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Warum ich die Worte ‚erzähl mal‘ nicht mag

„Erzähl mal“ oder „Wie war’s?“ sind die Standardfragen, wenn ich von einer Reise heimkehre. Während andere Menschen nach einem Urlaub in einen zweistündigen Monolog verfallen, antworte ich für gewöhnlich: „Gut.“ Oder wenn ich mich besonders gesprächig fühle: „War sehr schön.“ Dann versuche ich noch ein paar Sätze nachzuschieben, weil ich weiß, dass das ein bisschen dünn ist. Doch das war es dann auch.

Ja, ich habe nicht besonders viel Lust, bei jeder Gelegenheit alles ausgiebig zu erzählen. Doch das hält mich nicht zwangsweise davon ab. Das Problem ist, dass ich keine Geschichten erzählen kann. Ich habe zwar viele Informationen in meinem Kopf, kann sie jedoch nicht spontan zusammenfügen. Ich kann nicht so schnell alles gedanklich ordnen und entscheiden was wichtig ist und was nicht. Bevor ich warmgelaufen bin, hat der andere schon das Interesse an der Frage verloren. So fasse ich lediglich das Wesentliche zusammen und was eine gute Story hätte sein können, wird zu: „War sehr schön.“

Die Details kommen erst später. Dann fällt mir ein, was ich hätte erzählen können. Denn natürlich gibt es etwas zu sagen. Wenn ich meine Gedanken aufschreibe und mir Zeit dafür nehme, kann daraus durchaus ein Buch werden oder zumindest ein langer Blogartikel.

Warum ist das so?

Ich glaube, dass es nicht nur mir so geht. Introvertierte denken bevor sie sprechen. Es sind zwei verschiedene Prozesse, die voneinander getrennt sind. Extrovertierte hingegen denken beim Sprechen oder sogar durch das Sprechen.

Eine interessante Erklärung liefert Marti Olsen Laney in ihrem Buch Die Macht der Introvertierten: Demnach greifen Extrovertierte beim Sprechen auf ihr Kurzzeitgedächtnis zurück, Introvertierte hingegen auf das Langzeitgedächtnis. Das dauert länger und bei jeder „Anfrage“ müssen erneut Assoziationen und kleine Erinnerungen hervorgerufen werden. Introvertierte müssen daher bei scheinbar einfachen Fragen lange überlegen.

Fragen wie „Was magst Du?“ oder „Was sind Deine Aufgaben im Job?“ kann ich nicht wie aus der Pistole geschossen beantworten.

Die Aussagen von Marti Olsen Laney leuchten mir ein. Es könnte der Schlüssel dafür sein, weshalb ich mich schwer tue, spontan zu sprechen. Selbst einfachste Dinge kann ich nicht mal eben erzählen.

Von einem Leser dieses Blogs bekam ich das Feedback, dass die Langzeitgedächtnis-Theorie wohl falsch sei. Die Wahrheit ist: Ich weiß es nicht, denn ich bin kein Wissenschaftler, sondern „nur“ ein Introvertierter. Doch es gibt dieses Phänomen, dass Introvertierte besondere Schwierigkeiten mit spontanem Sprechen haben. Vielleicht ist der Grund dafür ungeklärt.

Wie gehe ich damit um?

Ich habe ein paar Strategien, mit denen ich besser durchs Leben komme, auch wenn mir spontanes Sprechen schwer fällt.

1. Aufschreiben

Ich schreibe viel über meine Reisen auf. Mein Reiseblog war zwar eingangs nicht so gedacht, aber es ist ein schöner Nebeneffekt: Was aufgeschrieben ist, muss ich nicht unbedingt auch noch erzählen. Vor allem meine Familie und Freunde lesen mit, wenn es sie interessiert.

Aufschreiben hat jedoch einen weiteren Effekt: Was ich einmal aufgeschrieben habe, kann ich besser erzählen (mehr dazu).

2. Vorbereiten

Ich versuche, nie unvorbereitet zu sprechen. Auf Präsentationen bereite ich mich intensiv vor. Das kostet mich viel mehr Zeit als extrovertierte Menschen, die meiner Erfahrung nach mit weniger Vorbereitung in eine Präsentation oder einen Vortrag gehen.

Mit der Vorbereitung gleiche ich jedoch die fehlende Eloquenz ein wenig aus.

Auch auf Fragen, die ich oft gestellt bekomme, bereite ich mich vor. So fiel es mir als Geschäftsführer meiner eigenen Marketing Agentur lange schwer, unsere Leistungen in mehr als einem knappen Satz zu beschreiben. Also habe ich sie mir aufgeschrieben und mich auf solche Fragen vorbereitet.

3. Nicht über alles reden

Ich vermeide es, über Dinge zu reden, von denen ich wenig Ahnung habe. Vorträge umgehe ich ohnehin, wo es geht. Doch wenn ich nicht sehr tief im Thema stecke, vermeide ich sie vollständig.

Ideal sind Themen, in denen ich mich gut auskenne und die mir Freude bereiten. Darüber kann ich gut reden.

