr viel Nähe entstanden ist. Allerdings sind wir eben in unseren Persönlichkeiten sehr verschieden und es gibt Dinge, die mich sehr verletzen und wo ich nicht weiß, warum man sich so verhält und woran ich eigentlich wirklich bin.

Ich empfinde eben oft ein Ungleichgewicht und sehe Aussagen und Handlungen nicht konform versuche aber ihre introvertierte Art zu verstehen und Verständnis entgegenzubringen weil ich weiß das ich eine andere Person nicht ändern kann und das steht auch keinem zu. Auch sie hat ihre Erfahrungen und Beweggründe aus ihrem Leben, die sie wohl so agieren lassen, wie sie es tut. Aber ich glaube das unsere Vorstellung von Freundschaft weit auseinandergeht und damit frage ich mich auch wie sinnhaft diese Verbindung ist. Was denkt ihr? Helft mir bitte zu verstehen wie Introvertierte handeln und denken!

Kommentare

  • Zunächst ein herzliches Willkommen bei uns @LittleMissSunshine !

    Es ist immer wieder schön zu erleben, dass Mitmenschen, obwohl sie sich eher auf der extrovertierten Seite sehen, hier her finden, weil sie ihr introvertiertes Gegenüber besser verstehen möchten.

    Es tut mir leid, dass du dich nun durch den Rückzug deiner Kollegin unausgeglichen fühlst.

    In deinem letzten Absatz schreibst du etwas Wichtiges:

    "Ich versuche ihre introvertierte Art zu verstehen und Verständnis entgegenzubringen weil ich weiß das ich eine andere Person nicht ändern kann und das steht auch keinem zu. Auch sie hat ihre Erfahrungen und Beweggründe aus ihrem Leben, die sie wohl so agieren lassen, wie sie es tut. Aber ich glaube das unsere Vorstellung von Freundschaft weit auseinandergeht und damit frage ich mich auch wie sinnhaft diese Verbindung ist."

    Jeder von uns hat - ganz abgesehen von Intro- oder Extroversion - seine Geschichte.

    Mag sein, dass sie einmal schwer verletzt wurde und aus diesem Grund vorsichtig ist, was das Eingehen von tiefen Freundschaften angeht.

    Deine Zeilen lassen vermuten, dass sie dich als Arbeitskollegin vielleicht schon näher an sich rangelassen hat, als ihre WhatsApp Freunde.

    Versuche, das Positive zu sehen. Weniger die Häufigkeit eures Kontaktes, sondern die Intensität.

    An die Hand geben möchte ich dir, dass jeder von uns "Intros" sich voneneinander unterscheidet, weshalb es kein Patentrezept für den Umgang mit uns geben kann.

    Es gibt auch bei den Introvertierten den geselligen Typ, zu dem ich mich dazuzählen möchte, doch auch mir wird von Zeit zu Zeit der Kontakt zu meinen Mitmenschen zu viel und ich ziehe mich zurück. Nicht ohne schlechtes Gewissen, woran ich derzeit noch arbeite. Denn das Wichtigste für uns alle Intros wie Extros sollte die Selbstfürsorge sein.
    Niemnadem ist geholfen, wenn ein Mensch etwas nur aus Pflichtgefühl tut oder wenn es von ihm erwartet wird.

    Ja, ab und an darf man durchaus über seinen Schatten springen. Tut man dies dauerhaft, weil man sein Gegenüber nicht enttäuschen möchte, läuft man Gefahr, selbst zu leiden.

    Was du machen kannst, vorausgesetzt, du möchtest die dafür nötige Geduld aufbringen:

    biete deiner Arbeitskollegin an, dass du für sie da bist, wenn sie deine Hilfe brauch. Aber überlasse ihr, ob und wann sie darauf zurückkommt.

    Hör gut in dich selber rein, ob dieses Vorgehen in deinem Sinne ist.
    Druck und Ärger werden weder dir noch deiner Kollegin weiterhelfen.

    Wenn es dir um ihr Wohl geht, zeige Geduld und Verständnis.
    Aber ja, es ist eine Gratwanderung, dabei nicht selbst unterzugehen. Darum sei dir zunächst bewußt, was du selbst möchtest.

