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Wie Introvertierte zu Freundschaften stehen

In diesem Artikel erzähle ich vor allem von mir selbst. Doch nach allem was ich über Introversion weiß, bin ich mir sicher, dass sich viele Introvertierte hier wiederfinden.

Schon seit meiner Kindheit haben die meisten Menschen in meinem Umfeld mehr Freunde als ich. Das hat mich lange beschäftigt, und ich habe mich oft gefragt: Woher haben sie all diese Freunde? Wie bringen sie die unter einen Hut? Wieso habe ich weniger Freunde? Was mache ich falsch?

Heute weiß ich, dass ich nicht viel falsch mache. Ich verhalte mich vielmehr so, wie es meinen natürlichen Veranlagungen entspricht.

Vorurteil: Introvertierte sind unsozial

Seit ich über Introversion schreibe, werde ich hin und wieder gefragt, ob ich keine Menschen mag. Manch einer zieht mich damit auf und meint es gut. Andere meinen es ernst. Damit komme ich zurecht, ich frage mich aber auch, ob ich mich in meinen Texten verständlich ausdrücke.

Dass wir unsozial seien, ist eines der größten Vorurteile über Introvertierte. Wir verbringen gern Zeit allein und halten uns lieber in kleinen, als in großen Gruppen auf. Das heißt jedoch nicht, dass wir keine Menschen mögen.

Ich möchte ausdrücklich Kontakt zu anderen Menschen haben! Aber nicht ständig, nicht mit vielen Menschen auf einmal und nur mit Menschen, die ich wirklich mag. Alle anderen saugen mir spürbar die Energie aus dem Körper.

4 Gründe, weshalb wir weniger Freunde haben

Aus meiner Sicht gibt es vier Gründe, weshalb Introvertierte aus meiner Sicht weniger Freunde haben.

1. Wir treffen weniger Menschen

Wir meiden Gruppensituationen instinktiv und tun uns schwerer damit, auf Menschen zuzugehen (auch, weil wir oft gar keine Lust dazu verspüren). Durch unser natürliches Verhalten treffen wir also grundsätzlich auf viel weniger Menschen als jemand stark Extrovertiertes. Somit ist die Auswahl an Menschen, die zu unseren Freunden werden könnten, viel geringer.

2. Bekannte sind für uns keine Freunde

Wir tendieren dazu, nur tiefe und bedeutende Beziehungen als Freundschaften anzusehen. Alles andere sind Bekanntschaften. Mit dem Wort „Freund“ tue ich mich ziemlich schwer.

Vor einigen Wochen traf ich mich mit einem früheren Kollegen zum Mittagessen. Ich hatte ihn seit fünf Jahren nicht gesehen. Im Verlauf des Gesprächs bezeichnete ich ihn als Bekannten, was er nicht sehr schmeichelhaft fand. Dazu muss ich erwähnen, dass er Engländer ist. Im Englischen ist das Wort ‚Bekannter‘ (aquaintance) schon fast eine Beleidigung.

Ob jemand mein Freund ist oder nicht, ist also auch eine Frage der Definition. Extrovertierte zählen viele lose Bekannte eher zu ihren Freunden, als ich es tun würde.

3. Zu wenig Zeit

Da ich momentan sehr viel reise, treffe ich ständig neue Menschen. Jeden Tag habe ich die Gelegenheit, neue Freunde kennenzulernen. Theoretisch.

Praktisch entstehen aus diesen Bekanntschaften beinahe nie Freundschaften. Es gibt nicht genug Zeit! Ich benötige diese Zeit, um einen Menschen so gut kennenzulernen, dass ich ihn wirklich mögen kann. Und ich benötige auch die Zeit, bis andere Menschen erkennen, dass sie in mir einen guten Freund haben könnten. Mein zurückhaltendes Auftreten führt selten dazu, dass jemand nach kurzer Zeit sagt: Ja, den mag ich!

Daher lerne ich garantiert keine Freunde auf einer Feier kennen, aber ziemlich sicher bei der Arbeit.

4. Qualität geht vor Quantität

In unseren Freundschaften bevorzugen wir tiefe Beziehungen. Es kommt uns nicht so sehr auf die Menge unserer Freundschaften an, als auf die Tiefe.

Solange wir ein paar gute Freunde um uns haben, mit denen wir uns wohl fühlen, haben wir überhaupt kein Verlangen nach weiteren Freundschaften und suchen auch keine neuen.

Freundschaften erhalten sich nicht von selbst

Ich weiß nicht, ob es typisch introvertiert ist, aber meine Freundschaften zu erhalten, erfordert gezielten Aufwand. Ich rufe niemanden ‚einfach mal so‘ an, um zu plaudern. Genauso ruft mich niemand einfach mal so an. Es scheint eine unausgesprochene Vereinbarung zu geben.

Da es diese ungeplanten Gespräche nicht gibt, muss ich mir also etwas einfallen lassen. Als ich noch einen festen Alltag hatte, habe ich mir Erinnerungen in den Kalender gesetzt, wenn ich mich mal wieder bei jemandem melden sollte, den ich sonst nicht sehe.

Heute bin ich viel unterwegs und schreibe von unterwegs Postkarten, hin und wieder eine Facebook-Nachricht und manchmal eine E-Mail. Ich glaube viele Menschen bekommen gerne E-Mails – aber wenige beantworten sie genauso gerne. Daher beschränke ich mich damit auf wenige Leute.

Meine Zeit in der Heimat nutze ich besonders gerne, um mich mit Freunden zu treffen. Das ist das Beste an Heimatbesuchen, zumal es einen Grund gibt, sich zu treffen: Wir haben uns lange nicht gesehen!

Auf neue Freundschaften einlassen

Ich weiß, dass sich einige Introvertierte auf zwei oder drei enge Freunde verlassen, oder sogar nur auf den Lebenspartner. Das ist ein bequemer Zustand, den ich jedoch nicht erstrebenswert finde.

Nicht jede Freundschaft lässt sich erhalten. Manch eine trudelt einfach aus, weil sich die Lebensumstände ändern oder man sich selten sieht. Das passiert.

Umso wichtiger ist es, neue Freunde zu gewinnen. Ich komme langsam in ein Alter (31), in dem die Lebensumstände dies erschweren. Der Alltag ist eingefahren, es gibt wenig Neues, man ist immer wieder von den gleichen Menschen umgeben. (Meine Lebensumstände sind zum Glück andere.)

Um neue Freundschaften zu schließen, muss man jedoch zunächst einmal neue Leute kennenlernen – und zwar so einige, da wir nur mit wenigen auf einer Wellenlänge liegen. Dazu müssen wir uns in entsprechende Situationen begeben, die uns auch liegen. Also keine großen Gruppen, in denen wir nicht gut funktionieren.

Beim Reisen gelingt mir das manchmal. Für den Alltag ist jede Art von Verein oder Kurs (z.B. Sprachen, Musik, Tanzen) geeignet. Auch ein neuer Job führt zu neuen Freunden.
Da ich selbständiger Einzelunternehmer bin, muss ich mich anders orientieren. Ich nehme zunächst online Kontakt zu Gleichgesinnten auf und lerne sie später persönlich kennen. Manchmal besuche ich auch kleinere Networking-Veranstaltungen.

