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7 Dinge, die Du über Introversion wissen musst

Dieser Artikel ist die Gesprächsgrundlage für den gesamten Blog und essentiell, um Dich selbst besser kennenzulernen. Hältst Du Dich bereits für entweder introvertiert oder extrovertiert? Gut, dann lernst Du jetzt, was das bedeutet.

1. Wer hat’s erfunden?

Der Schweizer Psychoanalytiker Carl Gustav Jung hat die Begriffe Introversion und Extroversion im Jahr 1921 in die Welt gesetzt.

Nach seiner Definition ist Extroversion eine Präferenz für direkte Erlebnisse mit Menschen und Dingen. Extrovertierte erleben jede Erfahrung.

Introvertierte hingegen präferieren die innere Welt der Gedanken. Sie fokussieren auf die Bedeutung von den Erlebnissen um sie herum. Sie verarbeiten Informationen ausführlicher und interpretieren sie. (Quelle)

 

2. Introversion = Veranlagung

Introversion und Extroversion sind angeborene Veranlagungen.
Ob eine Eigenschaft angeboren ist, lässt sich am besten mit Zwillingsstudien nachweisen. Über die Jahrzehnte haben Studien gezeigt, dass eineiige Zwillinge, die getrennt von einander aufwachsen, ähnlichere Persönlichkeitsmerkmale aufweisen als zweieiige Zwillinge, die zusammen aufwachsen. Gene haben also einen größeren Einfluss als die Erziehung.
(vgl. Marti Olsen Laney in „The Introvert Advantage“)

Introversion und Extroversion sind bei jedem Menschen unterschiedlich ausgeprägt. Es drängt sich die Frage auf, wie viel Introversion angeboren und wie viel anerzogen ist. Eine Antwort darauf gibt es jedoch nicht, da sich beides beeinflusst.

Die Ausprägung der Introversion ist davon abhängig wie der angeborene Mix an Eigenschaften mit der Umwelt und der Erziehung zurecht kommt. Außerdem führen die angeborenen Eigenschaften dazu, dass sich Menschen die dazu passenden Erlebnisse suchen und die Ausprägung so ggf. verstärken.
(vgl. Susan Cain in „Still“)

> Merke: Introversion und Extroversion sind angeboren und können nicht geändert werden.

Veranlagungen können nicht geändert werden. Man wächst nicht heraus und kann sie auch nicht weg-therapieren. Introversion und Extroversion bleiben im Verlauf des Lebens relativ stabil.
(vgl. Susan Cain in „Still“, Marti Olsen Laney in „The Introvert Advantage“ und Spiegel)

 

3. Introversion geht über das Soziale hinaus

C.G. Jung hat Introversion und Extroversion nicht auf die soziale Komponente beschränkt, sondern sie als Präferenz für die äußere oder die innere Welt beschrieben.
Über die Jahrzehnte wurden die Begriffe jedoch immer weiter zurechtgestutzt und „vereinfacht“. Heute ruft das Wort „introvertiert“ vor allem Assoziationen wie „zurückgezogen“, „unsozial“, „allein“ oder „passiv“ hervor.

Es gibt jedoch auch Introvertierte, die gern mit vielen Menschen zusammen sind und einen großen Freundeskreis haben. Sie sind eine Minderheit, aber es gibt sie. Nach der ursprünglichen Definition ist das auch kein Widerspruch – nach dem heutigen verengten Verständnis passt das jedoch nicht mehr zusammen.

Daher hat die Psychologin Elaine Aron den Begriff „Hochsensibilität“ geschaffen, um wieder auf das eigentliche Thema zurückzukommen.
Hochsensible Menschen haben ein sehr sensibles Nervensystem – ein wesentlicher Bestandteil von Introversion. Sie selbst erklärt, dass der neue Begriff unnötig wäre, wenn es bei der ursprünglichen Bedeutung von Introversion geblieben wäre. (Hier gibt es eine interessante Kurzanalyse zu den Gemeinsamkeiten beider Begriffe.)

> Merke: Introversion und Extroversion sind weit mehr als eine Beschreibung des sozialen Verhaltens.

Ich werde in diesem Blog überwiegend bei „Introversion“ bleiben, schließlich ist das der gängigere Begriff, von dem jeder ein Bild hat (das aber meist korrigiert werden muss).

