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Fragen & Antworten

 


 

Was bedeutet Introversion?

Der Begriff Introversion wurde von Carl Gustav Jung geprägt. Er beschrieb ihn als eine Präferenz für die innere Welt der Gedanken. Introvertierte fokussieren demnach auf die Bedeutung von Dingen und Erlebnissen.
Extroversion hingegen ist die Präferenz für direkte Erlebnisse mit Menschen und Dingen.

Veranlagung
Introversion und Extroversion sind angeborene Veranlagungen, die im Verlauf des Lebens relativ stabil bleiben.

Weit mehr als das soziale Verhalten
Im Gegensatz zum allgemeinen Glauben sind Intro- und Extroversion weit mehr als eine Beschreibung des sozialen Verhaltens. Sie wirken sich vielmehr auf alle Lebensbereiche aus.

Eine Skala
Jeder Mensch hat sowohl introvertierte als auch extrovertierte Eigenschaften. Introversion und Extroversion sind als zwei Enden einer Skala zu verstehen.

Introversion Extroversion Skala

Stimulation
Beide Typen reagieren unterschiedlich auf Stimulation von außen. Introvertierte sind wesentlich sensibler und eher überstimuliert.

Energie
Außerdem ziehen Extrovertierte und Introvertierte ihre Energie aus sehr unterschiedlichen Quellen. Extrovertierte brauchen viele Menschen und Erlebnisse, um zu gedeihen. Introvertierte hingegen laden ihre Akkus auf, indem sie Zeit für sich allein haben.

Das ist die Kurzfassung. Eine umfassendere Definition habe ich hier beschrieben.

 


 

Wie viele Menschen sind introvertiert?

Diese Frage ist leider kaum zu beantworten. Je nach Quelle und Interpretation wirst Du sehr unterschiedliche Aussagen erhalten. In vielen Büchern und Artikeln wird behauptet, dass bis zu 50% aller Menschen introvertiert sind.
Das ist auch nicht falsch, aber trifft meiner Meinung nach nicht den Punkt. Nach dieser Definition sind alle Menschen introvertiert, die einen Tick mehr introvertierte als extrovertierte Eigenschaften haben. Diese Menschen würde ich jedoch als ambivertiert bezeichnen – sie sind mehr oder weniger ausgeglichen.

Sinnvoller finde ich die Definition von Elaine Aron, einer der Pioniere auf dem Feld der Hochsensibilität. Sie geht davon aus, dass 15-20% aller Menschen hoch sensibel sind. Im ursprünglichen Sinne sind Introvertierte auch hochsensibel.
(vgl. Elaine Aron in „The Highly Sensitive Person“)

Nach dem heutigen eingeschränkten Verständnis von Introversion (häufig wird nur die soziale Komponente betrachtet) sind hoch sensible Menschen nicht unbedingt introvertiert, aber die Merkmale sind ähnlich und die Grenzen sind fließend. Aron zufolge sind 70% der hochsensiblen Menschen auch introvertiert.

Diesem Ansatz zufolge sind also etwa 20% aller Menschen introvertiert. Diese Betrachtungsweise halte ich für sinnvoll.

 


 

Sind Introvertierte schüchtern?

Grundsätzlich nicht. Introvertierte können auch schüchtern sein, aber Introversion und Schüchternheit sind zwei völlig verschiedene Dinge. Beides wird oft synonym verwendet, da viele Introvertierte schüchtern wirken. Allerdings können auch Extrovertierte schüchtern sein!

Für die Definition von Schüchternheit greife ich auf andere Autoren zurück, da sie es bereits gut zusammengefasst haben. Es sind jedoch keine wörtlichen Zitate, sondern von mir aus dem Englischen sinngemäß übersetzt:

Schüchternheit ist die Angst, dass andere uns nicht mögen. Es ist eine Antwort auf eine Situation – keine ständige Eigenschaft. Schüchternheit ist nicht vererbbar.
(vgl. Elaine Aron in „The Highly Sensitive Person“)

Schüchternheit ist eine soziale Angst, die in der Gegenwart von anderen Menschen auftritt. Schüchternheit wird für gewöhnlich durch Kritik und Ablehnung erlernt: In der Familie, in der Schule oder im Freundeskreis. Es ist keine Frage der Energie, sondern eine Angst davor, was andere von dir denken.
(vgl. Marti Olsen Laney in „The Introvert Advantage“)

Schüchternheit ist also erlernt und nicht angeboren. Damit können wir es durch viel Training auch wieder „verlernen“. Introversion hingegen kann nicht abgelegt werden.

 


 

Bin ich introvertiert?

Es gibt eine Reihe von Eigenschaften, die mit introvertierten und hochsensiblen Menschen assoziiert werden. Es gibt keine definitiven Aussagen, doch je nachdem wie viele dieser Eigenschaften Du Dir zuschreibst, bist Du eher introvertiert oder eher extrovertiert.

Es gibt zwei kostenlose Selbsttests, mit denen Du der Antwort hoffentlich näher kommst:

Test zur Introversion (deutsch)

Test zur Sensibilität – ähnliche Fragen (englisch)
 


 

Wieso bin ich introvertiert?