Ich lerne diese Menschen nicht kennen, weil ich muss, sondern weil ich will. Ich möchte gezielt kleinere Veränderungen in meinem Umfeld herbeiführen, und mich neu inspirieren lassen – es wäre ja auch schade, wenn nach nur 31 Jahren kaum noch neue Menschen in mein Leben kämen.

Ich möchte mich auch auf Freundschaften einlassen, die zunächst nicht tief sind, aber trotzdem wertvoll sein oder Spaß machen können. Wir brauchen schließlich nicht nur zwei beste Freunde, sondern ein Umfeld für viele Gelegenheiten: Alte-Zeiten-Freunde, Büro-Freunde, Kino-Freunde, Reise-Freunde, Spaß-Freunde – darunter sowohl Introvertierte, als auch Extrovertierte.

Ich versuche auch, meine feste Definition von ‚Freundschaft‘ etwas zu lockern.

Wie stehst Du zu Freundschaften? Hast Du weniger Freunde als andere in Deinem Umfeld? Bist Du zufrieden damit? Was tust Du, um neue Leute kennenzulernen?

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Über den Autor

Mein Name ist Patrick und ich bin introvertiert. Oft habe ich mir gewünscht, extrovertiert zu sein, bis ich meine Veranlagung besser verstanden habe. Mehr über mich, mein Buch Kopfsache, mein Projekt Healthy Habits.

Comments

  1. Hallo Patrick,
    mit Deinen Texten sprichst Du mir oftmals aus der Seele! Da es wohl gerade für Introvertierte nicht so üblich ist, allzuviel darüber zu veröffentlichen, liest man ja eher selten etwas über „unsere“ Eigenheiten.
    Da ich auch selbständig bin, habe ich viele berufliche Kontakte – das reicht mit als „sozialer Input“ so dass ich ansonsten mit meiner Familie und nur ganz wenigen weiteren freundschaftlichen Kontakten zufrieden bin.
    Trotzdem ist es sicherlich wichtig, sowohl – z.B. nachbarschaftliche, nicht so tiefgehende – Kontakte ebenso wie tiefgründige Freundschaften zu pflegen, damit man im Falle eines Falles nicht alleine dasteht.
    Deine Anregungen, auch immer wieder mal nach neuen Möglichkeiten Ausschau zu halten gefallen mir – ich konnte ein paar wertvolle Infos aus Deinem Artikel ziehen. Vielen DANK und weiter so!

    • Hallo Florian,

      schön, dass Du etwas aus dem Artikel mitnehmen konntest. So wünsche ich mir das.

      Es stimmt, Introvertierte schreiben eher selten so offen über sich. Am Anfang musste ich mich dazu sehr überwinden. Mittlerweile verfahre ich nach dem „Augen zu und durch“-Prinzip 🙂

  2. …tja, der wohle einzige Weg, Ängste zu überwinden und mehr zu erreichen, als man in seinem Schneckenhaus vorfindet. Viel Glück auf all Deinen Wegen!!

  3. Hallo Patrick,

    also ich kann deinem Artikel auch nur zustimmen 🙂 und mir geht es genauso.
    „Freunde“ auf Fb also solche zu bezeichnen geht ja gar nicht anders, aber meine wirklichen treuen Freunde kann ich an einer Hand abzählen. Dazu kommt natürlich noch die engste Familie und dann hören die wirklich vertrauten Seelen auch schon auf.
    Ich finde es auch gar nicht so schlecht, wenn man sich auf wenige wirkliche Freunde verlassen kann, anstatt hunderte zu haben, die man gar nicht bzw. sporadisch sieht und die einem evtl. in Notsituationen nicht helfen können.
    Im Übrigen: Hut ab vor deinen beiden Blogs – ich schreibe auch gern an meinem Blog, hab es aber z.B. nicht so mit der Eigenpromotion. Wahrscheinlich auch ein Teil meiner introvertierten Seite.
    Aber extro- und introvertiert wechseln sich da häufig mal ab.
    Auf jeden Fall: Hut ab und mach weiter so 🙂

    • Hallo Sindy,

      danke für das Lob!

      Am Anfang fiel es mir auch extrem schwer. Heute habe ich viele Hemmschwellen überwunden und schreibe einfach. Mein Ziel ist ja, Menschen zu erreichen und dann muss ich eben auch offen schreiben und das Ganze auch irgendwie ‚promoten‘. Gehört dazu 🙂

  4. verena erica says:

    hej patrick

    ich bin zufällig auf deinen blog gestossen und wusste eigentlich bis vor kurzem gar nicht den unterschied zwischen extrovertiert und introvertiert….natürlich bin ich „volle kanne intro..“ – dachte aber aufgrund meiner kommunikationsvorlieben und lebendigen art, ich sei extrovertiert. nun ja….langsam schließt sich der kreis zwischen hochsensibel, introvertiert, viel- und hochbegabung…hätte ich alles gar nie so gedacht….bald wird es hoffentlich so verinnerlicht sein, so dass es gar keine rolle mehr spielt..
    dein artikel über die freundschaft spricht mir zu 98% aus der seele…besonders die rechtfertigung: was stimmt nicht mit mir…warum finde ich nicht so leicht „freunde“, der freundschaftsbegriff, …etc. etc.
    ich habe nicht so viel mut wie du, mich durch reisen neuen herausforderungen gewollt zu stellen. Toll!
    ich selbst übe immer noch, mich auf „so spass-freunde“ (oder was sich so daraus entwickelt) einzulassen, aber es wird besser..
    Und: eine meiner größten schwächen ist die ungeduld..;-)
    beste grüße verena

    • Hallo Verena,

      „Mut“ kannst Du Dir antrainieren, mit allem, was Du tust. Ich reise heute so viel, dass ich es gar nicht mehr mutig finde. Vor der ersten Backpacking Reise hatte ich aber auch ordentlich Bammel. Genauso ist es mit dem Schreiben: Anfangs fiel es mir hier extrem schwer. Einige Texte hier haben mehrere Monate existiert, bis ich sie mal veröffentlicht habe. Heute fällt mir das leichter.

      Viele Grüße
      Patrick

  5. Hallo Patrick,

    wieder ein Text, der mir aus der Seele spricht! Vor allem über das Problem, ab wann ich jemanden als Freund bezeichne, stolpere ich immer noch häufig.
    Eine tolle Methode neue Leute kennen zu lernen, war für mich neue Sprotarten auszuprobieren, die mich an sich interessieren. Bei dem Teamsport, den ich jetzt mache hat es allerdings ca. 9 Monate gedauert, bis ich mich dort wirklich soweit wohlgefühlt habe und mit einigen auf einer Wellenlänge war. Jetzt genieße ich allerdings das Gefühl auch mal auf der Straße alle möglichen Leute im vorbeigehen grüßen zu können (und die verdutste Frage von Freunden: Woher kennst du die denn alle plötzlich?!) 🙂
    Ob ich in dem zusammenhang allerdings das Wort „Freunde“ gebrauchen würde, auch wenn ich die Knalltüten inzwischen 2,5 Jahre kenne? Da bin ich mir nicht sicher…

    • Ich denke auch, dass Team-Sportarten gut geeignet sind, es aber dauert. Ich brauche immer eine ganze Weile, bis ich mit einer Truppe warm werde. Daher versuche ich aber auch, sehr regelmäßig teilzunehmen.

