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Ein Hallo mit viel Text:)

Hallo zusammen,
schön, dass es solch ein Forum gibt. Ich beschäftigte mich innerlich schon sehr lange mit dem Thema des Introvertiert-Seins, hatte vorher aber nie offensiv danach im Netz gesucht. Warum also jetzt? Ich denke, ich merke gerade an zwei „Fronten“ (die irgendwie miteinander zusammenhängen), dass sich das Unverständnis meiner Mitmenschen gravierender auf mich und mein Leben auswirkt, als es mir je klar war.

Ich bin jetzt 35 Jahre alt und würde mich eher als introvertiert beschreiben. Vielleicht liege ich irgendwo auf der Skala zwischen Intro- und Extraversion. Zu mir selbst würde ich aber immer introvertiert sagen. Für meine Mitmenschen ist das allerdings alles andere als klar.

Die zwei Baustellen, von denen ich oben sprach, sind mein Job und Beziehungen (oder Familienleben). In beidem gab es dieses Jahr große Veränderungen, eine Beförderung und eine Trennung, wobei das nichts miteinander zu tun hat:)

Beruflich bin ich im Sozialen Bereich tätig. Nach einigen Schlenkern und Umwegen in meinem Lebenslauf, ist mir klar geworden, dass ich aus der Arbeit mit und für Menschen einen tiefen Sinn für mein Leben ziehe. Dieser Punkt ist für mich sehr wichtig, denn ich war auf gutem Wege zu einem sehr gut bezahlten Bürojob, aber das fühlte sich einfach nicht richtig an. Letzten Endes habe ich nun auch irgendwie eine Art „Bürojob“, aber in einem Bereich, der sich um Menschen kümmert, die Hilfe benötigen. Ich arbeite in der Leitungsebene, hatte bisher immer ca. 70 MitarbeiterInnen, für die ich zuständig war, nun sind es über 100 geworden. Damit verbunden auch leicht geänderte Tätigkeiten.

Mein „Problem“ ist, dass ich im Job überwiegend anders agiere, als im Privatleben. Für mich ist es eigentlich gar kein Problem, sondern absolut selbstverständlich. Vielleicht findet sich ja hier jemand, der das verstehen kann. Im Job habe ich zu 70% meiner Zeit Kontakt zu Menschen, sei es am Telefon, in direkten Gesprächen, in Meetings etc. Auch im Büro bin ich nicht allein und es läuft durchaus oft sehr chaotisch ab, auch mal laut und durcheinander. Aber das mir nichts aus. Ich mag das. Mein Netzwerk über das Unternehmen hinaus ist ebenfalls recht groß, beruflich gesehen natürlich. Smalltalk macht mir im Arbeitsalltag nicht viel aus, ich mag es, wenn ich Leute zum Lachen bringen kann und wenn ich ein gutes Verhältnis zu allen habe. Meine Ziele kann ich allerdings auch konsequent durchsetzen. Auch wenn ich Harmonie mag, habe ich kein Problem damit, wenn mich jemand im Job nicht mag, weil ich anderer Ansicht bin. Soll heißen, ich gehe keine Kompromisse ein, nur weil ich Harmonie möchte.

Die erste Baustelle „Job“ entstand für mich mit der Beförderung, indem ich fortan für weitere Bereiche zuständig bin. Das schließt auch mehr Öffentlichkeitsarbeit ein und mehr direkte Teamführung (bisher hatte ich ausschließlich einen ambulanten Bereich). Bei einem Gespräch mit meinem Vorgesetzten über meine mögliche Zukunft im Unternehmen, sagte ich, dass ich nicht weiter (höher) in diese Richtung möchte. Ich möchte eher im Hintergrund arbeiten und die Arbeit mit den neuen Bereichen ist für mich das Maximum an dem, was ich mit meiner Natur vereinbaren könne. Er hat das überhaupt nicht verstanden! Ich sei doch so offen und kommunikativ….ihr wisst wahrscheinlich wie solche Gespräche ablaufen.
Ob es nun wirklich eine Baustelle ist, weiß ich nicht, aber mir fiel es schwer zu akzeptieren, dass ich bei diesem Standpunkt bleibe und nicht einknicke, weil ich mir sicher bin, dass es meiner Natur widerspricht, weiter in den Vordergrund zu rücken. Und das würde ich, würde ich die Leiter noch weiter nach oben steigen.