 

4. Eine Frage der Stimulation

Das Konzept der Introversion und Extroversion beruht auf der Annahme, dass beide Typen unterschiedliche Stimulation benötigen. Introvertierte sind sensibler für Stimulation vieler Arten und brauchen ein anderes Level an Stimulation als Extrovertierte.
(vgl. Susan Cain in „Still“)

Introvertierte sind aufgrund ihrer höheren Gehirnaktivität oft auch dann noch stimuliert, wenn sie von außen keine neuen Reize empfangen.
Im Umkehrschluss heißt das auch: Sobald neue Reize von außen dazu kommen, sind Introvertierte schneller überstimuliert.

Sobald Du das verstanden hast, kannst Du Dein Leben danach ausrichten und bewusst nach Deiner eigenen Natur leben.
Das Ziel für jeden sollte es sein, den eigenen „Sweet Spot“ zu finden, also das optimale Level an Stimulation. Für jeden gibt es ein Niveau, das weder zu wenig stimuliert (langweilig) noch überstimuliert (überwältigend).
Das gilt genauso für Extrovertierte. In seinem Sweet Spot kann jeder gedeihen.
(vgl. Susan Cain in „Still“, Elaine Aron in „The Highly Sensitive Person“, Marti Olsen Laney in „The Introvert Advantage“)

> Merke: Introvertierte und Extrovertierte benötigen unterschiedliche Level an Stimulation, um bestmöglich zu funktionieren.

Für Introvertierte wird das eher heißen, öfter mal einen Gang herunterzuschalten und die Party früher zu verlassen, während Extrovertierte bereits ihr optimales Level gefunden haben oder nach der Party noch in die nächste Bar ziehen.

 

5. Eine Frage der Energiegewinnung

Introvertierte und Extrovertierte beziehen ihre Energie aus unterschiedlichen Quellen. Das ist wichtig zu wissen – und gleichzeitig schwer, für den jeweils anderen Typen nachzuvollziehen.

Introvertierte ziehen ihre Energie aus dem Fokus nach innen. Dort zieht es sie laut C.G. Jung immer wieder hin und dort gewinnen sie auch ihre Energie.
Das heißt, wir laden unsere Akkus auf, indem wir allein sind, wandern gehen oder ein Buch lesen. Stimulation von außen wird so weit wie möglich heruntergefahren.
Extrovertierte hingegen ziehen Energie aus dem Fokus nach außen. Sie brauchen Menschen um sich herum und neue, aufregende Erlebnisse, um aufzutanken.

> Merke: Introvertierte und Extrovertierte beziehen ihre Energie aus unterschiedlichen Quellen. Was für den einen ermüdend ist, kann den anderen auftanken.

Es ist wichtig, zu erkennen, woher Du Deine Energie gewinnst. Instinktiv machen Menschen sicherlich alles richtig: Sie spüren was sie brauchen und handeln danach.
Allerdings kann dieses Gespür in einer extrovertierten Welt außer Kraft gesetzt werden. Wenn das Umfeld signalisiert, dass Party, Spaß und Action angesagt sind, um ein vollwertiges Mitglied der Gemeinschaft zu sein, lassen sich Introvertierte unter Umständen dazu zwingen, gegen ihre Natur zu leben. Wer das nicht erkennt, wird ausgelaugt sein ohne zu wissen warum.

 

6. Jeder ist introvertiert und extrovertiert

Genau genommen gibt es den Introvertierten gar nicht, denn jeder hat mindestens einige introvertierte und einige extrovertierte Eigenschaften.
Introversion und Extroversion sind als zwei Enden einer Energie-Skala zu verstehen. Je nachdem, wo wir auf dieser Skala stehen, beziehen wir unsere Energie aus unterschiedlichen Quellen (wie oben beschrieben).

Introversion Extroversion Skala

Unser Standpunkt auf der Skala ist nicht fest verankert. C.G. Jung hatte vorgeschlagen, die beiden Wörter auch als Verben zu benutzen: also „zu introvertieren“ und „zu extrovertieren“. Jeder kann beides in einem gewissen Rahmen tun. Introvertierte können sich extrovertierter verhalten und anders herum genauso.
Es ist notwendig, um in verschiedenen Situationen des Lebens zu bestehen. Introvertierte extrovertieren sogar besonders häufig.