    Liebe Grüße
    Enjoythesilence
  • edited Juli 10
    Guten Tag, LittleMiss Sunshine;

    (m)eine Theorie:
    Deine Kollegin hat, zum Zeitpunkt der Vereinbarung eines "Termins", grosse Lust (oder/und sie will Dir "etwas zurueckgeben", wovon Du ja schriebst), sich mit Dir zu treffen. Und vor dem/den Treffen (wird ihr es doch zuviel mit der Naehe, da die "Stunde der Wahrheit" ;-) nahe/auf der Pelle) hat sie Phase(n), in der ihr der vertraute Rueckzug, ihre Alleinseinszeit, Ruhe und Sicherheit gibt.

    Ihr habt, so wie ich das lese, entweder den persoenlichen Kontakt oder den schriftlichen. Grad der bislang nichtgenutzte Weg, das Miteinander-Telefonieren, koennte doch eine Bruecke sein. Wie fuehlt sich das fuer Dich an?
  • edited Juli 22
    Vielen lieben Dank @Enjoythesilence für das Willkommen heißen und der Schilderung deiner Ansichten, sie haben mir sehr dabei geholfen meine Gedanken zu ordnen.

    Meine Kollegin hat tatsächlich schon Erlebnisse von früher erwähnt in denen sie sich redlich um Freundschaften bemüht hat aber auch oft verletzt wurde, sodass sie sogar so gekränkt war, dass sie seelisch darunter gelitten hat. Ich habe wenn sie etwas angeschnitten hat aber bewusst nie weiter nachgefragt sondern sie nur erzählen lassen, was sie wollte, weil ich gemerkt habe das es sie schmerzt. Daher weiß ich nicht was in der Vergangenheit vorgefallen ist aber ich kann natürlich verstehen das sowas Narben hinterlässt. 

    So wie du vorgeschlagen hast, habe ich ihr auch schon vor einiger Zeit gesagt, das ich immer da bin wenn sie mich braucht und ich mir auch immer Zeit für sie nehme, damit war für mich alles gesagt.

    Am besten hat mir dein Ratschlag "Versuche, das Positive zu sehen. Weniger die Häufigkeit eures Kontaktes, sondern die Intensität" gefallen. 

    Vielen Dank, ich werde in mich hineinhören und gut entscheiden, ob mir unser Kontakt in dieser Form noch gut tut.




    Guten Tag @Spaziergaenger, vielen Dank das auch du dich mit meinem Beitrag auseinander gesetzt hast.

    Das ist eine interessante Theorie, so habe ich das noch gar nicht gesehen, würde aber tatächlich zu ihr passen.

    Ich glaube dadurch das wir uns auf der Arbeit fast täglich begegnen und so zumindest immer kurz ein paar Worte wechseln, war zu Telefonieren noch gar nie ein Thema zwischen uns. Also ich stehe dem sehr aufgeschlossen gegenüber, kann allerdings wieder nicht einschätzen, wie meine Kollegin das empfindet. 
  • Hallo @LittleMissSunshine,
    Ich finde es wunderbar von Dir dass Du Dich so um Eure Freundschaft und echtes Verständnis bemühst. Ich bin auch sicher dass Deine Freundschaft Deiner Kollegin viel bedeutet. So wie Du es schilderst glaube ich dass sie jemanden braucht der sich um Verständnis bemüht und ihr Vertrauen in andere Menschen zurückgibt.

    Du schreibst dass Dir der persönliche Kontakt lieber ist während sie WhatsApp bevorzugt. Vielleicht fällt es ihr leichter im schriftlichen Dialog zu reagieren weil sie sich die passenden Worte gut überlegen kann, ohne dass etwas anderes herüberkommt als sie ausdrücken möchte.
    Die abschließende Frage nach ihrem Tag mag sie vielleicht nicht immer beantworten wenn sie ihn selbst als sehr unbefriedigend einschätzt oder gerade von Selbstzweifeln geplagt wurde.

    Das Argument von Spaziergaenger dass sie trotz des Wunsches den konkreten Termin eines ungezwungenen Treffens vermeidet kann ich gut nachvollziehen.
    Ihr ist ihr gutes Verhältnis zu Dir viel wert und sie fürchtet möglicherweise dass sie bei dem Treffen eine vermeintliche Schwäche oder falsche Reaktion zeigt die das Verhältnis zu Dir verschlechtern könnte. Sie muss das sichere Gefühl bekommen dass sie sich angenommen fühlt auch wenn die Begegnung nicht ideal verläuft.

