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Warum Deine Schuldgefühle Dir nicht helfen und wie Du sie linderst

Introvertierte werden häufig von Schuldgefühlen geplagt. Unbedeutende Situationen können in stundenlangem Grübeln enden. Und wie so oft habe ich mich wieder erkannt.

In extrovertierten Gesellschaften lernen Introvertierte früh, dass sie nicht dem bevorzugten Standard entsprechen. Daher wünschen sich viele Introvertierte, extrovertiert zu sein und sehen Extrovertierte sogar als die besseren Vorbilder.

Die Folge sind Scham- und Schuldgefühle wann immer die eigene Veranlagung vom gewünschten Ideal abweicht. Solche Gefühle ergeben sich jeden Tag. So habe ich…

  • Nicht genug Leute kennengelernt (z.B. beim Reisen)
  • Nicht genug Spaß gehabt (z.B. bei Partys, Ausflügen)
  • Nicht lange genug gefeiert
  • Eine Chance nicht ergriffen (z.B. jemanden anzusprechen)
  • Nicht genug ‚Kontakte‘ gemacht (beim Networking)
  • Jemandem Unrecht getan
  • Nicht genug gesagt (z.B. in Meetings)
  • Übertrieben, anstatt bescheiden zu sein
  • Jemandem die Zeit gestohlen
  • Jemanden in eine unangenehme Situation gebracht
  • Nicht genug ausprobiert
  • Irgendetwas falsch gemacht

In all diesen Situationen (und sicher noch viel mehr) bekomme ich automatisch ein schlechtes Gewissen. Im Grunde könnte ich pausenlos mit Schuldgefühlen beladen durch das Leben laufen. Aber das darf nicht sein!

Warum Schuldgefühle destruktiv sind

Wir fühlen uns schlecht wegen etwas, das längst hinter uns liegt und nicht mehr geändert werden kann. Im besten Fall können wir aus einem Schuldgefühl etwas lernen und uns beim nächsten Mal anders verhalten. Doch die oben genannten Situationen treten immer wieder auf und werden immer wieder ähnlich verlaufen, da sie überwiegend auf meine Veranlagungen zurückzuführen sind. Schuldgefühle führen hier also nicht zum Lerneffekt.

Gefühle wie „Sorgen“ und „Schuld“ sind zu großen Teilen für unseren täglichen Stress verantwortlich. Schuldgefühle fressen unsere Energie auf – und das völlig unnötig. Was sich nicht mehr ändern lässt, muss daher abgehakt werden, um unbeschwert weiterleben zu können.

Wie Du Deine Schuldgefühle linderst

1. Introversion annehmen

In vielen Situationen sind unsere Schuldgefühle darauf zurückzuführen, dass wir unsere introvertierten Eigenschaften nicht als gleichwertig anerkennen. Aus meiner Sicht hilft es, sich über Introversion zu informieren und seine wichtige Rolle in der Gesellschaft anzunehmen. Diese Erkenntnis nimmt die Last der Scham von unseren Schultern.

2. Eigene Wünsche von den Erwartungen anderer trennen

Häufig entstehen Schuldgefühle, weil wir die Erwartungen anderer nicht erfüllen. Mir selbst fällt es oft schwer, das zu unterscheiden. Will ich selbst mehr ‚Kontakte‘ machen oder schäme ich mich nur, weil meine Kollegen mehr Visitenkarten ausgetauscht haben? Will ich selbst länger auf einer Party bleiben oder glaube ich nur, dass ich es sollte, weil noch niemand anderes gegangen ist?

Wenn wir immer diese Bestätigung suchen, machen wir uns unglücklich. Wir kommen ohnehin nicht ohne Ablehnung durch das Leben und können nie alle Menschen glücklich machen.

Also sollten wir zu unseren eigenen Wünschen stehen und uns dafür auch nicht entschuldigen.

3. Gedanken kontrollieren

Schuldgefühle spielen sich nur im Kopf ab. Es sind Gedanken, sonst nichts. Unsere Gedanken können wir kontrollieren und so können wir unsere Schuldgefühle ablegen, indem wir umdenken.