> Merke: Jeder Mensch hat introvertierte und extrovertierte Eigenschaften

Es ist allerdings wichtig, sich dieses Prozesses bewusst zu sein, denn wenn Introvertierte zu sehr extrovertieren, sind sie ausgelaugt. Introvertierte, die den ganzen Tag in Meetings verbringen müssen oder in einer Woche drei Partys besuchen, sind hinterher am Ende ihrer Kräfte.
Genauso sind Extrovertierte erschöpft, wenn sie ihr optimales Stimulationslevel überschreiten oder wenn sie dauerhaft unterstimuliert (gelangweilt) sind.
Wer sich zu lange außerhalb seines Sweet Spots bewegt, verliert also Energie, ohne ausreichend Gelegenheit zu haben, sie wieder aufzuladen.
(vgl. Marti Olsen Laney in „The Introvert Advantage“)

 

7. Introversion und Extroversion sind neutral

In unserer westlichen Gesellschaft ist Extroversion etwas Wünschenswertes und Introversion ein Problem. Das ist jedoch nur eine Frage der Wahrnehmung und entspricht nicht den Tatsachen.

Egal zu welcher Veranlagung man tendiert, die damit verbundenen Eigenschaften gleichen sich aus.
Jeder hat Eigenschaften, die eher hinderlich wirken, aber auch Eigenschaften, die einen Vorteil gegenüber anderen darstellen. Die Kunst ist, seine eigene Nische zu finden, in der die Schwächen keine große Rolle spielen und die Stärken ausgespielt werden können.

Mehr zu den Eigenschaften von Introvertierten gibt es im nächsten Artikel.

Fazit

An erster Stelle steht die Erkenntnis: Was sind Deine Stärken und Schwächen? Was stimuliert Dich? Woher ziehst Du Deine Energie und was raubt Dir Energie?
Wenn Du dies weißt, kannst Du Dein Leben danach ausrichten.
Als Introvertierte haben wir den Vorteil, unabhängiger und sehr reflektiert zu sein. Mit ein paar Gedankenanstößen kannst Du Dir also selbst helfen.

 

Mein Buch für Introvertierte

Mittlerweile habe ich übrigens ein Buch für Introvertierte geschrieben. Ab sofort ist es bei amazon verfügbar. Es heißt: „Kopfsache – Liebe den Introvertierten in dir“.

Für Schnellentschlossene:

Das Buch richtet sich an Introvertierte, die mit ihren Eigenschaften im Alltag noch Probleme haben. Mit „Kopfsache“ möchte ich aufzeigen, dass vieles eine Frage der Einstellung ist und jeder Introvertierte auch ein richtig gutes Leben führen kann. Mehr Informationen zu diesem Buch findest du hier.

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Über den Autor

Mein Name ist Patrick und ich bin introvertiert. Oft habe ich mir gewünscht, extrovertiert zu sein, bis ich meine Veranlagung besser verstanden habe. Mehr über mich, mein Buch Kopfsache, mein Projekt Healthy Habits.

Comments

  1. Wenn man sich sachlich mit dem Thema auseinandersetzt, sollte man nicht den Begriff Extroversion wählen, der besagt nämlich schlicht gar nichts, sondern korrekt von Extraversion sprechen (lateinisch heißt extra außerhalb und vertere wenden).

    • Patrick says:

      Hallo Gina,

      das ist mir bewusst. Allerdings kannst Du dann davon ausgehen, dass 90% der Leser über das Wort stolpern werden, weil im allgemeinen Sprachgebrauch nun einmal von Extrovertierten und nicht von Extravertierten gesprochen wird.

      Grüße,
      Patrick

  2. Hallo Patrick,

    Ich bin gerade auf deine Seite gestoßen, als ich mich mehr mit Introversion auseinandersetzen wollte. Ich bin erst diesen Sommer darüber gestolpert, was es heißt introvertiert zu sein (das ich es bin, war mir und meiner Umgebung schon immer klar).
    Deine Seite ist ein super Einstieg, um den Exravertierten dieser Welt mit wenigen Worten die Gedankenwelt eines Introvertierten näher zu bringen! Wenn mich eine Freundin mal wieder in einen Club oder die Disco schleifen will, schicke ich ihr einfach ’nen Link zu dieser Seite.

    Gruß
    Julia

  3. Hallo Patrick, heute habe ich einen Bericht von Christiane zu Salms im Fernsehen gesehen. Sie ist Sterbebegleiterin. Der Satz: Man hat nur ein Leben, man kann nicht alles machen, man muss sich für einen Weg entscheiden. Oder; Man muss nicht erst einen Verlust spüren, um zu wissen was man will! Der Gedanke auszusteigen beschäftigt mich schon sehr lange. Ich fühle mich auch als einen introvertierten Menschen. Ich versuche schon seit Monaten Energie aufzutanken. Ziehe mich komplett zurück, mache Dinge, wozu ich Lust habe. Ich würde mich auch als einen Fluchtmensch bezeichnen. Deine Seite gefällt mir sehr gut. Vieles trifft auch auf mich zu. Leider bin ich noch nicht so wirklich angekommen. Es gibt natürlich immer einen Grund, um zu sagen, das geht jetzt noch nicht. Mit fast 55 Jahren ist das sicherlich sehr schwer, auszusteigen! Auf jeden Fall, ich arbeite daran. Eingetragen zum Housesitting habe ich mich. Meine Vorlieben lieben in Andalusien und Fuerteventura. Liebe Grüße aus dem Rheinland und lasse es Dir gut gehen Ute

