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Gleich und gleich gesellt sich gern – als Intro-Pärchen durch den Alltag

Dies ist ein Gastbeitrag von Christin David. Sie schrieb mir vor einigen Wochen, dass sie in diesem Blog Informationen über das Leben in einer Beziehung vermisst. Das stimmt, denn bisher gibt es nur Texte über meine Erfahrungen mit Online-Dating. Christin gewährt in diesem Beitrag einen Einblick in ihre vierzehn Jahre währende introvertierte Partnerschaft.

Glück entsteht oft durch Aufmerksamkeit in kleinen Dingen, Unglück oft durch Vernachlässigung kleiner Dinge – Wilhelm Busch

Ich habe mich eigentlich nie gefragt, ob meine Eltern introvertiert sind. Sie sind seit über 40 Jahren ein Paar. Er spielte Trompete unter ihrem Fenster und sie fuhr im Minirock zum Bäcker an seiner Wohnung vorbei. Zu Hause hat jeder seinen Rückzugsbereich, im und ums Haus, und geht seinen eigenen Interessen nach bis eine Mahlzeit oder abendliches Fernsehen ansteht. Schon als Kind bemerkte ich, dass wir ein äußerst harmonisches Verhältnis miteinander haben, auch wenn vielleicht nicht viel geredet wurde. Manchmal macht es mich traurig, dass nicht von mir verlangt wird, regelmäßig anzurufen, gleichzeitig bin ich froh, dass es genügt, mich zu melden, wenn ich wirklich etwas mitzuteilen habe. Heutzutage wohne ich zwar nicht mehr bei ihnen, verbringe aber gerne meinen Urlaub dort. Kurz: Wir sind drei Introvertierte, die in ihrem Haus, in ihrem Garten am glücklichsten sind und von der Welt da draußen eigentlich nichts wissen wollen und die ruhige Dreisamkeit stets genossen haben.

Nun bin ich selbst seit 14 Jahren mit dem gleichen Partner verbandelt und wenn es irgendein Wort gibt, das unsere Beziehung treffend bezeichnet, dann ist das „harmonisch“. Was unser Geheimnis ist? Sofern es eines gibt, ist es in den nächsten Zeilen zu finden.

1. Gemeinsamkeit – Zusammen Pferde stehlen

Wie bei jeder erfolgreichen Beziehung sind gemeinsame Interessen ein Grundpfeiler des Zusammenseins. Auf der einen Seite ist das bei uns der Beruf (wir haben uns im Studium kennengelernt) und die damit verbundenen Herausforderungen an jeden Introvertierten: Terminstress, Präsentationen, mit fremden Leuten reden bzw. noch schlimmer, von ihnen angesprochen zu werden und häufiges Durch-die-Welt-Reisen.

Das Teilen von Erfolgen und den täglichen Ärgernissen mit dem Partner ist ein wichtiger Baustein. Da wir beide introvertiert sind, gehört das Wissen dazu, dass der Andere genau versteht, warum es so ärgerlich ist, wenn dies oder das passiert. Wenn ein Termin ausfällt, den man schon fest eingeplant hatte, wenn an einem vermeintlich ruhigen Tag unverhofft ein Kollege mit vielen Fragen ins Büro stürmt.

Wir bringen einander viel Empathie entgegen, sowohl bei Dingen, die uns ärgern, als auch solchen, die uns erfreuen. Im privaten Bereich sind das kulturelle Vorlieben, lieber in ein Museum gehen, als zu einem Rockkonzert, lieber zu Hause ein Buch lesen, als zur Faschingszeit durch die Stadt zu ziehen. Wir genießen die gemeinsamen stillen Momente ebenso sehr, wie über einen Film, ein Buch, einen Song oder ein Theaterstück zu diskutieren.

Wir lesen viel zusammen (laut!) und kommentieren im Live-Mitschnitt, wie es weitergehen könnte. Bei einem wirklich tollen Buch tauschen wir nach jedem Absatz Ideen und Vermutungen aus. Das geht besonders gut, wenn man auf der Couch kuschelt. Wir kochen gemeinsam, gehen oft zusammen spazieren. Der Glanz der Außenwelt reduziert allerdings meine Fähigkeit des Zuhörens.

Wir mögen die Herausforderungen in Computerspielen, sowie die Geschichten und Ästhetik von Rollenspielen und Abenteuern. Da wir von Berufs wegen viel programmieren, tüfteln wir auch mal an eigenen Kreationen. Computerspiele sind komplex, mit vielen Aspekten, die unterschiedliche, kreative Lösungen erfordern. Sei es in der Graphikabteilung, bei der Musik und Vertonung, im Schreiben von Dialogen oder einer Story im Gesamten, sowie natürlich dem Programmieren und zusammensetzen dieser Elemente … es spricht uns auf allen Ebenen an und erlaubt uns, unsere kreative Seite auszuleben. Ohne das Haus verlassen zu müssen.

Zu zweit kommt man zwar nicht weit mit einem solchen Projekt, aber das ist auch nicht unbedingt unsere Motivation. Der (gemeinsame) Weg ist das Ziel! Stundenlange Zweisamkeit mit hochspezifischen Diskussionen, das Interesse an den Ideen des Anderen und jede Menge absurder Albernheiten sind garantiert.

2. Genügsamkeit – Die kleine Dinge genießen

Das Leben bringt viele Enttäuschungen mit sich, insbesondere wenn man zu viel von sich selbst oder anderen erwartet. Genuss in den kleinen Dingen des Alltags zu finden, ist ein weiterer Grundpfeiler der Zufriedenheit, egal, ob als Single oder als Paar.