Ich bin mir mittlerweile sicher, bei diesem Standpunkt hart zu bleiben, weil sich meine Art im Job natürlich auf mein Privatleben auswirkt. Es kostet mich Energie, viel Energie. Nicht auf eine negative Weise, sonst würde ich wohl eine andere Tätigkeit suchen. Aber Fakt ist, dass ich im Privatleben nicht so sein kann wie im Job. Ich brauche Zeit für mich, mache gern Dinge allein. Das mache ich aber schon seit ich denken kann so. Das klingt vielleicht, als wäre ich privat und beruflich zwei komplett andere Menschen. So ist es aber nicht. Schwer zu beschreiben…

Ich habe einen kleinen Freundeskreis, dafür aber einen stabilen. Ich mag keine Menschenmassen, gehe ungern auf Partys und mag schon gar keinen belanglosen Smalltalk mit fremden Personen. Und damit kann ich gut leben. In der Vergangenheit hat das Beziehungen allerdings immer wieder schwierig gemacht. Ich bin die meiste Zeit meines Erwachsenenlebens in Beziehungen gewesen. Das waren tolle Beziehungen und ich habe zu allen noch Kontakt. Sie scheiterten aber immer und der Grund war ähnlich: Die (in den Augen meiner Partnerinnen) viele Zeit, die ich für mich brauche. Als so viel erachte ich die Zeit gar nicht. Meine Hobbies sind eben auch alle darauf ausgelegt, dass ich sie allein ausüben kann. Und ich verbringe ja auch gern Zeit mit meiner Partnerin. Es macht mir auch nichts aus, dass wir uns täglich sehen. Wo es problematisch wird, sind dann die Unternehmungen. Wenn die immer an Kontakte zu anderen Menschen geknüpft sind, schaffe ich das nicht (Partys etc.). Und dann kommt irgendwann immer derselbe Satz: „Du bist doch an der Arbeit auch so, wieso kannst du nicht für mich so sein?“. Und die Frage: „Ist dir die Arbeit wichtiger, als ich?“

Dabei war ich bei meinen letzten zwei Partnerinnen von Anfang an ehrlich. Ich habe ganz klar gesagt, dass ich Kompromisse eingehen werde, auch mal mit auf eine Party komme usw., aber dass mich solche Situationen einfach viel Kraft fordern, die ich oft nicht habe.

Ich merke gerade, dass ich viel mehr geschrieben habe, als ich wollte. Ausführlicher kann ich immer noch werden.

Kennt jemand von euch das auch?

Man wird ja auch nicht jünger. Da stellen sich dann schon sehr grundsätzliche Fragen. Bin ich überhaupt in der Lage, eine Familie zu gründen?

Grüße
Sky

Kommentare

  • Hallo Sky,

    exakt so, geht es mir auch. Nur das ich die Beziehung halten konnte.

    Beruflich bin ich witzig und einfühlsam. Und in der Arbeit denken die meisten ich hätte mehr Potenzial. Grundsätzlich, denke ich, wird man so lange befördert, bis man überfordert ist. Und dann ist man weg. Und der Grund ist nicht einmal fachlich.

    Es sollte beruflich so viel Energie überbleiben, dass sie abends noch reicht. Für sich selbst. UND für einen geliebten Partner. Chefs müssen ihre Stellen besetzen und reden einem dann gerne etwas ein, manche sind aber auch gefühlsblind. Man muss sein Ding durchziehen.

    Ich bin ein bisschen wie du, tagsüber muss ich mit Menschen reden, damit alles klappt – und ich ziehe auch den Humor vor. Abends mit mir selbst, darf ich sein, wer ich bin.