    • Hallo Ute,

      danke für Deinen Kommentar. Ein „Ausstieg“ wird mit zunehmendem Alter sicher nicht leichter. Möglich ist er aber hoffentlich trotzdem. Ich wünsche Dir viel Erfolg dabei!

      Viele Grüße
      Patrick

  4. meriana says:

    Hallo Patrick,

    auch mir gefällt Dein Blog unheimlich gut. Die Art wie du schreibst ist spannend und erreicht mich voll kommen. Kompliment!

    Ich habe vor kurzen mal den JPP Profile Test in einem Workshop mitgemacht und es kam heraus, dass ich introvertiert bin. Deine Beschreibung ist in meinem Fall sehr zutreffend.

    Lieben Gruß
    Meriana

  5. Hallo ich finde deine Texte super. Ich habe folgende festgestellt an mir das sich meine Tendenz verschiebt. Herbst und Winter bin ich sehr Introvertiert es wurde schon Winter Depression genannt =D hingegen im Frühling und Sommer bin ich sehr aktiv, gehe viel gelassener mit meiner Umwelt und ich suche den Kontakt zu anderen Menschen. Will nicht heißen das ich keine Probleme habe wie zum Beispiel Augenkontakt bei einer Konversation. Da habe ich festgestellt wenn man dem Gegenüber erklärt das man nicht ins Leere schaut sondern sich die Szenerie im Kopf vorstellt wie beim Lesen dann gewöhnen die sich dran und fühlen sich nicht unbeachtet oder werten es als Desinteresse.

  6. Hallo Patrick,

    Ich bin sehr froh deine Seite entdeckt zu haben, weil ich mein ganzes Leben lang schon damit kämpfe, Spaß an Dingen finden zu wollen, die mich einfach nur stressen und nerven.

    Ich war schon immer recht beliebt,erfolgreich in Schule und Studium und wurde dadurch auch mehr und mehr in den Mittelpunkt gerückt. Jeder dachte ich bin die Party-Queen, die Souveränste bei Präsentationen, die Entspannteste bei Vorstellungsgesprächen…
    Dabei laufe ich heute noch vorzugsweise weg wenn ein Telefon klingelt.

    Ich habe die „erwünschten“ Verhaltensweisen erlernt und kann mich absolut perfekt anpassen, aber ich merke, dass es mich schlaucht und reizbar macht.

    Als Kind saß ich oft 8 Stunden am Tag am Schreibtisch und habe einfach nur gemalt. Auch wenn man erwartet hat, dass ich zu Kindergeburtstagen, Festen und Veranstaltungen muss. Ich habe es immer gehasst.
    Auch wenn eine Freundin mit mir verabredet war und plötzlich andere Kinder dazu kamen. Das wurde mir schnell zu viel.
    Dabei mag ich Menschen und genieße auch Kommunikation, aber eben nur, wenn es für mich die nötige „Tiefe“ hat. Und das soll jetzt nicht eingebildet klingen, es ist nur einfach so…

    Ich habe mich sehr oft selbst unter Druck gesetzt, nicht so zu sein. Mich nicht „anzustellen“, einfach mal die Zähne zusammenzubeißen.
    Als ich dann schon anfing, wirklich depressiv zu werden, weil ich mir sicher war, dass mit mir etwas nicht stimmt, habe ich angefangen ein bisschen nachzuforschen.

    Deshalb freue ich mich gerade übertrieben, hier auf der Seite ein wenig zu lesen.

    Liebe Grüße,
    Dina

    • Patrick says:

      Hallo Dina,

      schön, dass du dich hier wohlfühlst!
      Ich glaube, du bist in einer für Introvertierte sehr guten Situation: Du kannst dich perfekt anpassen, kennst aber deine eigenen Vorlieben.

Trackbacks

  1. […] mal unbeschwert und fröhlich sein wie andere auch. Also las ich ein Buch nach dem anderen über Introversion. Mir wurde zunehmend klar, wie viele meiner Eigenschaften darauf zurückzuführen sind, dass ich […]

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