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Warum Deine Stärken wichtiger sind als Deine Schwächen

Ich habe Schwächen. Eine Menge sogar. Viele davon hängen mit meinen introvertierten Eigenschaften zusammen. Lass mich ein paar Beispiele nennen.

  • Ich kann nicht gut vor Menschen reden. Schon gar nicht aus dem Stegreif.
  • Ich bin kein guter Netzwerker. Zu Small Talk muss ich mich zwingen.
  • In Gruppen gehe ich unter.
  • Ich brauche länger, um mir Argumente zurecht zu legen. Diskussionen sind daher nicht meine Stärke.
  • Ich bin kein Entertainer. Es liegt mir nicht, Menschen zu unterhalten.

Das ist nur ein Auszug meiner Schwächen. In all diesen Dingen bin ich nicht richtig schlecht, aber unter dem Durchschnitt.

Nun wird gemeinhin empfohlen, an unseren Schwächen zu arbeiten. Wir können besser werden in allem, was wir nicht besonders gut können. Das ist wahr.

Ich habe viel gelesen, über öffentliches Sprechen und Small Talk. Einiges davon konnte ich anwenden und es hat mich ein Stück besser gemacht. Auch über Networking habe ich eines der besten Bücher gelesen: Geh nie alleine essen. Es ist ein wirklich gutes Buch von einem leidenschaftlichen Netzwerker.

Aber beim Lesen stellte ich fest: Ich bin nicht nur weit davon entfernt, ein guter Netzwerker zu sein. Alles, was einen hervorragenden Netzwerker ausmacht, lässt bei mir die Alarmglocken läuten. Es fühlt sich nicht richtig an.

Ich kann mich bemühen, es zu lernen. Ich kann mir die Zeit nehmen, diese Tipps zu befolgen, auch wenn mein Herz nicht daran hängt. Ich müsste deutlich mehr machen, als nur Bücher zu lesen. Es würde mich viel Aufwand kosten, mehr als andere Menschen. Und am Ende wäre ich einer von vielen guten Netzwerkern.

Das Gleiche gilt für meine anderen Schwächen. Ich könnte auch diese Dinge verbessern. Dass Introversion nicht zu verändern ist, heißt nicht, mich meinen Schwächen ergeben zu müssen. Ich kann an ihnen arbeiten und besser werden.

Aber ist es auch sinnvoll? Wir alle haben so viele Schwächen. Können wir an all diesen Schwächen arbeiten? Und wie gut können wir wirklich werden?

Warum Stärken wichtiger sind als Schwächen

Auf den ersten Blick macht es Sinn, an Schwächen zu arbeiten. Sie sind mir unangenehm. Ich möchte nicht, dass andere Menschen auf sie aufmerksam werden und mich für schwach halten. Es liegt nahe, sie ausmerzen zu wollen. Und trotzdem denke ich, dass es falsch ist, sich auf Schwächen zu konzentrieren.

Qual oder Spaß

Wie viel Spaß kann es wohl machen, mich ständig mit meinen Schwächen zu beschäftigen? Ich halte mir durchgehend vor Augen, was ich alles nicht kann. Wie soll ich mich dabei wohl fühlen?

Darüber hinaus ist es sehr, sehr kräftezehrend, an Dingen zu arbeiten, die mir nicht liegen. Es ist möglich, aber sehr anstrengend. Es ist unangenehm, mich ständig in Situationen zu begeben, die meinem Naturell widersprechen.

Wie viel angenehmer ist es wohl, an etwas zu arbeiten, das ich schon gut kann? Ich rede nicht davon, es mir bequem zu machen. Ich rede davon, an mir zu arbeiten und besser zu werden. Ich rede von dem Glücksgefühl, etwas wirklich gut zu können.

Mittelmaß oder Experte

Was geschieht, wenn ich meine Zeit und Energie darauf verwende, meine Schwächen auszumerzen, anstatt mich um meine Stärken zu kümmern? Ich werde in allem durchschnittlich sein. Mittelmaß ist allerdings kein Rezept für ein erfolgreiches Leben. Und Durchschnitt ödet mich an.

Wenn wir uns auf Stärken konzentrieren, können wir zu etwas Besonderem werden. Es kommt nicht von selbst, aber der besondere Erfolg ist möglich. Laut der 10.000-Stunden-Regel ist der Unterschied zwischen mittelmäßigen und erfolgreichen Menschen vor allem einer: 10.000 Stunden Arbeit.

Willst Du in etwas außergewöhnlich gut werden, so mache es immer und immer wieder. Wie gut kann das wohl mit Schwächen funktionieren? 10.000 Stunden Arbeit an etwas, mit dem ich mich nicht einmal wohl fühle?

Kenne Deine Stärken und werde noch stärker

Viele meiner Stärken sind typisch introvertiert, andere sind eher unspezifisch. Heute suche ich mir bewusst Aufgaben, bei denen meine Stärken zur Geltung kommen oder sie sogar herausgefordert werden.