Persönlichkeitsmerkmale wie Introversion und Extroversion sind angeboren. Du bist also seit Deiner Geburt introvertiert und wirst es für den Rest Deines Lebens bleiben.
Wie stark Deine Persönlichkeitsmerkmale ausgeprägt sind und wie gut Du mit ihnen umgehen kannst, ist aber auch abhängig von Deiner Erziehung.

 

 

Wie kann ich extrovertiert werden?

Du kannst nicht extrovertiert werden. Du kannst nur so tun, als seist Du extrovertiert, aber das ist anstrengend. Introversion bleibt – Du wächst nicht heraus und Du kannst es nicht weg-therapieren. Diese Erkenntnis kannst Du als Chance nutzen, denn zwei Dinge solltest Du wissen:

* Es ist vollkommen in Ordnung, introvertiert zu sein. Als Introvertierter bringst Du viele Stärken mit, denen Du Dir vermutlich nur einfach nicht bewusst bist. Informiere Dich darüber (z.B. in diesem Blog) und arbeite daran, diese Stärken auszubauen und Dir zunutze zu machen.

* Aller Stärken zum Trotz leben wir in einer extrovertierten Gesellschaft und so ist es hin und wieder notwendig, nach den Spielregeln der Mehrheit zu spielen. Das ist durchaus möglich. Du verfügst über einen freien Willen. Dafür musst Du an Deinen Schwächen arbeiten und Deine Komfortzone Stück für Stück erweitern. Du kannst sie dehnen wie ein Gummiband. Je mehr Du Dich anstrengst, desto weiter dehnst Du sie – aber nicht über einen bestimmten Punkt hinaus. Das ist die Grenze der Introversion.
Fokussiere Dich auf wenige Bereiche, die Dir wirklich wichtig sind. Du kannst nicht in allem sehr gut sein.

 

 

Wie erkenne ich introvertierte Menschen?

Es gibt unzählige Eigenschaften von Introvertierten. Einige davon werden in unserer Gesellschaft als Schwächen gesehen, andere als Stärken.
Es ist jedoch nicht immer leicht, die Persönlichkeitsmerkmale zu erkennen. Introvertierte verstellen sich häufig, um besser in die Gesellschaft zu passen und nicht aufzufallen. Einigen gelingt das besser, anderen weniger gut.

Keine dieser Eigenschaften ist definitiv. Das heißt, die meisten Introvertierten haben nicht alle dieser Eigenschaften, aber viele davon. Auch Extrovertierte verfügen über einige dieser Eigenschaften, aber weniger davon.

Ein paar Eigenschaften
Grundsätzlich sind Introvertierte eher ruhige Menschen. Sie reden weniger als ihre Mitmenschen, hören dafür aber besser zu. Dabei können sie gut beobachten, reflektieren das Gesagte und geben bedachte Ratschläge. Bevor sie sprechen, zögern sie oft.

Sie haben größere Schwierigkeiten, sich auf neue Situationen einzustellen und neigen dazu, mehr zu planen, gut vorbereitet zu sein und die Vor- und Nachteile von Entscheidungen abzuwägen.

Introvertierte verbringen gern Zeit allein. Wahrscheinlich sind sie nicht auf jeder Party zu finden und sie gehen nicht als Letzte nach Hause. In Gruppen sind sie zurückhaltend. Dadurch wirken sie oft schüchtern. Aber wenn sie Zeit mit 1-2 Freunden verbringen, blühen sie auf.

Das ist nur ein kurzer Überblick. Eine ausführliche Darstellung findest Du hier.

 

 

Hängt Introversion mit Hochsensibilität zusammen?

Der Begriff Hochsensibilität wurde von der Autorin Elaine Aron geprägt. Sie führte diesen neuen Begriff ein, da bei der Introversion im heutigen Sprachgebrauch zu sehr auf den sozialen Faktor fokussiert wird, während die Definition von Carl Gustav Jung weit darüber hinaus ging. Insofern entspricht nach Arons Verständnis der Begriff der Hochsensibilität dem früheren Verständnis von Introversion.

In meinem Blog Healthy Habits haben wir einen sehr ausführlichen Artikel zu Hochsensbilität oder: Woran es liegen könnte, dass dir manchmal alles zu viel wird.

 

Ich muss unbedingt mehr wissen. Was nun?

Ich möchte Dich sogar dazu ermutigen, mehr wissen zu wollen. Einerseits kannst Du natürlich diesen Blog verfolgen. Für Sofortinformationen, die zudem weiter in die Tiefe gehen, empfehle ich die folgenden Bücher:

1. Kopfsache – Patrick Hundt (das bin ich)
2. Still – Susan Cain
3. Die Macht der Introvertierten – Marti Olsen Laney (englisch)
4. Sind Sie hochsensibel? – Elaine Aron

Tipp: Die englischen Versionen der Bücher von Elaine Aron und Marti Olsen Laney sind deutlich preiswerter.