4. Konkrete Fragen fordern

Wenn mir jemand eine allgemeine Frage stellt, versuche ich sie einzuschränken. Ich fordere dann auf, eine konkrete Frage zu stellen, auf die ich konkret antworten kann. „Wie war Deine Reise?“ ist keine konkrete Frage, „Was kann man in Bangkok machen?“ hingegen schon.

5. Nicht sofort antworten

Wenn es die Situation erlaubt, verschiebe ich meine Antwort auf einen anderen Zeitpunkt. Ich bitte um etwas Bedenkzeit und verspreche, später darauf zurückzukommen.

Wie geht es Dir mit spontanem Reden? Kannst Du es gut oder bereitet es Dir Bauchschmerzen? Wie gehst Du damit um?

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Über den Autor

Mein Name ist Patrick und ich bin introvertiert. Oft habe ich mir gewünscht, extrovertiert zu sein, bis ich meine Veranlagung besser verstanden habe. Mehr über mich, mein Buch Kopfsache, mein Projekt Healthy Habits.

Comments

  1. Ich kann den Aussagen aus meiner Sicht zustimmen. Ich erlebe es oft, dass ich mich in Gesprächsrunden zu einem Thema das mich interessiert, äussern möchte, aber bis ich nachgedacht habe, was ich wie dazu sagen will, ist das Thema längst abgehackt. Ich bin dann der, welcher offensichtlich nichts zu sagen hat, ein Schweiger und Langweiler eben. Zum Glück ist ja mindestens ein Extrovertierter darunter, der das Gespräch eh an sich reist und so viel und so gut und zu allen Themen zu reden versteht…
    In diesem Zusammenhang interessiert mich das Thema Introvertiertheit und Fremdsprachen. Ich tue mich schwer mit Fremdsprachen lernen, bzw. sie im Gespräch anzuwenden. Mir wird dann immer vorgehalten, wie doch der und die so gut in der fremden Sprache sprechen, auch wenn sie viele Fehler machen, aber sie plappern einfach munter drauflos…

    • Hi Fritz,

      das ist ein interessanter Aspekt. Ich lerne gerade Spanisch, habe aber keinen Vergleich zu anderen, da ich hier in Mexiko „Private Lessons“ nehme. Aber ich erkenne zumindest das Schema ganz klar wieder: Ich kann nicht einfach drauf losreden in der Hoffnung, dass mir die Wörter schon einfallen. Wenn ich das mache, habe ich das Gefühl, überhaupt kein Spanisch zu können!
      Aber wenn ich erst 2-3 Sekunden nachdenke, merke ich, dass ich vieles doch schon sagen kann.

  2. Kenn ich auch und hasse es… Vorallem, wenn z.B. mit einer zweiten Person eine Stille eintritt, was jedoch für mich überhaupt nicht schlimm ist. Der andere fühlt sich jedoch meist peinlich berührt dadurch und schießt raus: „Erzähl doch mal was…“

    Ähnlich mit dem: „Du bist so ruhig“.

    Bzw. mittlerweile „hasse“ ich es nicht, sondern kann die Menschen berechnen und haha ja bereite mich auf diese Frage vor. Denn sie fällt früher oder später immer! 😉

    Diese zwanghafte Auf-die-Pistole-komm-raus-jetzt-sag-doch-mal-was mag ich nicht. Zwischen können, wollen und mögen liegt jedoch ein Unterschied.

    Grrr. 😀

    • Hi Valeria,

      also, auch wenn Vorbereitung ja für mich ein Mittel ist, damit umzugehen: Auf die Frage „erzähl mal was“ bin ich einfach nicht vorbereitet. Da gibt’s dann einfach kein Antwort von mir 🙂

      • Ja, verstehe was du meinst. Die Frage ist ja auch „was“? „Was“ wollen die Fragesteller hören? 😛

        • „was“ in „Erzähl mir was“ ist eine Abkürzung von „etwas“. (sonst wäre der Satz grammatisch wirklich unsinnig, solange man nicht ein neues Modus des Frageimperativs definiert)
          Für manche kann eine solche Aufforderung eine nette Einladung darstellen, frei über Sachen zu reden, die er/sie schon seit Morgen loswerden wollte. Aber für andere führt sie stattdessen nur zur Verwirrung. Ich habe zwar durchaus Dinge, über die ich gerne sprechen möchte, aber zu nerdige oder politische Themen passen eben nicht in den Alltag. (es sei denn, der/die Gesprächspartner(in) hat wirklich ähnliche Interessen wie ich) Wenn du aber von einer Reise zurückkehrst, interessieren sich ja sicherlich viele Leute in das von hierzulande abweichende Leben im Reiseort oder auch, wie du’s geschafft hast, die Reise zu organisieren usw. Dafür könnte man tatsächlich gut vorbereiten, stelle ich mir vor…

  3. Vielen Dank für diesen Post!
    Ich bin zwar noch Schülerin (Q12), aber ich kann mich so damit identifizieren und fange in letzter Zeit an, mich selbst kennenzulernen. Ich „wusste“ nicht, dass ich introvertiert bin – ich dachte immer, dass irgendwas an mir falsch ist, dass ich mich ändern MUSS, weil die Extrovertierten in der Gesellschaft angesehener sind. Doch desto mehr ich über die Eigenschaften von Introvertierten lese, kann ich mich immer mehr akzeptieren und verstehe nun mich und meine Vergangenheit … wieso ich auf die oder die Art handel/gehandelt habe, vor Allem, wieso ich nie etwas erzählen wollte/konnte.
    Danke!