  6. Hallo Patrick,
    genau die Erkenntnis, dass ich introvertiert sein könnte, habe ich bisher bei mir nicht akzeptiert und verdrängt. Mich erschöpft schon allein der Gedanke, mich mit Menschen zu treffen, die mich nicht bereichern und denen ich nichts geben kann. Erfahrungen zeigen, dass in Vereinen, beim Sport oder im beruflichem Bereich, eher eine Oberflächlichkeit herrscht, die mir Energie raubt und nicht besonders inspiriert. So finde ich es sehr schwierig, neue Freundschaften aufzubauen. Es scheint mir auch so, dass die Menschen derart unter Zeitdruck stehen, es gerade noch schaffen, ihre bestehenden Freundschaften zu pflegen und nicht offen für neue Gesichter sind. Vielleicht wirken diese deshalb auf mich oberflächlich. Ein spannendes Thema, welches mich veranlasst, ab sofort intensiver daran zu arbeiten. Herzlichen Dank für deine Blogbeiträge!! Kerstin

  7. Hallo Patrick!

    Die Inhalte dieses Artikels kommen mir bekannt vor. Auch ich gehe mit der Bezeichnung „Freund“ vorsichtig um. Ich finde Menschen irgendwie amüsant, die stolz auf ihre 397 Facebook-Freunde sind, von denen sie 380 nicht einmal kennen. Schlimmer noch: Ich finde das lächerlich! Freunde habe ich in der realen Welt, nicht in der Virtuellen.

    Also sprechen wir von der Realität. Besondere Vorsicht ist meiner Meinung nach im Berufsleben geboten. Als ich vor 21 Jahren zu arbeiten begonnen habe, hat mich meine Mutter gewarnt. Ihre damaligen Worte sind mir heute noch in guter Erinnerung: „Sei vorsichtig! Erzähle niemandem etwas streng Vertrauliches! Im Berufsleben gibt es keine Freunde! Der beste „Freund“ wird dich verraten, sobald er einen Vorteil für sich wittert!“

    Als Siebzehnjähriger habe ich ihr nicht wirklich geglaubt. Bis ich später die Beweise präsentiert bekam. Eher weniger meine eigene Person betreffend. Wir Introvertierte geben von Natur aus viel weniger Vertrauliches preis, da wir generell weniger reden. Das halte ich übrigens für eine weitere Stärke von uns: Wir sind dadurch wahrscheinlich weniger anfällig für Intrigen und üble Nachreden. Aber ich beobachte viel und bekomme einiges mit. Ein Kollege sagt dem angeblichen „guten Freund“ etwas Vertrauliches. So schnell kann er gar nicht schauen, wird das weitergegeben. Der „gute Freund“ verwendet das ihm vom Kollegen Anvertraute beinhart gegen ihn, um selbst besser dazustehen.

    Leider verhalten sich eher wenige Menschen so, wie sich die meisten Introvertierten das wünsche würden: Ehrlich und direkt. Ich bin regelrecht erschüttert über die Falschheit, die ich im Berufsleben regelmäßig mitbekomme. Ausnahmen mag es geben. Aber ich rate zur Vorsicht. Das gilt besonders für die Extrovertierten. Sucht euch eure „Freunde“ im Beruf besonders sorgfältig aus und achtet gut darauf, wem ihr Vertrauen schenkt und wem ihr etwas anvertraut! Sonst könnte ein böses Erwachen folgen!

    Privat beschränkte sich mein Freundeskreis schon als Kind und Jugendlicher auf ein paar wenige Menschen. Schon damals bezeichnete ich nicht jeden als „Freund“, mit dem ich ab und zu etwas unternommen hatte. Wie heißt es doch: Introvertierte können sich ihre Freunde an einer Hand abzählen? Ja, das stimmte und stimmt bei mir! Früher hatte ich 2 Schulfreunde. Diese Freundschaft zog sich bis ins Erwachsenenalter. Leider habe ich heute zu beiden keinen Kontakt mehr. Die Interessen gingen irgendwann auseinander. Wie beschreibt Patrick es völlig korrekt: Das passiert eben! Schade, aber manchmal ist es nicht zu ändern! Jedenfalls war ich zufrieden mit meinen 2 guten Freunden. Ich hatte nicht das Bedürfnis nach mehr. Siehe „Qualität geht vor Quantität“! Als ich 21 Jahre alt war, kam noch ein Dritter hinzu. Dazu gleich mehr!

    Mit diesem dritten Freund musste ich eine negative Erfahrung im Beruf machen. Diese verdeutlichte mir den vollen Wahrheitsgehalt der Worte meiner Mutter auf eigentlich brutale Art und Weise. Ich lernte ihn in der Arbeit kennen. Ein neuer Kollege eben. Nach einiger Zeit entwickelte sich eine Freundschaft. Er wurde zu meinem „Fortgeh-Freund“. Es war jene Zeit, als ich noch zu oft gegen meine Natur lebte und mich zu stark „extrovertierte“. In jüngeren Jahren wollte ich mich eben anpassen, war der Meinung, dazugehören zu müssen. Aber egal, darum geht es nicht. Jedenfalls schenkte ich ihm Vertrauen. Nach einigen Jahren hatten wir einen neuen Vorgesetzten, der besagten Freund zu seinem „Liebkind“ erklärte. Und da offenbarte sich sein wahres Gesicht. Ist es nicht bezeichnend, wenn jemand seine Rolle als „Liebkind des Chefs“ in einer Form ausnutzt, dass er sogar seinen langjährigen „Fortgeh-Freund“ anschwärzen geht? Folglich war meine Enttäuschung groß und ich beschloß, mit der Bezeichnung „Freund“ in Zukunft noch sorgsamer umzugehen.

    Nach meinen bisherigen Erfahrungen und Beobachtungen glaube ich heute ungefähr zu wissen, was eine „wahre Freundschaft“ ausmacht! Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass die meisten der vielen sogenannten „Freunde“ von extrovertierten Menschen im Grunde keine wahren Freunde sind! Das kann ich anhand eines Beispiels veranschaulichen, bezugnehmend auf eine extrovertierte Frau aus meinem Umfeld:

    Sie hatte viele Freunde. Traf sich regelmässig mit ihnen, hatte Spaß und telefonierte oft stundenlang mit ihnen, auch um ihnen bei Sorgen und Problemen beizustehen. Sie war ein geselliger Mensch, redete gerne und viel und freute sich, so viele Freunde zu haben. Doch dann schlitterte sie in eine schwere psychische Krise. Ein Zustand, in dem SIE diejenige war, die Hilfe benötigt hätte. Nun, wo waren sie plötzlich, die ganzen „guten Freunde“? Warum waren sie plötzlich nicht mehr da, jetzt, wo auf einmal nicht mehr alles lustig und toll war? Warum rief sie kaum jemand an, wenn auch nur um zu fragen, wie es ihr geht? Warum boten die Wenigsten freiwillig ihre Hilfe an? War das etwa zu anstrengend? Hört die Freundschaft plötzlich auf, wenn es Probleme gibt? Nur ein Bruchteil ihrer sogenannten „Freunde“ war übrig geblieben, um ihr in ihrer schweren Zeit beizustehen!