    Die Qualitätszeit in der Beziehung am wichtigsten – denke ich. Große Freiräume sind wertvoll, man muss ja nicht immer alles mit dem Partner machen. Die Vorwürfe, die ich von deinen Partnerinnen lese, kenne ich alle. Partner mit einem anderen »Sozial-Akku« unterschätzen, in der Alles-Super-Toll-Phase, was in der Abkühlung, auf sie zu kommt.

    Und zu deiner Frage: »Bin ich überhaupt in der Lage, eine Familie zu gründen?«, sage ich: Ja – mit dem richtigen Partner. Viel reden, viel Porzellan kaufen, und immer wieder an die Liebe glauben. :)
  • edited Juli 26
    @Sky :
    Hallo, Willkommen hier!

    Zitat:
    "(...) Man wird ja auch nicht jünger. Da stellen sich dann schon sehr grundsätzliche Fragen. Bin ich überhaupt in der Lage, eine Familie zu gründen? (...) "

    In der Lage wohl schon, aber willst Du selber es wirklich?





    @RuinenOase :

    Zitat:
    "(...) Grundsätzlich, denke ich, wird man so lange befördert, bis man überfordert ist. Und dann ist man weg. (...)"

    :-) Niedlicher Satz.


    Das heisst dann also, so ganz allgemein geschrieben, auch mal 'ne Befoerderung ablehnen.
    Wenns denn akzeptiert werde.
    Vor gut 35 Jahren bat ich meinen damaligen Chef um weniger [!] Lohn. Um langsamer arbeiten zu duerfen. Abgelehnt. Lange blieb ich dann nicht mehr.
    Und es folgte berufliche Selbstaendigkeit.

  • Hallo Sky,
    danke für Deine absolut erhellenden Zeilen!

    Die private und berufliche Ebene lebe ich auf eine ähnliche Weise wie Du. Vor Jahren habe ich festgestellt, dass mich der soziale Bereich einfach mehr angezogen hat. Inzwischen bin ich offen für einen Mix aus Organisation / Administration in Verbindung mit einem sozialen Bereich - ich möchte in eine Aufgabe hineinwachsen und mich nicht hineindrängen lassen. Ich kann viel leisten, wenn mir die Zeit gegeben ist, eine Materie tatsächlich zu be_greifen! Dabei möchte ich in meinem Tempo vorgehen, Drängereien zu bestimmten Aufgabengebieten schätze ich überhaupt nicht, da ich selbst ganz genau weiß, was ich wie - auf welche Weise - und wo - in welchem Bereich - leisten möchte. Außenstimmen, die mich da oder dort sehen, sind mir befremdlich, habe auch schon erlebt, dass mich sogar Menschen, die mehr über mich wissen bzw. zu wissen glauben, falsch einschätzen.

    Tatsächlich ordne ich mich selbst auch auf einer Skala zwischen Intro- und Extraversion ein. Ich bin sehr offen, wenn ich mit Menschen bin, mit denen ein respektvoller Zusammenklang möglich ist. Ich verschließe mich jedoch, wenn ich mich nicht heimisch fühle, das gilt für mein berufliches Leben ebenso wie für mein privates.

    Ich lebe in einer Partnerschaft, die mir viel Raum für mich lässt, anders wäre es mir nicht möglich. Es gibt wunderbare gemeinsame Interessen, so wie es Tage gibt, die ich unbedingt für mich brauche. Ruhe, Gedanken fließen lassen, schreiben, Fotos bearbeiten, lesen. Da ich beruflich viel unter Menschen bin, mag ich zum Beispiel kaum mehr telefonieren in meiner Freizeit. Vor Jahren hat mir das noch weniger ausgemacht. Innere Ausgeglichenheit, auf eigenen Wegen unterwegs zu sein und weitere berufliche Möglichkeiten zu finden, zu schaffen, zu haben, das alles ist essenziell für mich.