    Ich halte den Hinweis von enjoythesilence wichtig für Dich zu prüfen wieviel Kraft Du aufbringen kannst und sie selbst das Tempo mitbestimmen zu lassen.

    Vielleicht wäre es neben dem Zuhören hilfreich bei ihren Schilderungen negativer Erfahrungen nachzufragen, weil es für Verständnis und Beistand wichtig ist. Doch es kann aus ihrer Sicht genauso gut falsch sein nachzuhaken.
    Falls ein Teil ihrer vermeintlich schlechten Erfahrungen auch entstand weil sie die Reaktionen Anderer in früheren Begegnungen irrtümlich falsch einschätzte obwohl sich ein paar Menschen durchaus ehrlich bemüht haben, könnte sie eine zuversichtliche Deutung stärken und ihr bei zukünftigen Kontakten mehr Selbstvertrauen geben.

    Den Menschen vertrauen zu können die sich aufrichtig um Verständnis bemühen und sich angenommen zu fühlen ist vielleicht ein Schlüssel für sie ihren eigenen inneren Zwiespalt zu überwinden.

    Versuche die gute Verbindung zu ihr zu erhalten solange sie sich nach Verständnis sehnt.

    Ich wünsche Euch eine gute und gegenseitig stärkende Freundschaft !
  • Vielen lieben Dank @Nightworker das du dich durch meinen Beitrag gelesen hast und mir mit deinen Sichtweisen neue Perspektiven gegeben hast! Und natürlich danke für die Wünsche und den Zuspruch! Finde all eure Reaktionen und Antworten sehr hilfreich! Herzlichen Dank an alle!
  • Huhu!
    Was das Missverhältnis an Investition von dir und deiner Kollegin angeht, vielleicht hilft dieses Bildnis ja.
    Stell dir vor, du würdest jeden Monat 300€ für Reisen zur Verfügung haben und sie nur 50€. Ihr träumt gemeinsam davon, nach Rom zu fliegen (das ist der Moment, wo du sie zu dir einlädst)- ihr beide fändet das aufrichtig super und aufregend. Du erwartest darauf von ihr, dass sie sich ein Flugticket holt, aber irgendwie tut sie das nicht.
    Vermutlich, weil man sich von 50€ kein Flugticket leisten kann. Man kann aber dennoch träumen und die Vorstellung aufrichtig gut finden, gemeinsam Rom zu besuchen.
    Vielleicht spart sie auf das Flugticket, während du auf deinen 300€ hockst und dich wunderst, warum sie nicht bucht, mit 300€ bekäme man doch LOCKER ein Ticket.

    Deine Kollegin klingt tatsächlich aus der Vergangenheit verwundet. Die Vorsicht und Dauer, die sie braucht, um Menschen gegenüber auftzutauen und die Frage "womit sie dich verdient" hätte, sprechen für mich dafür. Letztes klingt ein wenig danach, dass sie sich selber nicht so wirklich wertschätzt. Das kann auch der Grund dafür sein, dass sie kein Geld von deinen 300€ annehmen will (kann), um sich ein Ticket leisten zu können (also auf deine Prompts, sich mal gemeinsam zu treffen, nicht mit konkreten Handlungen reagiert).