  4. Hallo Patrick,

    Danke für diesen tollen Artikel, er hat mir sehr gefallen. Ich habe mich in vielem wiedererkannt, bei mir ist das „Problem“, dass ich in Bildern denke, die werden dann erstmal sortiert und versucht in Sätzen wiederzugeben, gar nicht so einfach, dass schnell, auf Zuruf zu einer spannenden Story zusammenzubasteln.

  5. Was mich hier interessieren würde: Wie nehmt ihr Introvertierten eigentlich Extrovertierte war?

    Ich versuche mir in letzter Zeit anzugewöhnen, dass ich diese Gesprächspausen nicht unangenehm empfinde. Also sie sind mir natürlich trotzdem leicht unangenehm, aber ich sage mir dann, dass sie gewünscht und natürlich sind und „halte sie aus“.

    Außerdem habe ich auch ab und zu meine Probleme dazu, auf alles immer sofort zu antworten. Wenn ich im Nachhinein ein Gespräch reflektiere, kommt es mir immer so vor, als hätte ich zwar alles gesagt, aber am Ende fühl es sich immer unrund an. Ich denke immer, bei einer Reflexion des Gesagten, dass ich es hätte besser machen können.
    Und dann denke ich mir immer, nachdem ich eine 5er Gruppe 30 Minuten allein unterhalten habe: „Gehe ich den anderen nicht stark auf die Nerven? Anstatt sich 30 Minuten über die Gedanken aller auszutauschen, habe ich jetzt hier alles alleine besprochen (Monolog) und lediglich mal Zwischenfragen beantwortet.
    Nervt euch das, oder seid ihr dafür dankbar, dass ihr nicht sprechen müsst und würdet ihr das Gespräch verlassen/umlenken, wenn es euch nach 20 Minuten nicht mehr interessieren würde?

    Grüße
    Philipp

    • Hi Philipp,

      schön, dass Du Dir dazu Gedanken machst.
      Ich denke jeder kennt die Situation, dass er gern noch etwas anderes gesagt hätte und der eigene Monolog nicht perfekt war. Gerade bei Extrovertierten – die einfach so drauf los reden – müsste das ja eigentlich der Fall sein. Solange sie hinterher darüber reflektieren (daran mangelt es manchmal).

      Ich mag es wenn Extrovertierte viel erzählen. In meinen Gesprächen habe ich oft nur einen Redeanteil von 10-20%. Das ist für mich kein Problem. Aber natürlich gibt es Einschränkungen: Wenn jemand nur Mist erzählt, ist das natürlich nur schwer auszuhalten. Qualitativ wertvolle Beiträge sind also wichtig, um von mir positiv wahrgenommen zu werden.

      Außerdem erwarte ich, dass sich andere Menschen auch mal zurücknehmen. Gerade in Gruppensituationen ist es nervig, wenn einer die komplette Aufmerksamkeit auf sich zieht. Wenn ich jemanden noch nicht kenne, empfinde ich das noch als recht unterhaltsam. Aber wenn die gleiche Person in den gleichen Gruppen immer wieder im Mittelpunkt stehen will und zum X-ten mal die gleichen Geschichten erzählt, dann ist es nicht nur nervig, sondern auch Zeit zum Fremdschämen.

      Aus meiner Sicht steht und fällt alles mit der Selbstreflexion. Wenn Du Dir hin und wieder Zeit nimmst, über das nachzudenken was um Dich herum geschieht und andere Leute einzubeziehen, wirst Du sicherlich auch von anderen (einschließlich der Introvertierten) positiv wahrgenommen werden. Selbstreflexion ist aber nicht gerade die Stärke von sehr extrovertierten Menschen.

  6. Vielen Dank für diese ausführliche Antwort.
    Ich denke, dass das dann meine introvertierte Seite ist, das Reflektieren. Denn trotz meiner gut ausgeprägten Extroversion, schaffe ich es regelmäßig zu reflektieren (Was allerdings häufig direkt vor dem Einschlafen passieren muss, oder wenn ich mal Zeit habe 😉 ).

  7. Dieser Artikel war für mich sehr hilfreich. Vielen Dank!

  8. Hallo Patrick,
    du sprichst mir wirklich aus der Seele! Ich hab den Artikel über die Eigenschaften der Introvertierten gelesen und ich hab mich richtig ertappt gefühlt, soviel traf auf mich zu. Ich hatte oft damit zu kämpfen, weil mir immer suggeriert wurde, dass ich zu schüchtern bin und erst im Laufe der Jahre hab ich erkannt, dass ich einfach gerne Zeit mit mir selbst verbringe und das gar nichts mit Schüchternheit zu tun hat.
    Ich freue mich, diesen Blog gefunden zu haben 🙂
    Liebe Grüße
    Valerie

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