    Das ist bestimmt kein Einzelfall! Wenn ich mir solche Beispiele hernehme, bin ich froh, introvertiert zu sein und mir meine Freunde sorgfältig auszusuchen! Wer mein „Freund“ sein will, muss mir beweisen, dass er wirklich ein Freund ist!

    So erkenne ich einen wahren Freund:

    Ein richtiger Freund ist nicht nur präsent, solange alles bestens ist! Auch wenn es mir schlecht geht, steht er mir zur Seite!

    Ein richtiger Freund schweigt wie ein Grab, wenn ich ihm etwas Vertrauliches sage!

    Wenn ich einen richtigen Freund um Hilfe bitte, dann hilft er mir, sobald er Zeit hat. Sei es bei einer Übersiedlung, einem technischen Problem (sofern er sich damit auskennt), oder wobei auch immer.

    Selbstverständlich muss das auf Gegenseitigkeit beruhen. Das, was ich erwarte, biete ich auch selbst!

    Heute habe ich auch nur 2 wahre Freunde. Ich habe in einem anderen Beitrag erwähnt, dass ich im Internet nach Menschen suche, die gewisse interessen mit mir teilen. Da ging es zwar um das Thema „Wie ein introvertierter Mann eine Frau finden kann“, allerdings habe ich auf diese Art auch meine jetzigen beiden Freunde gefunden! Beide haben mir bereits bewiesen, dass sie „wahre Freunde“ sind und ich mich auf sie verlassen kann!

    Mit denen gehe ich manchmal Radfahren oder Bergwandern, setze mich mit ihnen in ein gemütliches Lokal auf ein Bier und kann mit ihnen interessante Gespräche mit Tiefgang führen. Beide sind nämlich ebenfalls introvertiert. Wie bereits in meiner Jugend, so bin ich auch heute zufrieden mit 2 guten Freunden. Qualität geht vor Quantität. Ich brauche nicht mehr!

    Beste Grüße,

    Alex

    • Hallo Alex,

      ich danke Dir für Deinen erneut sehr fundierten Beitrag! Es freut mich, dass Du heute wieder zwei gute Freunde hast, mit denen Du Qualitätszeit verbringen kannst.

      Ob wir sagen können, dass die meisten Freunde der Extrovertierten keine „echten Freunde“ sind, weiß ich nicht. Zumindest nicht in dem Sinne, in dem wir Freundschaft verstehen. Es ist einfach eine andere Grundlage.

      Viele Grüße,
      Patrick

  8. Wieder ein Artikel der mir aus der Seele spricht. Ich bin einer von den Introvertierten die sich auf wenige Freunde verlassen. Ich habe zwei Freunde mit denen ich mich alle 4-6 Wochen für ein ganzes Wochenende treffe und mit denen ich ansonsten über Facebook regelmäßig chatte. Ansonsten habe ich meine Eltern und meine Schwester mit denen ich mich über das alltägliche unterhalte. Freunde an meiner derzeitigen Arbeit habe ich nicht, da viele aus dem Umland kommen und nicht spät zurück fahren wollen, was ich gut verstehen kann und daher auch nicht weiter nachgefragt hatte.

    Der letzte neue Freund den ich gemacht habe, war bei meinem letzten Arbeitgeber. Er kam auf mich zu und hat mich gefragt ob ich mit ihm und einem anderen Kollegen Mittagessen gehen wollte, da ich sonst immer alleine unterwegs war. Ich hatte da Angebot angenommen und schnell gemerkt dass man mit ihm gut reden kann ohne auf Small Talk zurückgreifen zu müssen. Da ich nun wegen der neuen Arbeitsstelle umgezogen bin habe ich ihn seit 1,5 Jahren nicht mehr getroffen, aber ich muss mich manchmal auch daran erinnern ihn mal wieder anzuschreiben, dass klappt aber regelmäßig. Und so reden wir gelegentlich darüber was gerade bei uns vorgeht.

  9. Vielen Dank für diese Webseite und deinen Artikel!

    Ich habe identische Erfahrungen gemacht.
    Ich bin sehr froh, dass das Thema Introvertiertheit immer bekannter wird, spätestens durch den TED-Vortrag von Susan Cain 2012 auch die Masse erreichte und ich mich dadurch besser einordnen und immer mehr Frieden und Akzeptanz in mir selbst finden kann.

    Was mir bei vielen Artikeln hier auffällt und was ich auch persönlich erlebt habe ist, dass ich mich als Introvertierte oft verteidigen muss (auch vor „Freunden“) oder wenn nicht durch äußere Fragen oder Belehrungen, ich innerlich Zeit damit verbringe, mich zu rechtfertigen, warum ich so bin, wie ich bin, wenn ich mal wieder nicht um die Häuser ziehen und lieber in Ruhe ein Buch lesen will. Seit meiner Kindheit wird eigentlich vom Umfeld versucht zu vermitteln, dass ich mich ändern muss, sozialer sein muss, mehr unter Menschen muss und so weiter. Jeder hier kennt das wahrscheinlich. Ich unternehme gerne was ruhiges mit nur einem Menschen, statt laute Gruppenaktivitäten, wozu auch laute Familienveranstaltungen gehören. Und ich war lange lange Zeit sehr anfällig für jede Kritik, weil ich durch die Konditionierung mich selber auch als merkwürdig empfand. Ich war anders, als all die anderen. Das hat mich lange versunsichert und mir viel Kraft geraubt bei dem Versucht, mich anzupassen.

    Umgekehrt ist es eher selten, dass Extrovertierte hinterfragt werden. Z.B. warum sie oft im Mittelpunkt stehen wollen und das zur Not auch durch ein großes inszeniertes Drama, warum sie ständig unter Menschen sein müssen, warum sie ununterbrochen reden, warum sie jeden Tag neue Freunde haben aber nicht für lange Zeit, warum sie Schwierigkeiten haben, in die Tiefe zu gehen und Dinge zu hinterfragen, warum sie keinen Filter im Kopf haben und oft alles sofort ungefiltert auf die Mitmenschen loslassen.