    Es ist tatsächlich so, dass man privat und beruflich anders wirken kann, in Wahrheit ergänzen sich jedoch alle Wesensanteile - ich kenne es von mir und kann Deine Schilderung daher sehr gut greifen!

    Alles Gute für Deine Dir höchstpersönlichen Wege!
    Seelenbilder
  • Sky
    edited Juli 29
    Hallo ihr drei,

    danke für die tollen Worte. Es ist schön, von Menschen zu lesen, denen es ähnlich geht!

    Als ich den Text geschrieben habe, war ich auch echt ziemlich down. Das sieht mir gar nicht ähnlich. Normalerweise blicke ich positiv in die Zukunft, ohne mir allzu große Sorgen zu machen. Das wird schon alles:)

    Hauptsächlich stört mich einfach dieses Unverständnis. Im Job kann ich mich dabei gut abgrenzen. Ich werde nicht einfach Positionen annehmen, die mir nicht entsprechen, nur weil andere mich in dort sehen oder es von mir erwarten.

    Die Trennung hat mir dann doch einen ziemlichen Schlag versetzt, weil ich mir solche Mühe gegeben habe, ehrlich zu sein und ihr entgegen zu kommen, indem ich (für mich) verhältnismäßig viel unter Leute gehe. Dann zu hören, dass man sich scheinbar keine Mühe geben wolle, weil man das ja im Beruf auch alles super hinbekomme, ist einfach schwer zu fassen. Als wäre ich ein Lügner...

    Es ist ja nicht so, als würde ich zwei unterschiedliche Rollen spielen. Im Job überwiegen die extrovertierten Anteile und im Privaten die introvertierten. Auch im Job bin ich gern für mich, wo es sich nur einrichten lässt. Ich kann allerdings dort auch anders, was mich weniger Energie kostet als würde ich dasselbe im Privatleben machen. Das habe ich auch schon getestet. Im letztjährigen Urlaub war ich abends viel unterwegs, immer unter Leuten. Das war anstrengender als jede 60-Stunden-Woche. Und DAS muss man tatsächlich erst mal jemandem erklären können. Ich verstehe ja, dass das seltsam klingt.

    @Spaziergaenger
    Ob ich wirklich eine Familie möchte, weiß ich nicht. Eine Partnerschaft zumindest schon. Hatte mir darüber noch nie ernsthaft Gedanken gemacht, weil ich immer dachte "Das kommt schon noch". Verbunden mit der Trennung kommen nun vielleicht einfach solch grundsätzliche Gedanken.

  • Hallo Sky,

    in Bezug auf das Beziehungsleben habe ich auch vieles erlebt, das mich zum Nachdenken gebracht hat. Ich glaube, in der Phase der Nachbearbeitung einer Trennung wird - im besten Fall, und auch, wenn es schmerzt - eine Menschen- sowie Innenschau ehrlicher verlaufen als zu jedem anderen Zeitpunkt. Das zumindest ist meine Erfahrung - in dieser Zeit ist man sehr aus seiner eigenen Komfortzone draußen.

    So schmerzhaft diese Zeiten für mich auch waren - und bei mir haben sie oft sehr lange gedauert - waren sie doch die bedeutsamsten auf dem Weg zu mir selbst.

    Ich lebe jetzt in einer Beziehung, die in puncto "mit-sich-sein" sehr ausgleichend wirkt. So sehe ich auch einen Vorteil darin, nicht immer zusammenzuleben. Mein Partner pflegt seinen Freundeskreis wesentlich mehr als ich (obwohl er hinsichtlich neuer Menschen sehr zurückhaltend ist), bei mir wird der Wunsch nach einem Alleinsein - vor allem abends, nach der Arbeit - immer ausgeprägter. Ich merke auch, dass ich mit zunehmendem Wohlgefühl viel lieber schriftlich kommuniziere, als "face to face".
    Auch meine Aufenthalte in der Natur werden immer wichtiger!
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