    Das Ding ist, wir können auch nur spekulieren. Du kannst aber zu nem hohen Prozentsatz davon ausgehen, dass Sie irgendeine Art von Problem hat, und zwar mit sich und nicht mit dir. Und dass du leider die Ausläufer und Auswirkungen davon zu spüren bekommst. Was Menschen tun, ist selten daran orientiert, Anderen wehtun zu wollen. Es handelt sich meistens um Missverständnisse oder einfach Inkompatibilität, was zu Verletzungen führt. Und das solltest du auch in Erwägung ziehen- ob ihr schlicht inkompatibel seid. Ich hab eine Freundin, die ich furchtbar gern hab. Aber ich weiß, dass ich sie mehr mag als sie mich. Das tut weh, ja. Aber ich kann von ihr nicht verlangen, andere Dinge in ihrem Leben weniger zu mögen und mich dafür mehr zu mögen. Selbst wenn ich das verlangen KÖNNTE, würde ich diese Liebe dann nicht mehr haben wollen, weil sie nicht freiwillig gegeben wurde. Das heißt aber konkret, dass ich nicht mehr auf diese Freundin warte. Ich fahre alleine nach Rom und schicke ihr und anderen Leuten Postkarten. Ich gebe so viel wie ich kann, ohne frustriert über den Mangel an Erwiederung zu werden. Nicht mehr- aber auch nicht weniger. Weil ich selber sie natürlich dennoch sehr lieb hab.
  • Was für ein schönes, verständliches und treffendes Bild mit der Romreise @San !
  • Und das vor dem ersten Kaffee, @enjoythesilence! :D
  • Vielen lieben Dank @San für deine Meinung und den wirklich tollen Vergleich mit der Romreise! Das hast du wirklich toll beschrieben und verhilft mir zu einer besseren Sichtweise.
    Danke für den Einblick in die Beziehung mit deiner Freundin. Ich gebe dir natürlich Recht, nur weil man selbst für Freundschaften zu bestimmten Personen viel tun würde, heißt das nicht, dass man erwarten soll, dass der andere das auch machen würde. Ich muss versuchen, mich da auch besser abgrenzen zu können.
    Momentan kann ich für mich noch nicht beantworten, ob ich weiter Energie und Zeit aufbringen kann und versuche die richtigen Worte für ein Gespräch zu sammeln. Aber ich kann derzeit nicht weiter Kontakt zu meiner Kollegin halten, ohne dass es mich viel Kraft und Lebensfreude kostet und gleichzeitig möchte ich meine Kollegin auch nicht verletzen.
  • Vorausschicken möchte ich, dass wohl jeder Mensch Freundschaft durchaus auch subjektiv und individuell "definiert".
    Ich glaube, für Menschen, die sich sowieso nicht unbedingt eine große Bühne im Außen suchen, um zu sein, ist es wichtig, mit Menschen zu sein, von denen sie sich verstanden fühlen und bei denen sie sich nicht lange erklären müssen. Das Gefühl, bei einem Menschen mit all den eigenen Anteilen gut aufgehoben zu sein, ist wohl kostbar.
    Es geht dann meist um andere Beziehungsebenen, als eben nur zusammen ins Kino zu gehen, zu shoppen, in großer Runde zu klatschen, etc.

    Im Laufe der letzten Jahre habe ich den Strahl einer Taschenlampe auf mein Umfeld gerichtet und dabei festgestellt, dass es tatsächlich nur eine Handvoll Menschen gibt, von denen ich mich wirklich verstanden, akzeptiert und auch mal getragen fühle. In vielen Begegnungen habe ich Seilschaften entdeckt, was etwas für mich wesentlich anderes ist als eine Freundschaft. Eine Seilschaft ist durchaus okay, nur sollte man immer wissen, in welcher Absicht eine Beziehung aufrecht erhalten wird.

    Es ist für mich immer weniger interessant, mich bei Menschen zu melden, von denen umgekehrt nur dann etwas zu hören ist, wenn man einen Rat einholen will.
    In einer Beziehung ist mir eine Ausgewogenheit kostbar - zuoft habe ich erlebt, gebraucht zu werden, nämlich zweckorientiert. Diese Art von Beziehungen werde ich nicht weiter nähren. Meine Lebenszeit ist mir zu kostbar, zudem brauche ich immer mehr Raum für meine wahren Interessen und ich komme gut damit klar, allein zu sein.
  • edited Juli 26
    Liebes Forum!

    Danke nochmal für all eure Antworten und Sichtweisen. Ich möchte euch deshalb darüber informieren was in der Zwischenzeit passiert ist. In den letzten Wochen habe ich mich immer unglücklicher gefühlt. Natürlich ist es schön, geschrieben zu bekommen, wie wichtig man jemandem ist. Aber wenn man das nicht fühlt, nicht gezeigt bekommt, stimmt einen das nachdenklich.

    Mir wurde immer klarer das die Initiative bei uns immer nur von mir ausging, umgekehrt hat sie sich nie bei mir gemeldet. Auch keinen Wert auf persönlichen Austausch gelegt, es wurde lieber per WhatsApp schriftlich kommuniziert und ich fühlte eine Distanz, die ich mir nicht erklären konnte, wenn man jemanden angeblich wichtig ist.