    Ich habe noch nie gehört, dass dieses Verhalten hinterfragt wird. Eher im Gegenteil. Dieses Verhalten wurde lange als „Ideal“ und erstrebenswert hingestellt und es gibt 1000 Coaches und Blogs, die uns gerne dahin bringen wollen. In unserer Gesellschaft wird das oft auch als „Spass haben“ bezeichnet und Introverierte als Spaßbremse. Ein paar bekannte Introvertierte, die in der Öffentlichkeit stehen, werden ja eher als Nerd oder Freaks oder als „irgendwie merkwürdig“ anerkannt aber nicht als „normal“. Heute definiere ich selber, was normal für mich ist und lass mich nicht mehr verunsichern durch Menschen, die mich nicht verstehen wollen oder können.

    Ich hatte eigentlich immer die Idee, dass ich einen großen Freundeskreis habe, mußte aber feststellen, dass das nicht stimmt, vor allem nach Lebenskrisen. Viele waren einfach nur Energieräuber, die nur davon profitierten, dass ich gut zuhören kann, wenn sich sonst schon allen anderen von ihnen abgewandt haben.

    Die letzten zwei Jahre habe ich den Begriff Freundschaft für mich neu definiert. Ich verbringe keine Zeit mehr mit Menschen, die mich zwar irgendwie nett finden, aber auch ständig an mir rumdoktern, mich verändern wollen, weil sie glauben, ich muss mehr „Spass“ haben und mich nicht so nehmen können, wie ich bin. Ich verbringe auch keine Zeit mehr mit Menschen, die sich nicht selbst reflektieren und immer wieder von einem Drama in das nächste stürzen, nur mit anderen Statisten um sie rum. Ich verbringe keine Zeit mehr mit Menschen, die nur saugen und von denen nichts zurück kommt.

    Es sind nur noch eine Handvoll Freundschaften übrig geblieben, die mich so aktzeptieren, wie ich bin und bei denen ich mich nicht rechtfertigen muss und die ich sehr pflege. Darüber bin ich sehr dankbar. Durch das Loslassen gibt es nun Platz für unerwartete und überraschende neue Begegnungen, die intensiv sind, so wie ich es mag: Intensive Kommunikation, Ideenaustausch mit immer nur einer Person in beide Richtungen, Neugier und Offenheit sind meine Vorstellung von „Spass haben“.

    • Patrick says:

      Hi Klara,

      „normal“ ist ja nur, was die Mehrheit um Dich herum macht. Daher ist es kein Wunder, dass die Art der Extrovertierten kaum hinterfragt wird. Es gibt ja viel mehr von ihnen und da fällt der Introvertierte eben auf, wenn er nicht genauso „normal“ ist.
      Und wenn ein prominenter Introvertierter als „merkwürdig“ beschrieben wird, dann wohl auch von jemandem, der sich zu den „Normalen“ zählt.

      Ich finde es gut, dass Du Deinen Freundeskreis etwas reduziert hast. Solange Du es nicht nur um der Reduktion willen machst, sondern weil die Leute eben Energie ziehen oder nicht loyal sind oder einfach nicht interessiert.

      Viele Grüße,
      Patrick

  10. Hallo Patrick,

    ich habe eigentlich nicht den Eindruck, dass es so viel mehr Extras gibt. Ich kenne nur etwa so viele wie ich auch Intros kenne. Allerdings kenne ich viele, die ich als Ambivertiert einschätzen würde und die sich ebenfalls auf Partys wohl fühlen, danach aber auch ein Ruhetag einlegen. Gerade diese sind es aber, die mir dann auch sagen: „ich kenne das doch auch, dass man mal Abschalten möchte, wenn man auf 2 Partys war… aber einmal kannst du doch mit zur Disco kommen?!“ Dabei schwingt dann so ein „nun stell dich schon nicht so an“ mit. Sie können sich zwar gut in meine introvertierten Vorlieben hinein versetzten, aber nicht in meinen „Mangel“ an extravertierten Vorlieben.
    Das würde sich auch mit der Aussage decken, dass das Temperament (Intro/Extra) ungefähr Normalverteilt sei. Damit gäbe es viele in der Mitte und nur wenige zu beiden Seiten. Leider wird aber immer von denen in der Mitte bewundert, wie viele Feiern der Extravertierte mehr besuchen kann, aber nicht wie viele Stunden der Introvertierte mehr lesen kann…

    Ich würde zu gern wissen, wie die genaue Verteilung der Charaktereigenschaft aussieht…

    Grüße
    Jule

    • Patrick says:

      Hallo Jule,

      soweit ich weiß, gibt’s dazu keine belastbaren Informationen.

      Wenn ich davon spreche, dass es 20% Introvertierte gibt und der Rest irgendetwas anderes sei, dann ist das ohnehin nur eine Frage von Definition. Jeder ist ja ein bisschen introvertiert und ein bisschen extrovertiert. Ich würde Dir – aus dem Bauch heraus – auch zustimmen und sagen: Es könnte genauso viele stark Introvertierte geben wie stark Extrovertierte. Also vielleicht jeweils 20%. Alle anderen liegen irgendwo dazwischen auf einer Skala.

      Und wenn man das dazwischen dann noch aufdröselt, kommt man dahin, was in den Medien oder einigen Büchern gern geschrieben wird: Bis zu 50% der Menschen sind introvertiert. Das ist genau genommen vermutlich sogar wahr. Aber es geht an der Realität vorbei, denn nur weil jemand 51% introvertierte Eigenschaften und 49% extrovertierte Eigenschaften hat, ist er nach meinem Verständnis nicht wirklich introvertiert.

      Und ich vermute, was Du ja auch schon sagst: Die meisten Ambivertierten können sich vielleicht eher in einen Extrovertierten hineinversetzen (nicht zuletzt, weil sich dieses Ideal irgendwie durchgesetzt hat). Ich weiß auch: Wenn ich 100 willkürlichen Leuten diesen Blog hier zeige, werden sich dafür nicht 100 Leute interessieren, auch nicht 50. Aber vermutlich 20, und die sind Feuer und Flamme. Und das sind die Introvertierten für die ich hier schreibe.

      Viele Grüße,
      Patrick

      • Monika says:

        Ich denke auch, dass Extrovertierte einfach durch ihre Arte viel mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen und dadurch viel präsenter sind. Introvertierte fallen eben nicht auf und man übersieht sie schnell. Dadurch dürfte sich der Eindruck sicher auch verstärken, es gäbe viel mehr Extrovertierte. Sogar als Introvertierte fällt es mir oft schwer an den Extrovertierten „vorbei zu schauen“. Egal wie das Verhältnis Extro-/Intro-/Ambivertierte in der Gesellschaft nun wirklich auf uns wirkt – ich denke bei den Introvertierten gibt es einfach eine größere „Dunkelziffer“ und somit verfälscht sich unser Bild von dieser Verteilung wahrscheinlich immer ein bisschen.
        Das ist wahrscheinlich auch mit ein Grund, warum Extrovertierte scheinbar eher als Idealvorstellung in unseren Köpfen verfestigt sind (zumindest solange man es nicht reflektiert und kritisch hinterfragt). Ich sehe das so, wie z.B. mit Schönheitsidealen, die bspw. über die Medien verbreitet werden. Man sieht einfach dauernd nur schlanke Frauen auf den Plaktaten, möglichst noch knapp bekleidet, lange Beine, schmale Taille und so weiter und so weiter. Man wird so mit dieser einen Vorstellung von Schönheit zugeballert, dass man ja kaum noch anders kann, als sich das zum Ideal zu machen (und sich dann ggf. schlecht zu fühlen, weil man nicht in dieses Bild hineinpasst). Das sind zumindest die auffälligen und offensichtlichen Anteile; nach Alternativen muss man schon mit der Lupe suchen.
        – Das sind zumindest die Gedanken, die mir gerade dazu gekommen sind.

