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Gesellschaftlicher Druck, Vorurteile- Wie geht ihr damit um?

Hi,

Ich habe mich extra hier im Forum angemeldet, weil es mir im Moment leider nicht so gut geht. Ich habe vor ein paar Jahren durch Zufall erfahren, dass ich introvertiert bin. Damals war das für mich eine richtige Erleuchtung. Ich habe zwar immer noch hin und wieder Momente, in denen mich meine Introversion sehr stört, aber im Großen und Ganzen habe ich mich damit abgefunden und probiere mein Leben so gut es geht danach zu richten.

Was mir das Ganze aber wirklich schwer macht, sind meine Mitmenschen. Ich habe leider das Gefühl, dass ich extrem über meine Introversion definiert und abgestempelt werde:(

Bei Leuten, die mich nicht so gut kennen, kann ich das ja noch im Ansatz verstehen. Klar, das erste, was Fremde von mir wahrnehmen, ist, dass ich ruhiger und stiller bin als andere. Das ist ja eigentlich grundsätzlich auch nicht schlimm. Aber nichtsdestotrotz haben doch auch introvertierte Menschen noch andere Eigenschaften als „still sein“. Wenn ich etwas mehr mit den Menschen zu tun habe, merke ich doch, wie jemand ist, z.b. intelligent, freundlich, ehrlich, unsicher, oder was auch immer. Ich unterteile andere doch auch nicht nur in still und laut.
Ich finde es immer wieder erschreckend, dass man scheinbar nur über dieses eine Merkmal komplett abgestempelt wird. Am besten finde ich es dann immer noch, wenn man scheinbar nur auf Grundlage dieser einen Charaktereigenschaft irgendwelche Dinge da rein interpretiert. Ich sei arrogant, psychisch krank, schüchtern,...

Ich weiß, dass viele (evtl. gerade Extrovertierte?) nicht wissen, dass es sowas wie Introversion gibt, immerhin wusste ich das ja auch eine lange Zeit nicht. Aber trotzdem kränkt es mich teilweise sehr, wenn selbst Menschen, die mir wirklich nahe stehen (meine Eltern, gute Freunde, etc.) immer nur sagen „ ja du bist halt so still“, „du musst mal mehr aus dir herauskommen, wenn andere Leute dabei sind“, etc. Dabei bin ich bei diesen Menschen tatsächlich gar nicht mal so still, sondern eben nur ggü. Fremden.
Ich finde es einfach schade, dass einem selbst von den Menschen, die man liebt, vermittelt wird, dass man sich ändern muss und dass man falsch ist, so wie man ist. Als ob es ein Fehler und irgendwie schlecht wäre, introvertiert zu sein.
Gerade von meinen Eltern höre ich total häufig „wenn du älter wirst, wird das besser, dann bist du auch endlich mal offener und nicht mehr so still Fremden ggü.“ Und was, wenn nicht? Ist es denn so schlimm, anders zu sein?

Kommentare

  • Hallo @Sternchen278 und herzlich Willkommen!

    Nein, es ist absolut nicht schlimm, anders zu sein. Schlimm finde ich nur, dass dieses anders sein von vielen Menschen als etwas schlechtes, als Schwäche angesehen wird. Mich verletzt das auch, nur über meine Introversion definiert zu werden. Das war als Kind so und es ist auch heute noch so. Ich habe manchmal das Gefühl, dass man bereits aus einem Kilometer Entfernung auf meiner Stirn ablesen kann, dass ich introvertiert bin.

    Mag sein, dass es mit zunehmendem Alter etwas besser wird, aber ganz ablegen kann man es nicht. Dass du versuchst, dein Leben danach auszurichten, ist doch schon ein guter Anfang. Mir hat es auch geholfen, mich intensiver mit dem Thema Introversion zu beschäftigen. Da konnte ich viel über mich lernen. Ich bewege mich auch unglaublich gerne draußen in der Natur, das hilft mir etwas, die Gedanken in meinem Kopf zu vertreiben. Lass dich auf keinen Fall entmutigen. Ich bin mir sicher, dass sich hinter deinen Zeilen ein sehr liebenswerter Mensch verbirgt.

    Viele Grüße,
    Igel
  • Hallo @Sternchen278,
    ich kenne es allzu gut, dass es besonders schmerzt, wenn man sich von den eigenen Eltern unverstanden fühlt.
    Was sein wird, wenn "man" älter wird, ist schwer zu sagen, es gibt so viele individuelle Entwicklungen, dass vieles denkbar ist.

    Ich kann Dir hier nur rückmelden, dass sich in meinem Älterwerden zeigt, dass es mir zunehmend weniger wichtig wird und ist, was andere - auch meine Eltern - von mir halten. In meinem Leben zeigt sich, dass mit Erstarken einer Selbsterkenntnis, einer Selbstsicherheit und einer Selbstliebe der Weg, der mein eigener Weg ist, immer klarer wird.