Verabschiede Dich von dem Gedanken, dass Du Menschen die Zeit stiehlst. Wenn Du jemanden in eine unangenehme Situation bringst, dann musste es vermutlich sein. Wenn Du etwas falsch gemacht hast, lerne daraus und mache es beim nächsten Mal richtig. Wenn Du jemandem Unrecht tust, entschuldige Dich und hake es ab.

Du kannst Deine Schuldgefühle in positive Gedanken umdeuten. Und wenn es keinen positiven „Dreh“ gibt, vergiss die Situation. Sie lässt sich ohnehin nicht mehr ändern. ,

Ganz vermeiden lassen sich Schuldgefühle vermutlich nicht und das muss auch gar nicht sein. Immerhin haben Schuldgefühle eine korrigierende Wirkung (Stichwort: Lerneffekt). Aber ich finde es wichtig, zu erkennen, welche Schuldgefühle lediglich zu vermeidbarem Stress führen – und diesen auch tatsächlich zu vermeiden.

Zu diesem Thema empfehle ich übrigens das Buch „Der wunde Punkt“ von Wayne W. Dyer (im Original: „Your Erroneous Zones“).

Wirst Du auch häufig von Schuldgefühlen gequält? Wie wirst Du sie los?

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Über den Autor

Mein Name ist Patrick und ich bin introvertiert. Oft habe ich mir gewünscht, extrovertiert zu sein, bis ich meine Veranlagung besser verstanden habe. Mehr über mich, mein Buch Kopfsache, mein Projekt Healthy Habits.

Comments

  1. Alexandra says:

    Hallo Patrick, ich finde diese Beschreibung über das introvertiertsein sehr interesssant… ich habe die Erfahrung gemacht das ich in Bezug auf meine Ursprungsfamilie und auch in Beziehungen sehr introvertiert bin und es mir sehr schwer fällt mich zu zeigen geschweige denn zu sagen was ich möchte ohne mit Schuldgefühlen belastet zu sein. Es sind sehr große Schuldgefühle und viel Scham die noch immer auf mir liegen und ich habe immer noch mich zu zeigen oder von mir zu erzählen obwohl ich eigentlich im im Leben “ draußen“ sehr gerne rede und lache und über gott und die Welt quatschte…. nur wenns um mich geht dann werde ich plötzlich ruhig sehr ruhig… wie kann das sein ist das auch inrovertiert sein??? das würde mich sehr interessieren .. Vielen Dank glg

  2. Hallo Patrick, du erwähnst hier auf deiner Seite einige Bücher, die du gelesen hast. Ich habe „Quiet“, „The highly sensitive person“ und „The Introvert Advantage“ auf meiner Amazon Wunschliste. Gibt es davon ein Buch, welches du für den Beginn empfehlen würdest? Alle drei werde ich lesen, aber vllt. hast du einen Vorschlag, in welcher Reihenfolge das am sinnvollsten wäre?

    Viele Grüße
    Kristin

    • Hallo Kristin,

      ich würde Dir vorbehaltlos alle drei empfehlen. Ich denke das sind die Besten. Ich habe zuerst Quiet gelesen, dann The highly sensitive Person und im Anschluss The Introvert Advantage. Ob Du die nun auch alle lesen musst, weiß ich nicht. Ich habe es auch gemacht, weil ich ja darüber schreiben wollte.