        PS: Ich habe den Blog neulich erst entdeckt und bin noch auf Entdeckungsreise, aber ich bin jetzt schon total begeistert, dass du so einen Blog betreibst und ja auch fast jedem hier persönlich antwortest auf die Kommentare! Super 🙂

        • Patrick says:

          Hallo Monika,

          ja, ich bemühe mich, zu antworten 🙂
          Schön, dass Du hierher gefunden hast.

          An Deiner Theorie ist sicher einiges dran. Es liegt in der Natur der Extrovertierten, dass sie auffälliger sind und man dadurch das Gefühl bekommen könnte, fast jeder sei extrovertiert.

  11. Martina says:

    Wie sehr ich mich in diesem Text wiederfinde… Auch meine Definition von „Freunden“ ist sehr eng gesteckt, und es braucht lange, bis aus einer Bekanntschaft tatsächlich eine Freundschaft reifen kann. Ganz wenige wirkliche Freunde – manchmal macht mir das zu schaffen, und ich hätte schon gern mehr davon. Wenn das doch nur so einfach wäre… Bei meiner extrovertierten Schwester ist wohl jeder ein Freund, den sie länger als eine Woche kennt. 🙂

  12. Hallo Patrick,

    vielen Dank für deinen Blog. ich bin eben über diesen gestolpert.
    Ich war immer in der Annahme , ich “ wäre extrovertiert “ , aber dein Blog hat mich nachdenklich werden lassen. Wahrscheinlich habe ich mich konditioniert . . .. . ;-(
    diese Erkenntnis macht mich traurig.
    Denn ich merke mehr und mehr, dass mich meine Ruhe , Gedanken nachhängen , in Ruhe , die Dinge machen , die ich gerade machen will , am meisten zufrieden stellen.
    Ich finde viele Menschen anstrengend und ich werde müde in ihrer Gegenwart. Ich habe das Gefühl ausgesaugt zu werden.
    In meinem Umfeld gibt sind es nur wenige Menschen, die mich aufblühen lassen.
    Die mir Energie geben.
    Und somit habe ich angefangen mich von diesen “ Energiesaugern “ abzugrenzen.

    Die vorigen Kommentare zu lesen , war Balsam. : D

  13. Felicitas says:

    Hallo Patrick,

    Ich finde es einfach toll, was du hier machst. Ich bin sehr froh, auf diese Seite gestoßen zu sein!
    Ich muss auch sagen, dass Freundschaft für mich eine komplizierte Sache ist. Ich finde allein schon der Begriff wird heute zu freizügig verwendet.
    Ich habe einen sehr kleinen Freundeskreis. Das finde ich auch gut so, es geht mir um die Qualität. Unter meinen Freunden ist nur ein einziger, den ich wirklich seit der Grundschule kenne, was wohl daran liegt, dass mir dieser Mensch sehr ähnlich ist, in meinen Eigenarten und Interessen.
    Denn ich war schon immer der Außenseiter. Ich gehörte einfach nicht dazu, ich war eine Lachnummer für die anderen. Ich habe seltsamerweise nicht versucht, wie jedoch viele andere hier schildern, zu leben wie ein Extrovertierter. Ich vermute deshalb, weil ich zu den Menschen, die mein Wesen nicht akzeptierten, nicht dazugehören wollte. Ich war einfach der Mensch der ich war, introvertiert und zurückgezogen in meine Gedankenwelt. Als die Anderen in das Alter für Partys kamen hab ich eben andere Dinge gemacht, die mir Spaß machten. Ich habe gelesen und Musikinstrumente erlernt (wobei ich das auch ausschließlich für mich mache und nie etwas vorspiele, denn sobald mir jemand zuhört mache ich Fehler und kann mich nicht mehr konzentrieren).
    Was aber mein Leben nicht unbedingt einfacher gemacht hat. Weil ich mich natürlich trotzdem fragte, warum ich so anders bin. Ich frage mich noch heute, was aus meinem Leben werden soll.
    Ich habe mich sehr abgekapselt. Bis ich eigentlich gar keinen Kontakt mehr zu anderen Menschen hatte, abgesehen von meiner Familie, der ich aber in dieser Zeit sehr aus dem Weg gegangen bin. Das spielte sich hoch, bis ich irgendwann daran zerbrach allein zu sein mit meinem quälenden Gedankengang und der Frage, warum ich so anders bin.
    Ich fand dann in eine recht nette Jugendgruppe, in der ich mich wohl fühlte und wo meine heutigen wenigen Freunde auf mich aufmerksam geworden sind.
    Und nur diese einzelnen Menschen kann ich als meine Freunde bezeichnen.
    Es sind die einzigen Menschen, zu denen ich heute intensiven Kontakt suche, den ich auch brauche. Ich habe hohe Ansprüche an sie, weil ich, wie vermutlich die Mehrheit hier, keinen Small Talk mag und lieber Gespräche über Dinge führe, die mein Gehirn beschäftigen und mich interessieren.
    Ich denke, das ist aber auch der Punkt, der sehr enttäuschend sein kann (zumindest geht es mir so). Oft übersteigen die Dinge, über die ich reden möchte den Horizont meiner Freunde und das Thema wird ihnen zu kompliziert/anstrengend oder anspruchsvoll. Besonders, weil ich viel über die heutige wertelose Gesellschaft, mein eigenes kompliziertes Leben und seinen Sinn nachdenke. Ich mache mir sehr viele Sorgen über alles, was mir wichtig ist und viele Gedanken über die Welt an sich. Ich denke, dass das für meine Freunde recht ermüdend ist und ich verstehe auch, dass sie sich lieber mit einfacheren Dingen beschäftigen. Aber für mich ist es eben doch ein wenig enttäuschend, weil es die einzigen Dinge sind, über die ich mich wirklich austauschen möchte mit anderen. Ändern lässt es sich wohl schwerlich…
    So zumindest meine bisherigen Erfahrungen.

    Felicitas

    • Patrick says:

      Hallo Felicitas,

      schön, dass Du hier Deine Geschichte teilst!
      Ich denke, im Wesentlichen kennen wir das alle so. Wir suchen die tiefen Gespräche, die uns etwas fordern, für die wir aber auch Zeit brauchen. Leider gibt es nicht viele Menschen oder Situationen, in denen man so reden kann.
      Ich bin manchmal noch überrascht, wenn ich bei jemandem diese Tiefe entdecke, obwohl wir uns schon Jahre kannten (wenn auch nicht sehr gut). Aber wenn der Freundeskreis nicht wächst, wird es solche neuen Entdeckungen wohl nicht mehr geben. Ich weiß da leider auch keinen Rat (außer eben, doch noch mal außerhalb dieses eingespielten Kreises nach Leuten zu suchen).