Als introvertierte Menschen sind wir Beobachter. Oft entdecken wir ähnlich seltsame Kleinigkeiten in unserer Umgebung, über die wir lachen und staunen können. Manchmal ist das so kurios, dass wir uns noch Jahre später an etwas erinnern können, woran die meisten Menschen vorbeigehen.

Dass Introvertierte gut und gerne schweigen, ist sicher bekannt. Mein Partner sagt, nichts macht ihn glücklicher, als abends auf der Couch zu ruhen und mir dabei zuzuhören, wie ich in der Küche mit dem Geschirr klappere. Selbst, wenn ich dabei kein Wort sage — oder vielleicht gerade deswegen —, gehört das für ihn zur abendlichen Entspannung dazu. Zu wissen, da ist jemand, der sich um dich kümmert, kann ein kraftvoller Gedanke sein.

Wenn es darum geht, uns gegenseitig etwas zu schenken, entscheiden wir meist zusammen, was es wird, zum Beispiel Ausflüge und Abendveranstaltungen. Bei völliger Offenheit lernt man sich und seinen Partner umso besser kennen. So beugen wir Unsicherheiten und Enttäuschungen vor und haben trotzdem genügend Raum, kleine Überraschungen zu machen, die nicht abgesprochen sind.

Häufig sparen wir uns so Urlaubsreisen zusammen. Dann können wir stundenlang durch eine fremde Stadt schweifen, die Architektur, die Natur, die Museen betrachten und besuchen. Fotos mache ich übrigens so gut wie keine, wobei mein Partner mehr dahinter steht. Ich finde es zu umständlich, eine Kamera parat zu haben und genieße mehr den Moment, als im Nachhinein Fotos zu betrachten. Trotzdem bin ich dankbar, für jedes Foto, das mich in Gedanken an solche Orte und Augenblicke zurückführt.

3. Die Stärken des Anderen – der Felsen, auf den ich baue

In dieser Welt sind wir alle mit Stärken und Schwächen geschlagen. Seinem eigenen Partner beizustehen, wenn er durch eine für ihn schwierige Situation geht, ist wichtig, auch und erst recht, wenn man selbst gar keine Schwierigkeiten sieht. Das ist von besonderer Bedeutung bei Introvertierten, die manchmal nur etwas Ermutigung brauchen, um sich einer Alltagssituation zu stellen. Hier ein paar Beispiele aus unserem Alltag:

Wenn es darum geht, unsere früheren Studienfreunde zusammenzutrommeln, damit wir uns wenigstens einmal im Jahr sehen, bin ich meistens die, die alles organisiert und die Kontakte aufrecht erhält. Er kann sich keine Geburtstage merken, selbst wenn er gerne einen Gruß schicken will. Wenn wir dann unsere Truppe zusammen haben und alle sich unterhalten, sinke ich vor Erschöpfung zusammen und sage kein Wort. Das selige Lächeln (eher ein selbstzufriedenes Grinsen) in meinem Gesicht zeigt aber, dass es mich glücklich macht, am Glück anderer teilzuhaben.

Andererseits betrachte ich meine Kollegen nie als Freunde und gehen selten aus mich heraus, um soziale Kontakte über den Arbeitsalltag hinaus zu führen. Das macht mein Partner besser. Zwar fragt er fünfmal nach, ob er nicht den Grillabend absagen soll oder ob es nicht zu aufwendig ist, da überhaupt hinzufahren, aber er freut sich jedes Mal, wenn er mit seinen Kollegen außerhalb der Arbeitszeit weggeht.

Insgesamt habe ich mich am Arbeitsplatz immer am besten mit dem Putzpersonal verstanden. Mit Menschen aus dem Einzelhandel, unserem Supermarkt, unserem Kellner aus einem Lieblingsrestaurant etc. komme ich manchmal besser zurecht, als jenen, die ich jeden Tag sehe. In solchen Situationen fällt mir dann auch der Small Talk leichter, weil ich einfach nur Komplimente mache, wie gut es mir dort gefällt, warum ich immer wieder komme, welche Produkte ich am liebsten mag.

Seine Umwelt nimmt ihn als freundlicher wahr als mich, ich bin seine Beschützerin, die den Rest der Welt böse anguckt, wenn sie ihm zu nahe kommt. Er ist ruhiger, steht aber auch seltener für sich selbst ein, läuft Gefahr, überhört, übersehen und zur Seite gedrückt zu werden. Da komme ich ins Spiel. Ich helfe mit dem Papierkram und der Organisation seiner Welt. Seine Ruhe gibt mir Kraft, seine Nähe Geborgenheit. Durch ihn werde ich mutiger, ihn verteidige ich, um ihn kümmere ich mich mehr, als um mich selbst.

Zu guter Letzt

Ich sage gerne, dass ich mir nicht vorstellen kann, je wieder mit einem Menschen eine so auf Vertrauen und Vertraulichkeit beruhende Beziehung, auch in Bezug auf intime Stunden, aufbauen zu können. Wir haben Wälle in unserem Inneren überwunden, die wir zum Schutz gegen äußere Einflüsse und Verletzungen durch Mitmenschen aufgeworfen haben. So einen Wall noch einmal für jemand anderen einzureißen, kann ich mir einfach nicht vorstellen. Aus beruflichen Gründen führen wir häufig über lange Zeiträume eine Fernbeziehung und es ist trotzdem (oder gerade deswegen?) immer wieder spannend und aufregend! Nach 14 Jahren kann ich mit Stolz sagen, dass ich noch immer in meinen eigenen Mann verliebt bin.

Über den Autor

Mein Name ist Patrick und ich bin introvertiert. Oft habe ich mir gewünscht, extrovertiert zu sein, bis ich meine Veranlagung besser verstanden habe. Mehr über mich, mein Buch Kopfsache, mein Projekt Healthy Habits.

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