      Viele Grüße
      Patrick

  3. Ich habe zwar gerade erst angefangen, mich hier ein wenig umzusehen, aber ich finde es schon erstaunlich, wie viel davon auf mich selbst zutrifft. Man kennt sich und seine Eigenschaften zwar, aber sich hinzusetzen und von jemand anderem etwas über sich zu lesen, ist dann doch etwas anderes.
    Ich denke, ich bin ein sehr introvertierter Mensch und die Liste mit den Eigenschaften traf auch sehr oft auf mich zu. Aber ich bin gern so, wie ich bin, und auch wenn man sich doch manchmal wünscht, etwas anders zu sein.
    Normalerweise habe ich mit solchen Schuldgefühle nicht sehr große Probleme, weil ich weiß, dass jeder nunmal anders ist und was für den einen ein tolles Erlebnis ist, bedeutet für mich Stress und Unbehaglichkeit. Doch meine Mutter kann nicht oft nicht verstehen, dass ich mich tagelang in meinem Zimmer mit mir selbst und meinen Interessen beschäftigen kann – und damit ganz glücklich bin. Dann soll ich unter Leute gehen, mich mit irgendwelchen neuen Menschen treffen, usw. Schon wenn dieses Gespräch beginnt, ist meine innere Ruhe dahin. Dann bin ich frustriert, weil sie das nicht an mir akzeptiert und total unruhig, weil ich das bedrängende Gefühl habe, an mich wurde eine bestimmte Anforderung gestellt und ich muss dieser nachgehen, obwohl es doch völlig gegen meine eigene Natur ist und ich das nicht auf biegen und brechen ändern will. Und schon verfolgen mich diese Schuldgefühle für die nächsten Tage, in denen ich nicht mehr im Einklang mit mir selbst sein kann.
    Es fällt dann einfach schwer, zu sich selbst zu stehen, wenn jemand anderes regelmäßig solche Erwartungen gegenüber einem äußert. Was könnte man da tun?

    Danke fürs lesen und auch schonmal vielen Dank für deine Antwort =)

    • Hallo Sandy,

      Eltern wollen ja immer das Beste für ihre Kinder und in ihrer Wahrnehmung ist es ungesund, wenn das Kind allein ist. Dass es auch ungesund sein kann, es zu Dingen zu drängen, die von Natur aus unbehaglich sind, kommt ihnen nicht in den Sinn. Da kann einzig Aufklärung helfen. Zeig ihr diesen Blog oder gib ihr ein Buch zu lesen (z.B. „Still“ von Susan Cain). Darin sollte sie Dich wohl wieder erkennen und hoffentlich besser akzeptieren, wie Du leben willst.

      Viele Grüße,
      Patrick

  4. Sybille Johann says:

    Hallo Patrick,
    ich finde besonders Punkt 2 wichtig. Wir werden laufend beeinflusst, und gerade wenn man introvertiert und sensitiv ist, kann man die eigenen und die fremden Erwartungen sehr schlecht trennen. Dann weiß man nicht mehr, ob der Druck nur von den Anderen kommt oder ob ich das selber will. Da muss man echt die Stopp-Taste drücken und sich fragen „Will ich das wirklich? Tut mir das gut?“ Im zweiten Schritt dann nein zu sagen ist eine Herausforderung, aber wenn man erst mal gemerkt hat, dass man davon nicht stirbt, sondern dass es einem sogar besser geht, sich nicht in was reingezwungen zu haben, dann macht man weiter und steckt seinen wichtigen Rahmen ab.
    Viele Grüße
    Sybille

  5. Hallo Patrick,

    schon wieder ein Artikel, der vieles auf den Punkt bringt, was ich gerade an mir selbst erkenne. 🙂
    Bei der Aufzählung oben wurde mir fast schon unheimlich – ich kenne all diese Gefühle nur zu gut.

    Ich bin bei meiner ganzen Grübelei grade zum Schluss gekommen, dass vieles was ich als Liebeskummer oder „der Beziehung nachtrauern“ interpretiert habe, Schuldgefühle sind, die mich quälen: das Gefühl, nicht genug oder das Falsche getan zu haben, der Wunsch, den Lauf der Dinge im Nachhinein ändern zu können. All das hält mich sehr davon ab nach vorne zu schauen und auch diese Situation jetzt als Chance zu sehen. Seit ich mir dessen bewusst geworden bin, ist es einfacher damit umzugehen. Ich kann mich davon abhalten in diese Spirale aus Reue, Selbstmitleid und Hilflosigkeit zu geraten, indem ich die Vergangenheit eben akzeptiere (und damit auch mich), damit abschließe und mich auf das Hier und Jetzt konzentriere. Das dauert und funktioniert mal mehr, mal weniger, aber es trägt sehr dazu bei, mich besser zu fühlen, zu verstehen und mich zu erden.