  14. Fabian says:

    hey,ich denke auch schon mein leben lang ,dass etwas nicht mit mir stimmt und versuche seit einiger zeit dahinter zu kommen,warum ich so bin wie ich bin.bin heute auf diese seite gestoßen und die artikel verschaffen mir viel klarheit.ich habe auch immer versucht extrovertiert zu sein und gegen meine „natur“ zu leben.aber das leben ist um einiges leichter wenn man sich so liebt wie man ist.hatte viele jahre mit selbsthass zu kämpfen und habe versucht mit alkohol/speed/cannabis meine introvertiertheit wetzumachen.das hat kurzfristig geholfen auf dauer wurde ich dadurch introvertierter als ich schon bin und depressiv dazu.seit einigen wochen/monaten versuch ich mich einfach so anzunehmen und mir tag für tag aufs neue zu sagen es ist gut so wie du bist.mein zustand bessert sich stetig und ich komm langsam aus den depressionen und selbsthass raus.

    zum thema mit den freundschaften…ich habe mir auch immer gedanken darum gemacht warum andere so viele freunde haben und beliebt sind und ich eben nicht.aber das ist auch mal wieder die falsche bewertung dieser situation.ich bin ja gar nicht unbelliebt,nur durch meine introvertierte art fällt es mir halt schwer kontakte zu knüpfen und somit können mich andere leute auch gar nicht kennenlernen.trotzdem habe ich freunde,zwar nicht viele,dafür aber intensive freundschaften.und bei meinen freunden bin ich ja beliebt sonst wären sie ja nicht mit mir befreundet.ich wollte halt auch immer viele freunde wie die extrovertierten menschen,aber das ist gegen meine natur wie ich festgestellt hab.und seitdem ich versuche meine natur zu akzeptieren fällt das leben um einiges leichter.ich bin halt still und kann nicht auf andere zugehen,trotzdem habe ich es geschafft mit dieser art ein paar gute freunde und sogar eine freundin zu finden und da bin ich stolz drauf!!!

    PS:die seite ist super,habe mir fast alle artikel durchgelesen und es hat mir sehr geholfen die dinge aus einer anderen sicht zu sehen und das eigentlich alles gut so wie es ist 🙂

    • Patrick says:

      Hallo Fabian,

      schön, dass Du auf einem guten Weg bist! Gute Freunde und eine Freundin: Was will man mehr? 🙂

  15. Ein weiterer sehr schöner Text. Vielen Dank dafür! Auch wenn dieser hier nun auch schon ein wenig älter ist, aber ich bin leider erst heute auf diese Seite gestoßen.

    Ich kann mich in nahezu allen Posts hier wiederfinden.
    Wenn man „92 Eigenschaften von Introvertierten“ als Strichliste sehen möchte, so wäre ich mit rund 95%iger Übereinstimmung wohl stark introvertiert.
    Wo ich mich nicht wiederfinden kann, wäre z.B. der Punkt Multi-Tasking (wobei dieser nicht ganz korrekt beschrieben wurde, denn auch Computer verarbeiten Eins nach dem Anderen – jedoch nur eben sehr schnell in sehr kleinen Schritten).
    So viel zu mir 🙂

    Was ich in diesem Artikel „schmerzlich“ vermisse, ist der Begriff ‚Nutzfreundschaft‘. Denn wer kennt es nicht: Gerade bei der Arbeit (oder vlt. auch gern in der Familie) wird man gern und oft gefragt, bei gewissen Dingen zu helfen, welche man gut oder besser beherschen mag wie der jeweils Gegenüber.
    Ich bin genervt von solchen Leuten, die mich „nur“ als Freund warm halten wollen, weil sie entsprechenden Nutzen daraus ziehen können. Z.B. die Gestaltung eines Logos, einer Website oder gar einem (Intro-)Videos.

    Sie versuchen mich warm zu halten, genau und oftmals einzig deswegen, und ich ließ es immer zu mich quasi aussaugen zu lassen. Seufzend mit dem Wissen, dass wenn ich evtl. mal Hilfe bei was auch immer bräuchte, diese ganz schnell das Weite suchen würden. Und dennoch ließ ich es zu, denn immerhin hatte man dann in der Mittagspause beim Praktikum, Ausbildung, etc. jemanden mit dem man sich unterhalten konnte – die Pause war somit für mich nicht mehr ganz so langweilig.

    Heute, Jahre später, vermeide ich solche Menschen bewusst und sehr schnell.
    Dabei geht es auch gar nich alzu sehr darum (falls es gerade beim lesen so vorkommen sollte) „ausgenutzt“ zu werden und für Lau zu arbeiten/helfen, denn ich Helfe sehr gern – auch wenn es andere gäbe, die dafür gut bezahlt würden. Nun ja…

    Seitdem ich mich von solchen Menschen bewusst und schnell entfernt habe, geht es mir bedeutend besser und ich fühle mich wohler.
    Danke für’s lesen 😉

  16. Ich habe auch ziemliche Probleme mit Freundschaften. Bis vor kurzem hatte ich eine beste Freundin und dazu noch ein paar mehr oder weniger gute Freunde. Seit den Sommerferien (ich gehe noch zur Schule) hat sich das allerdings geändert, da eine die Schule gewechselt hat und meine beste Freundin und eine andere gute Freundin von mir machen nur noch was zusammen. Jetzt stehe ich ziemlich alleine da. Klar, mit den meisten aus meiner Klasse verstehe ich mich ziemlich gut, die meisten sind allerdings wohl eher Bekannte. Dann habe ich noch drei Freundinnen, mit denen ich mich auch ganz gut verstehe. Allerdings machen die eigentlich eher was zusammen, ich „passe“ da sozusagen nicht mehr wirklich rein. Jetzt mache ich seit gut 6 Wochen eigentlich immer was alleine. Ich habe noch Freunde in Hamburg, aber das ist 4 Stunden entfernt und ich kann sie eigentlich nur in den Ferien oder an langen Wochenenden sehen. Zur Verwunderung meiner Klassenkameraden macht mir die Einsamkeit zwar (nach außen hin) kaum was aus, ich bin sogar eher gerne alleine, aber 6 Wochen sind eine lange Zeit. Ich habe ein großes Problem damit, auf neue Leute zuzugehen und finde deshalb auch eigentlich keine neuen Freunde. Für die meisten bin ich einfach nur ziemlich langweilig, weil ich sehr zurückhalten bin und normalerweise auch nicht wirklich ein Risiko eingehen will. Ich mache mir ja schon Sorgen, wenn ich mich unerlaubt im Notfalltreppenhaus aufhalte. Deshalb gelte ich halt eher als langweilig und die Leute machen lieber was mit anderen.