Einige meiner Stärken, insbesondere auf das Berufsleben bezogen:

  • Ich kann sehr gut mit Geld umgehen.
  • In hektischen Situationen bewahre ich Ruhe.
  • Ich kann Wichtiges von Dringendem unterscheiden.
  • Ideen sind gut, aber deren Umsetzung ist mir noch wichtiger.
  • Ich bin gut organisiert.
  • Ich bin sehr gewissenhaft. Wichtige Entscheidungen durchdenke ich genau.
  • Ich bin zuverlässig und diszipliniert.
  • Ich mag keinen Stillstand, sondern will ständige Verbesserung.

Das sind einige meiner Stärken. Als ich meine Agentur führte, habe ich Aufgaben übernommen, für die ich meine Stärken gewinnbringend einsetzen konnte. Was mir nicht liegt, konnte ich zumeist abgeben. Andere können das besser.
Zurzeit bin ich Solo-Unternehmer und konzentriere mich weiterhin auf meine Stärken, zum Beispiel das Schreiben.

Ich kann ganz gut schreiben und muss mich nicht dazu zwingen (solange mich das Thema interessiert). Allerdings bin ich noch lange nicht so gut, wie ich sein kann. Also schreibe ich mehr.

Jede Woche wende ich viele Stunden fürs Schreiben auf. Ich merke selbst, wie ich besser werde und die Texte werden von meinen Lesern immer besser angenommen. Ich möchte noch mehr Menschen erreichen und in ihrem Leben beeinflussen. Wenn ich mich weiter verbessere, wird mir das auch gelingen.

Und genau so kannst Du es auch halten. Vergeude nicht zu viel Zeit damit, an Deinen Schwächen herumzudoktern. Sei Dir Deiner Stärken bewusst und teile sie den Menschen in Deinem Umfeld mit. Du musst Deine Stärken selbstbewusst vertreten. Nur so haben andere Menschen die Möglichkeit, Dich ideal einzusetzen.

Als Angestellter bist Du nicht so frei in Deinen Entscheidungen, und trotzdem gilt das Gleiche für Dich. Du musst Deine Stärken herausstellen und Deinen Vorgesetzten zeigen, in welchen Bereichen Du besonders viel Mehrwert beisteuern kannst. Jeder gute Vorgesetzte wird seine Mitarbeiter entsprechend ihrer Stärken einsetzen.

Schlusswort

Ich möchte Dir mit diesem Artikel keine Ausrede anbieten, um Dich auf Deinen Schwächen auszuruhen. Wenn Dich eine Deiner Schwächen daran hindert, im Leben voran zu kommen, musst Du daran arbeiten.

Aber konzentriere Dich nicht zu sehr auf all das, was Du nicht kannst. Besondere Leistungen wirst Du nur vollbringen, wenn Du Deine Stärken einsetzt und diese weiterentwickelst. Und zwar weiter als alle anderen.

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Über den Autor

Mein Name ist Patrick und ich bin introvertiert. Oft habe ich mir gewünscht, extrovertiert zu sein, bis ich meine Veranlagung besser verstanden habe. Mehr über mich, mein Buch Kopfsache, mein Projekt Healthy Habits.

Comments

  1. (Spoiler: Sorry, ich muss ein bisschen meckern… Aber ich machs kurz)

    Hi Patrick,

    ich glaube es ist hilfreicher, nicht in „Stärken“ und „Schwächen“ zu denken, sondern in „Fähigkeiten“. Und die sind dann halt gut und weniger gut ausgeprägt.

    Und ich denke es macht dann Sinn, sich auf die Fähigkeiten zu konzentrieren, die ausgeprägter sind. Weil es glücklicher macht, weil es sich natürlicher anfühlt und weil man damit einfach Erfolg haben wird. Genau so macht es dann Sinn, das zu meiden, was weniger gut gekonnt wird. Weil es unbefriedigend ist, unangenehm und letztlich auch nutzlos.

    Den Unterschied zum denken in „Stärken“ und „Schwächen“ sehe ich darin, dass es praktisch mit einem Tabu belegt ist, sich selbst „Stärken“ zuzuschreiben. Darüber kann man also kaum nachdenken, ohne sich selbst zu quälen. Und es ist vielleicht chic (oder vielleicht auch einfach eine gesellschaftliche Fussangel), sich auf die angeblichen „Schwächen“ zu konzentrieren. Wodurch sie in der eigenen Wahrnehmung an Bedeutung gewinnen.

    Das mag pingelig erscheinen, aber ich finde, man kann den Unterschied leicht selbst fühlen. Der Gedanke „Smalltalk ist eine Schwäche von mir“ ist einfach doch ein bisschen anders als „Meine Fähigkeit zum Smalltalk ist nicht so ausgeprägt“. Finde ich.

    Ansonsten freue ich mich, diese Seite gefunden zu haben. Viele der Texte hätte ich mir vor 20 Jahren gewünscht – ich denke, ich hätte mich manchmal weniger einsam gefühlt dadurch. (Mittlerweile komme ich aber gut damit zurecht, introvertiert zu sein.)