    Es gibt ein Zitat, das Konstantin Wecker zugeschrieben wird, es gefällt mir sehr gut:
    "Es sind nicht immer die Lauten stark, nur weil sie so lautstark sind. Es gibt so viele, denen das Leben ganz leise viel echter gelingt."

    Ich bin mir übrigens auch nicht sicher, ob es wirklich stimmt, dass ein Extravertierter immer auch gleich "laut" sein muss. Vielleicht gibt es auch solche, die zurückhaltender sind, sich allerdings mehr mit der Außenwelt beschäftigen. Ich denke mir einen Introvertierten einfach eher nach innen gerichtet, was aber auch nicht unbedingt immer bedeutet, "leise" zu sein.
    Ich bin nicht ganz glücklich damit, die Menschen so stark zu unterteilen. Ich glaube, vieles fließt ineinander und letztlich hoffe ich immer sehr auf ein Miteinander.

    Liebe Grüße,
    Seelenbilder
  • @seelenbilder
    In jedem Fall gibt es auch leise Extrovertierte und (vor)laute Introvertierte.

    Ich versuche mich immer wieder darauf zu besinnen, dass die Begriffe lediglich eine grobe Einteilung darstellen, wie ein Mensch seine Energie gewinnt. Das finde ich, trifft es immer zuverlässig auf den Kopf und hat mir persönlich sehr geholfen, es im Leben leichter zu haben.
    Ansonsten ist Jeder individuell.
  • Hallo Sternchen278,
    in diesem Zusammenhang fiel mir eine Sache ein, die vor langer langer Zeit passiert war. Ich war Jugendliche und hatte eine längere Unterhaltung mit meiner Oma. Im Anschluss an dieses Gespräch sagte meine Oma: ich dachte immer, Du bist maulfaul, aber mit Dir kann man sich ja richtig gut unterhalten...

    Auch mich haben mein Lebtag immer wieder die gleichen Sprüche wie Dich oder auch die anderen begleitet. Und natürlich hat es auch verletzt und immer wieder fragte und frage ich mich: Warum sagen die das, warum können die mich nicht so akzeptieren, wie ich bin?

    Heute bin ich an dem Punkt angekommen, dass ich mir sage: Sie können es wirklich nicht verstehen, dass wir so sind. Das ist auf keinen Fall negativ gemeint.
    Sondern: wie sollen diese Leute es verstehen, wenn wir es ihnen nicht mitteilen? Wir Introvertierte setzen uns irgendwohin und sind still. Jetzt kommt ein anderer zu Dir und Du bist weiter nur still. Und der andere fragt sich, hmmmm, warum sagt die/der nix? Und es baut sich keine Verbindung auf. Weil wir uns ja wünschen, dass er erkennt, dass wir introvertiert sind. Aber ich glaube, der andere sieht in mir ein anderes Bild. Er sagt sich: Die/der ist komisch, hat schlechte Laune, findet mich scheiße, hat keine Lust zu sprechen usw.
    Und genau so kann ich mir vorstellen, dass auch unsere engsten Familienmitglieder/Freunde ein Problem damit haben, wenn wir uns nicht öffnen. Wenn wir nicht sagen, was uns bewegt. Wir denken ganz viel vor uns hin und meinen, dass der andere weiß, was in uns vorgeht.

    Viele Menschen denken gar nicht so kompliziert wie wir.

    Und dann gucken wir auch immer so ernst. Ist Dir schon mal aufgefallen, dass Du lächelnde Menschen als viel angenehmer empfindest als ernst guckende?

    Mittlerweile hilft mir auch, wenn ich mich frage, wie oft ich andere Menschen kritisiere für Dinge, die sie anders tun als ich. Wie oft ich Vorurteile habe gegen Menschen, wenn sie laut sind, viel sprechen, nervig sind oder was weiß ich. Wir alle können uns nicht freimachen von negativen Gedanken anderen gegenüber, ich sehe es als menschlich an.
    Und ich gebe meinem Gegenüber das Recht, dass er eben auch Vorurteile gegen mich haben darf.

    Und somit bekomme ich einfach auch das Verständnis für mein Gegenüber. Dieses Näherkommen an andere Personen geschieht einfach nur über die Kommunikation. Wenn wir mitteilen, was in uns vorgeht und dass unser schweigsames Wesen nicht als Ablehnung zu bewerten ist.

    Manchmal wünsche ich mir auch, dass mir nicht jeder seine Gedanken über mich an den Kopf knallt, weil es mich verletzt. Aber wahrscheinlich kann derjenige gar nicht anders, weil er ja schließlich viel kommunikativer ist als ich und woher soll er auch wissen, dass mich dieses so verletzt?

    Liebe Grüße von Nethi






  • @Nethi

    dem, was du wirklich schön beschrieben hast, kann ich mich anschließen.