    Wir hatten jetzt ein Gespräch und haben uns unseren unterschiedlichen Vorstellungen von Freundschaft gestellt. Letztlich habe ich ihr gesagt ich möchte diese Freundschaft nicht weiterführen und mich wieder nur auf das berufliche beschränken. Sie dagegen schlug dann vor eine Pause einzulegen. Dem habe ich als Kompromiss zwar zugestimmt, frage mich aber was diese Pause bringen soll und sehe das Ganze realistisch. Wir haben nicht vereinbart uns irgendwann noch einmal zusammenzusetzen und nochmal darüber zu reden. Ich werde sie nicht mehr kontaktieren und da sie nie aktiv war, sie mich bestimmt auch nicht. Auch glaube ich nicht, dass ich in der Zwischenzeit entscheide alles wieder hinzunehmen, mit dem Wissen, es kommt nichts zurück. Und ich kann mir auch nicht vorstellen das sie plötzlich Lust auf persönliche Treffen bekommt. Aber eine Freundschaft, die ausschließlich auf WhatsApp Austausch beruht, ohne je zu wissen ob man sich je im realen Leben sieht, das ist wirklich nicht meins. Wäre man viele Kilometer voneinander entfernt, würde ich das anders sehen.

    Nachdem wir nun so auseinander gegangen sind, bin ich auf der einen Seite erleichtert, auf der anderen aber auch wirklich traurig und enttäuscht. Ich habe schon lange nicht mehr freundschaftliche Gefühle für einen Menschen entwickelt. Aber plötzlich war da wieder eine Person, mit der ich mich so gerne ausgetauscht habe, wir haben uns wirklich verstanden und ich war gerne einfach für sie da und habe mich so auf sie eingelassen. Jetzt ist da leider auch Kummer in mir, mit dem ich versuche umzugehen, weil es wirklich schmerzt jetzt zu erkennen das unsere Freundschaft eigentlich nie eine Zukunft hatte. Habt ihr irgendwelche Tipps für mich was ich tun kann um für mich besser abzuschließen und mich zu distanzieren? Ich bin sicher das es ein wenig Zeit braucht bis ich nicht mehr an sie denke aber ich würde gerne so schnell wie möglich auf andere Gedanken kommen. Auch weil ich mir sicher bin das sie viel schneller mit mir abschließen kann, möchte ich ihr einfach nicht mehr nachtrauern. Leider verstehe ich mich selber nicht und warum ich so lange an diesem Menschen festgehalten habe bzw. nicht die Realität sehen konnte. Vor allem, nachdem ich nicht alleine bin. Ich bin glücklich verheiratet, habe eine tolle Familie, und wenige aber liebe Freunde und Bekannte.
  • edited Juli 19
    Liebe Miss Sunshine,

    Freundschaft, wie Du sie nähren möchtest, eben auch mit direkter Begegnung auf Augenhöhe, habe ich sicherlich auch über lange Zeit genau so empfunden und mir auch gewünscht. Mir ist allerdings immer wieder aufgefallen, worüber ich schon weiter oben geschrieben habe. Nämlich, dass vieles in Wahrheit in nur eine Richtung lief, nämlich VON mir ZU anderen. Es waren Einbahnen, die mich oft mich leerend und aussaugend zurückgelassen haben, weil ich soviel zu geben hatte, was auch kräftig abgeschöpft wurde. Das wurde auch immer wieder verbal hochgehalten - bis eines Tages eine Person ganz offen zu mir sagte: "Eigentlich nutze ich Dich aus, Dich und Deine Fähigkeiten!" Das war der Auftakt dazu, über Jahre hinweg zu lernen, mich besser zu schützen und in der Folge auch meine Erwartungen mehr hintanzuhalten.
    Geholfen hat auch, dass ich mir mit den Jahren immer klarer darüber geworden bin, dass es einen gravierenden Unterschied zwischen Seilschaft und Freundschaft gibt. An einem Arbeitsplatz ist Freundschaft sowieso etwas beinahe Unmögliches - meine Erfahrung. Man kann freundschaftlich im Sinne von kollegial miteinander umgehen, doch ob sich daraus eine stabile Komponente in einem Leben entwickelt, wird man erst über einen langen Zeitraum erkennen können. Am Arbeitsplatz herrscht oft eine dermaßen dicke Luft von Konkurrenz, dass ich mich menschlich ganz klar zurückhalte und eine Grenze ziehe.