    Viel Erfolg weiterhin, Marco

    PS: Vielleicht gefällt Dir das ja auch, es ist nicht von mir: http://laughingsquid.com/how-to-live-with-introverts/

    • Hallo Marco,

      Du hast schon recht, das Wort „Fähigkeiten“ klingt besser, weniger vorbelastet.
      Nun könnte ich natürlich sagen, eine Fähigkeit ist „schwach“ oder „stark“ ausgeprägt 😉 Aber ich verstehe, wie Du es meinst und ich finde den Gedanken gut. Ich werde versuchen, mir anzugewöhnen, von Fähigkeiten zu sprechen.

      Viele Grüße
      Patrick

      P.S. Über dieses eine Comic stolpere ich immer wieder. Scheint sehr beliebt zu sein unter Introvertierten 🙂

  2. Hallo Patrick,
    Danke für den Artikel.
    Mir hat das Buch „Networking für Networkinghasser. Sie können auch allein essen und erfolgreich sein“ von Devora Zack sehr geholfen, Situationen, in denen ich mich bisher unwohl gefühlt habe, besser zu reflektieren. Von einer Introvertierten für Intros geschrieben.
    Grüße, Torsten

    • Hallo Torsten,

      danke für den Tipp! Ich esse ja auch oft alleine und bin für meine Begriffe erfolgreich 😉
      Ich habe das Buch auf meine Wunschliste gepackt. Wenn ich mich im Networking mal wieder mehr engagieren will, werde ich es bestimmt lesen!

      Viele Grüße
      Patrick

  3. Hallo Patrick,

    als ich den Aufhänger für diesen Artikel in den Google-Suchergebnissen („stärken schwächen“) fand „musste“ ich einen kurzen Zwischenstopp einlegen. Mein Gedanke: „Endlich mal einer, der nicht gebetsmühlenartig wie die ganzen selbsternannten „Experten“ darüber schwafelt, wie wichtig es sei, aus seinen Schwächen Stärken zu machen“ .

    Offenbar hast du auch Malcolm Gladwell und die EKS-Strategie durchgearbeitet? Jedenfalls gehören entsprechende Ansätze zu meiner „Lieblingsdenke“ und ich finde sie in deinen Ausführungen. Interessant finde ich, wie du als (nach deiner eigenen Aussage) Nicht-Networker ein Google+-Network von nicht unbeachtlicher Größe entwickelt hast. Wenn es vielleicht auch sarkastisch klingen sollte: ich meine das im positiven Sinne ernst.

    Ich bewundere deine Klarheit und deine Fähigkeit, dich auszudrücken. Übrigens ist dein Google+- Netzwerk-Zähler gerade wieder um eine Position nach oben geschnellt 😉

    Alles Gute,

    Matthias Schwehm

    • Hi Matthias,

      das Google+ Netzwerk baut sich von selbst auf. Durch meine beiden Blogs gibt es relativ viele Leser und hin und wieder bleibt einer davon bei meinem Google+ Profil hängen 🙂
      Aber abgesehen davon ist Networking online für mich sicherlich angenehmer als z.B. auf einer Messe.

      Viele Grüße
      Patrick

  4. Hallo Patrick,
    Ich finde mich fast gleich in deinen Stärken/Fähigkeiten. Eine Super interessante Seite, bin z. Zeit in Brasilien und bin durch Zufall auf deinen Reiseblog gestoßen , wobei mir jetzt introvertiert.org. fast besser gefällt.
    Bis jetzt hatte ich jedoch als Introvertierter nicht das Verlangen mich öffentlich mitzuteilen, wahrscheinlich weil ich es als Schwäche sehe introvertiert zu sein.

    Wäre auch mal interessant dies herauszufinden, was da wohl am besten zusammenpasst. Ich gerate immer an Extrovertierte . Mit den anschließenden Meinungsverschiedenheiten, Ergänzungen ?
    Deine Meinung würde mich mal interessieren .

    Grüße aus Sampa
    Harry

    • Patrick says:

      Hi Harry,

      tja, das weiß ich leider auch nicht. Ich glaube aber nicht, dass es ein Patentrezept gibt.
      Persönlich habe ich da nicht viel Erfahrung.

      Viele Grüße nach Brasilien,
      Patrick

  5. @ Harry (und wen es sonst vielleicht noch interessiert): Recht lange sah ich es als Ideal an, schlagfertig zu werden. Irgendwann ist mir bewusst geworden, dass ich es zu einem recht hohen Maß an „Fragfertigkeit“ gebracht habe. Begegnet mir heute ein extrovertierter, der meint, etwas besser wissen zu müssen, stelle ich oft eher eine Frage, die möglichst ins Schwarze trifft, und beobachte, was passiert. So muss ich nicht auf einem Terrain „kämpfen“, auf dem ich mich nicht wohl fühle, bleibe aber dennoch aktiv. Außerdem erlebe ich es als immens energie- und zeitsparend.

    Liebe Grüße

    Matthias

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