    Ich habe zum Beispiel einmal die Erfahrung gemacht, jemanden, den ich - obwohl selbst introvertiert - aufgrund seiner in sich gekehrten Art für schlecht gelaunt und den Klassiker: für arrogant hielt. Ich machte mir trotzdem die Mühe, ihn anzusprechen. Eisbrecher war ein Thema, von dem ich wußte, dass es seinem Interesse entspricht. Und siehe da! Es sprudelte und funkelte nur so beim erzählen. Die Treffen dauerten jedoch auch meist nur etwa 20 Minuten. Wo wir wieder bei der Art der Energiegewinnung wären ;)
  • @enjoythesilence - ganz toll, jetzt habe ich endlich eine Definition, mit deren Kürze ich absolut was anfangen kann: Die Begriffe sind eine grobe Einteilung dafür, wie ein Mensch seine Energie gewinnt!!!

    @Nethi, ich schließe mich Deiner umfangreichen Darstellung vollen Herzens an, auf den Punkt gebracht!!!
  • Hier wurde schon viel Wertvolles geschrieben. Nachvollziehen kann ich deinen Ärger auch, denn mich begleiten ähnliche Situationen schon mein Leben lang.
    Mir hat es zunächst geholfen, mich selbst wieder in allen Facetten kennenzulernen. Ich habe überlegt, was mir eigentlich schon immer Freude gemacht hat und versucht, davon wieder mehr in mein Leben zu holen. Dabei ist mir aufgefallen, wie unterschiedlich meine Interessen sind und dass andere diese aber auch nicht riechen können. So wie Nethi es beschrieben hat, gilt es, dass man, nachdem man die eigene Wesensart halbwegs angenommen hat, einen Perspektivwechsel durchführt und sich überlegt, wie andere teilweise vor einer Herausforderung stehen, mit einem ruhigeren Menschen umzugehen. Sie können an weniger anknüpfen, da sie einfach weniger über dich wissen.

    Finde deinen eigenen Weg, etwas über dich zu erzählen, aber auch Wertschätzung und Offenheit anders auszudrücken als nur auf einem Weg. Du musst nicht die quirlige Labertasche werden, die du anscheinend nun mal nicht bist.

    Aber du kannst...
    ... offen und herzlich und mit mehr als einem Satz Menschen zum Geburtstag gratulieren
    ... dich einfach mal so zwischendrin mit einem Brief oder einem kleinen Päckchen bei jemandem melden
    ... auf WhatsApp ein Bild aus dem Urlaub schicken, das dich mit einer Person verbindet und einen kleinen Kommentar dazu (xy hat mich gerade daran erinnert, wie...)
    ... deinen äußeren Stil deinem Inneren anpassen (früher hat man sich zB durch Band-Shirts "gefunden", funktioniert vlt auch heute noch ;))
    ... morgens Kollegen/Mitschüler stets mit einem Lächeln und einem freundlichen Guten Morgen begrüßen
    ... eine Runde Süßigkeiten an einem langweiligen Seminartag ausgeben
    --> du merkst, für all diese Dinge musst du keine große Geschichtenerzählerin sein und vertiefst trotzdem nebenbei Beziehungen und zeigst, dass du andere nicht ablehnst, nur weil du öfter mal schweigst

    - Nun das, was ich für am effektivsten halte: Wenn du spürst, dass du deinen Tag voller Leichtigkeit hast, an dem dir das Reden nicht so schwer fällt, dann nutze den Tag aus: Beginne du dann das Gespräch, frage du, ob noch jemand was vom Bäcker will, stelle du deinen Eltern eine abstruse/kuriose Frage über ihre Vergangenheit, was von ihrer Seite dann ordentlich Gesprächsstoff bietet, ruf du dann jemanden an, bei dem du dich lange schon wieder melden wolltest... und schon kannst du dir demnächst einmal wieder einen "maulfaulen Tag" gönnen, ohne, dass dich jemand für grundsätzlich zu still hält.

    Aber glaub mir, ich weiß, dass es schwierig ist.
    Und: Deine Eltern sind auch nur Menschen und haben einen bestimmten Blick auf die Welt. Einen zugegebenermaßen sehr prägenden, aber wer bestimmt hier eigentlich die Norm? Wenn du in einem anderen Land in eine ruhigere Gesellschaft hineingeboren wärst, wärst du mit Zurückhaltung evtl der Shining Star. Wenn du sagst, du genügst deinen eigenen Maßstäben nicht, ok, aber niemand, auch nicht deine Eltern, kennen die eine Wahrheit, welches Verhalten NORMAL ist. (Und by the way: Willst du immer "die Normale" sein?;))
  • @enigma, ein sehr schöner Hinweis, dass es auch Tage gibt, in denen die Leichtigkeit einen mitteilsamer sein lässt, im Sinne dessen, sich "bedenkenloser" mitteilen zu können.

    Ich beobachte selbst diese Zyklen - so wechseln stillere Tage sich mit jenen ab, an denen ich mich mehr äußern möchte.

    Wie ich auch Hinweise darauf als wertvoll empfinde, dass Menschen vor Herausforderungen stehen können, wenn sie mit "ruhigen" Menschen zu tun haben. Das darf ruhig auch mal Gegenstand einer Betrachtung sein.
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