    Heute weiß ich, am Profitieren von einem Kontakt mit mir waren in meinem Leben schon viele interessiert, an einem Geben und Nehmen eher wenige. Ich kann damit inzwischen gut umgehen und hänge mein Herz nicht mehr so intensiv an Begegnungen im Außen.

    Ich habe auch verstanden, dass jede Beziehung einem Wandel unterliegt. Menschen können sich zusammen weiterentwickeln oder eben unterschiedliche Erfahrungen machen und sich auch in andere Richtungen entwickeln. Das ist in Ordnung!

    Ich habe in meiner Rückschau auch gemerkt, dass mir im Laufe der Zeit meine Familie sehr wichtig geworden ist. Das habe ich in jungen Jahren unterschätzt.

    Wenn Du von Dir sagen kannst, dass Du glücklich verheiratet bist und eine tolle Familie hast, dann ist das etwas vom Kostbarsten, das einem Menschen vom Leben geschenkt wird. Für viele in ihrem Leben so gar nicht erreichbar, aus unterschiedlichen Gründen.

    Eine Frage, der Du Dich vielleicht stellen möchtest: Warum will ich einen Menschen erreichen, der sich - mit eigenen Worten - gar nicht so gern erreichen lassen möchte?

    Ich habe gelernt, hinsichtlich Entwicklungen, in die auch andere Menschen einbezogen sind, viel mehr abzuwarten als früher. Eventuell auch loszulassen und das zu genießen, was bereits ist und sich gut anfühlt.

    So wie Du habe auch ich immer viele Menschen in mein Herz geschlossen und diese Begegnungen wollte ich dann auch genießen, wiederholen, leben, beleben, etc. Aber es ist eben auch wesentlich, zu erkennen, wohin der andere will. Vielleicht hilft es auch, den Beziehungen mit Menschen nicht immer ein Thema, eine Überschrift geben zu wollen.

    Ich habe viel über ein Wort nachgedacht, das Du auch verwendest: Ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass Ent-täuschung eine Täuschung voraussetzt. Wir selbst sind viel mehr dafür verantwortlich, uns täuschen lassen zu wollen, als wir es oft zunächst erkennen. Diese Täuschung muss nicht von unserem Gegenüber gewollt sein, vielfach sind wir einfach selbst viel zu bereit dazu, unsere Erwartungen einzusetzen. Ein Bild von unserem Gegenüber zu kreieren, dem dieses Gegenüber vielleicht gar nicht gerecht werden kann. Eine Ent-täuschung, so schmerzhaft sie manchmal auch sein mag, ist in diesem Sinne sogar etwas Positives, denn ich darf ein Stück weit auch eine Realität erkennen.

    Alles Liebe! Seelenbilder
  • edited Juli 19
    Liebe @LittleMissSunshine,

    Ja, Du hast Dich redlich bemueht, Eurer Verbindung eine "greifbare" Basis zu geben.
    Vermutlich vergeblich.

    Zitat: "... Habt ihr irgendwelche Tipps für mich was ich tun kann um für mich besser abzuschließen und mich zu distanzieren? Ich bin sicher das es ein wenig Zeit braucht bis ich nicht mehr an sie denke aber ich würde gerne so schnell wie möglich auf andere Gedanken kommen.
    ... "

    Ich hatte auch schon, wie ich es nannte, "Freundschaftskummer". War mir aehnlich schlimm wie Liebeskummer, den ich aus praktischem Erleben ebenso kenne.
    Und, das, was richtig geholfen hat, war letztlich nur die Zeit: Nach Wochen war's etwas leichter; nach Monaten weitreichend besser. :-)
    Alle vermeintlichen "Ablenkungen", sofern dazu ueberhaupt Lust bestand, halfen sowohl nur teilweise wie auch nur akut.

    Du schaffst das ebenfalls! ;-) (Das schrieb ich nicht nur, um Dich aufzumuntern, sondern weil ich fest davon ausgehe, dass das so ist.)
  • Vielen lieben Dank @seelenbilder und @Spaziergaenger für eure netten Worte und den Zuspruch, das tut mir sehr gut und ich fühle mich verstanden.
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