    Viele Grüße
    Carola

  17. Ich habe gar keine Freunde bin 40 alle sind wenn die paar die Ich hatte aber nicht richtig gute. Es war immer ein Grund von der anderen seite. Jetzt finde Ich keine neuen und habe das Gefühl immer keiner will mit mir

    • Hallo Sahra,
      ich bin Anfang 30 und mir geht es genauso. Den Kontakt zu Schulfreunden habe ich schon lange verloren und neue Freunde habe ich nie so recht gefunden. Ich hatte mich immer an meine Schwester gehängt und mit ihren Freunden war es beinahe so als wären es auch meine Freunde. Nur dass ich wirklich sau schlecht darin bin Kontakt zu halten. Eine Zeit lang war ich deswegen sogar stark depressiv.

      Dann habe ich diese Seite gefunden und fing an mich mehr mit dem Thema Introversion zu beschäftigen. Und ich lernte dass ich nicht alleine bin. Und vor allem habe ich gelernt dass ich nicht die tickende Zeitbombe bin für die uns die Medien gerne darstellen. Es hat ein paar Monate gedauert und ich habe meine (unsere) Natur akzeptiert. Obwohl ich seit 28 Jahren in der Stadt lebe bin ich bei Facebook einer Gruppe „Neu in der Stadt“ beigetreten um bei Bedarf neue Leute zu treffen, muss mich aber I immer noch zwingen tatsächlich dahin zu gehen.

      Ich würde dir raten, ließ einmal Susan Cain – Still. Damit du dich mit allen Aspekten deiner Persönlichkeit vertraut machst. Und dann machst du einen Plan neue Leute zu treffen und vielleicht sind auch ein paar dabei die es wert sind für sie dass Haus zu verlassen.

  18. Ich habe momentan gar keine Freunde, da ich zu einem sehr stark introvertiert bin und zum anderen zur Erkenntnis gekommen bin, dass man ohne besser dran ist. Unnötige Zeitverschwendung und Aufopferung, die sich sowieso nicht lohnt. Übers Internet fände ich es noch in Ordnung, weil man dann wenigstens zu nichts verpflichtet ist.

  19. Guter Artikel,
    ich habe früher darunter gelitten, da ich ruhig und zurückhaltend bin und andere immer total beliebt waren. Doch eigentlich war ich ja mit mir zufrieden, viele Freunde bedeutet viel Anstrengung und Zeit. Die verbringe ich mittlerweile für mich und andere wichtige Dinge.
    Ich bin jetzt 35 und bin mittlerweile stolz darauf, dass ich so bin, wie ich bin. Denn ich weiß nun, dass es die Extrovertierten sind, mit meist großen, psychischen Problemen, sie brauchen sehr viel Aufmerksamkeit, reden viel, wenn der Tag lang ist ;), brauchen den Vordergrund und sind meistens oberflächliche, wenig tiefgründige Menschen auf die ich keinen Wert lege und die ich einfach nur anstrengend finde. Schon aus reinen Selbstschutzgründen verbietet sich Extrovertiertheit, bzw. der Kontakt. Zum Glück erkennt man diese Leute meist sehr schnell, die dann garnicht erst zu meinen Freunden zählen werden. Schont Zeit und Nerven.

    Die Gesellschaft fördert Extrovertiertheit und den Sprung in der Schüssel.

  20. Josephine says:

    Hallo ihr Lieben
    kann es sein das Introvertierte und Hochsensible ziemlich viel gemeinsam haben?

    Ich brauche unbedingt Rat, weil ich ein wenig verzweifelt bin. Ich bin eher introvertiert kann aber auch extrovertiert sein aber das hält nie länger an. Das kippt dann ganz schnell auf introvertiert.
    Anfangs beim Stehempfang schaler ich gerne rum und dann plötzlich kippt es. Und grundsätzlich bin ich eine seltsame Mischung jedoch immer mehr introvertiert.
    Ich habe ein echtes Problem und suche nach Lösungen. Mein Freund ist eher extrovertiert. Ich mag es ganz und gar nicht mit ihm in Gesellschaft zu sein.
    Hat auch noch andere Gründe. Ich bemerke auch, dass wir uns von ganz unterschiedlichen Menschen angezogen fühlen. Das macht es mit Einladungen oft sehr schwierig. Ich möchte am liebsten kein Besuch.
    Er möchte gerne Besuch und empfindet mich da als Freundschaftskiller.
    Was soll ich tun? Ich kann ihn verstehen. Dazu bemerke ich einfach das meine Hochsensiblität von ihm nicht ganz verstanden wird sprich ich glaub wir haben echt Mühe miteinander aufgrund unserer unterschiedlicher Art.
    Dennoch kann das doch nicht sein, dass ich mich verkrieche und in einem Schneckenhaus sitze. Ich weiss nicht weiter. Und manchmal frage ich mich einfach ob ich dann doch lieber einen empfindsameren Partner wählen soll. Was ja auch nicht einfacher werden wird??? What can i do

    • Patrick says:

      Hallo Josephine,

      wenn zwei Menschen in ihrer Persönlichkeit so verschieden sind, ist das Zusammenleben nicht leicht. Grundsätzlich glaube ich daher, dass es besser ist, wenn sich zwei Menschen, die ihr Leben miteinander verbringen wollen, sehr ähnlich sind. Aber auch andere Konstellationen können klappen. Ich empfehle, diesbezüglich mal ins Forum zu schauen oder dort ggf. um Rat zu fragen.

      Viele Grüße
      Patrick

  21. Sehr gut geschrieben.
    Ich bin ein wenig Extremer was dieses Thema angeht.
    Freundschaften sind mir überhaupt nicht wichtig, habe keine Lust mit menschen zu sprechen. Wenn ich mit Personen oder Familie reden muss, dann antworte ich einfach mit kurzen Sätzen und bin während dessen mit denken beschäftigt. Halte Abstand zu meiner Familie, selbst kleine Gruppen gehen mir auf den Zeiger. Wenn ich mit Personen was unternehme, verschwindet meist mein ,,Ich“ und lasse eine andere Seite von mir die Kontrolle übernehmen.. Die mich von außen als nette, freundliche und offene (oberflächlich) Person erscheinen lässt. Das klingt merkwürdig ich weiß, doch genau diese Seite rettet mich, denn ohne die würde ich weder Arbeiten gehen noch die Rechnungen bezahlen können. Ich würde Einsam irgendwo herum irren und versuchen zu Überleben. Diese Einstellung habe ich wohl aus dem Grund, weil ich schon zu viel Informationen aufgenommen habe, was die Moderne Sklaverei, die Verblödung der Menschen durch die Medien und Steuerung – Überwachung durch Internet und Handys angeht. Ich würde lieber das ganze System zusammen krachen sehen, als mit dem Strom zu schwimmen und für die wenig Reichen Leute auf dieser Welt mehr Geld zu geben (bzw. ÖL, Auto,- Getränke-Konzerne ect) Aber das geht ja nicht, da zu viele die Augen verschlossen halten und durch Luxus geblendet werden.
    Kurz gesagt, mein ,,Ich“ (der keinen Kontakt zu Personen und Familie will) ist trotzdem der bessere Teil von mir.

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