    Viele Grüße,
    Dani

    • Patrick says:

      Hi Dani,

      in dem Buch, das ich gerade schreibe gibt es auch einen längeren Abschnitt über Schuldgefühle. Und der erste Schritt gegen diese Schuldgefühle ist tatsächlich Akzeptanz. Da bist du auf einem guten Weg 🙂

  6. Manuel says:

    Hallo Patrick, ich bin Heute via Google auf deine Seite hier Aufmerksam geworden. Ich muss sagen, endlich fühle ich mich mal ein wenig verstanden. Ich habe schon gedacht ich habe ein psychisches Problem weil ich gern allein sein möchte. Vieles (aber nicht alles) trifft auf mich zu, und ich wünschte auch die Extrovertierten würden sich mal hier her verirren. Ich habe schon eine kleine Weile mit einer guten Freundin von mir zu kämpfen, die einfach nicht versteht was ich für ein Mensch bin und wie ich ticke. Alles was von Ihrer Norm abweicht ist nicht normal, zumindest habe ich das Gefühl das es so ist. Sie ist halt ein Extrovertierter Mensch, also genau das Gegenteil von mir. Völlig logisch das da manchmal Welten aufeinanderprallen. Was ich allerdings richtig nervig finde ist die Tatsache, das Sie so ziemlich alles was ich äußere (wegen meiner Introvertiertheit), persönlich nimmt und mich kein bisschen versteht. Wenn ich sage das ich Zeit für mich brauche heisst das für Sie, ich hab keinen Bock auf Sie oder Sie würde mich nerven. Dabei ist es doch gar nicht so, ich brauche das allein sein einfach damit ich funktioniere. Ich bin ja nicht allein weil ich muss, sondern weil ich das möchte. Ich bin auch ein ziemlicher Stubenhocker und gehe nicht gern unter Leute. Partys mit vielen Menschen oder Diskos sind so gar nichts für mich. Ich bin auch immer einer der ersten der nach Hause geht. Gab in meinem (kleinen) Freundeskreis früher immer Diskussion warum ich denn so Zeitig gehe. Mittlerweile haben es alle so ziemlich verstanden. Darüber mache ich mir jetzt keine Gedanken mehr. Umso mehr beschäftigt mich die Sache mit meiner guten Freundin. Ich finde einfach keine Möglichkeit Ihr zu zu zeigen wie ich ticke, wie ich funktioniere, ohne das Sie es falsch versteht. Ich habe Ihr heute einen Link mit den 92 Stichpunkten geschickt. Sie hat auch schon angefangen es zu lesen was ich schon mal gut fand. Leider kam im ersten Atemzug gleich ein Stichpunkt der nicht auf mich zutrifft. Da hab ich mich gleich wieder geärgert, weil ich doch sagte das nur so ca. 80% sind die auf mich zutreffen. Ich hoffe einfach nur das Sie mich irgendwie zumindest ein klein wenig versteht. Und wenn mir deine Seite hier dabei Hilft, wäre das doch eine super Sache. Ich werde ab jetzt jedenfalls öfter hier vorbeischauen, weil es doch gut tut Menschen hier zu treffen die genau so sind 🙂

    • Patrick says:

      Hallo Manuel,

      schön, dass du dich hier gut aufgehoben fühlst. Falls du es nicht weißt, es gibt auch ein Forum: http://www.introvertiert.org/forum
      Ich kann deinen Wunsch nachvollziehen, dass dich deine extrovertierten Freunde verstehen sollen. Allerdings würde ich mir da nicht zu viele Hoffnungen machen. Ich gehe nicht davon aus, dass sie mit introvertiert.org viel anfangen können. Ich habe es jedenfalls aufgegeben, mit meinen Texten Extrovertierte zu adressieren. Aber es könnte schon helfen, dass du dich selbst besser verstehst und deine „Abweichungen von der Norm“ besser akzeptieren kannst.

  7. Hallo Patrick,
    vielen Dank für diesen Artikel, auf den ich zufällig gestoßen bin. Dass ich eine Intro bin, weiß ich schon länger. Aber das der Aspekt Schuldgefühle damit zusammenhängt, war mir bis eben nicht klar. Es ist eine riesige Erleichterung zu lesen, dass ich damit nicht alleine bin. 🙂
    Herzlichen Dank dir dafür.

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